„Es ist etwas anderes, einen Ball an einer Stelle einfach ein Paar Fuß hoch in die Luft zu werfen und auf eine Entfernung von 20 Meter das gegenüberliegende Thor zu treffen“, bekräftigte Koch 1878 in der Abhandlung „Cricket als Schulspiel“. 29Damit hatte er zugleich einen wichtigen Punkt herausgearbeitet, der die enorme Beliebtheit der englischen Spiele bei seinen Schülern erklärte. Es gab schlichtweg keine deutschen Spiele, die so einfach zu lernen waren wie Cricket oder Fußball und doch so viele Herausforderungen bereithielten.
Weil er mit Hermann die Erfahrung gemacht hatte, dass sich gerade ältere Schüler nicht mehr für die Schulspiele seiner Jugend interessierten, sah Koch in den englischen Spielen die Lösung. Sie waren definitiv modern, weil sie mehr Wettbewerb boten und komplexer und körperbetonter praktiziert wurden als Schlagball, Drittenabschlagen oder Wanderball. In der Tat haftete den vielen Spielesammlungen in der Nachfolge GutsMuths’ etwas höchst Altertümliches an. In ihnen finden sich auch Sackhüpfen oder Eierlaufen Spiele, die bis heute auf dem Kindergeburtstag Hochkonjunktur haben. Anders ausgedrückt: Während die deutschen Turnspiele miteinander gespielt wurden, gab es bei den englischen Spielen ein klares Konkurrenzverhältnis. Noch dazu übten sich die Schüler durch das Prinzip des fairen Wettbewerbs spielend in die Parameter von Bürgertum, Liberalismus und Freihandel ein.
Man kann es eine moderne Theorie der Spiele nennen, woran Koch damals arbeitete. Ende der 1870er Jahre war sie in ihren Grundzügen komplett. Die neuen englischen Spiele waren attraktiv, weil es wirklich um Gewinnen und Verlieren ging und der Erfolg Tor oder nicht Tor messbar und für jedermann verständlich war. Sie passten in die Zeit, weil sie durch vergleichsweise komplexe Regeln die alten ländlichen Spieltraditionen hinter sich ließen. Und sie waren erzieherisch wertvoll im Rahmen einer modernen Reformpädagogik, die in den Jugendlichen nicht mehr bloß Empfehlsempfänger in der Turnhalle sah.
Die Spielbewegung
„Doch wollen wir mit dem Erreichten uns nicht begnügen und
den zahlreichen Schulen, die noch keinen Versuch mit dem Fußball gemacht haben,
immer wieder auf’s dringendste dieses Spiel empfehlen.“
Wodurch sichern wir das Bestehen der Schulspiele auf die Dauer?
Vortrag, gehalten auf der Versammlung des Nordwestdeutschen Turnlehrer-Vereins zu Braunschweig,
am 24. October 1886 (Braunschweig 1887, Seite 9)
Koch hatte sich in seiner Heimatstadt als Mentor der englischen Spiele einen Namen gemacht. Außerhalb kannte ihn nur jene kleine Schar von Experten, die Fachzeitschriften las. Oder ihn besuchte: 1880 kamen zwei Schulmänner aus Gütersloh und Halberstadt vorbei, um sich über die neuen Schulspiele zu informieren. Dazu gab es einige schriftlichen Anfragen. Kochs Renommé wuchs auf einen Schlag, als der preußische Kultusminister Gustav von Goßler am 27. Oktober 1882 den sogenannten Spielerlass verfügte. Der Minister, nach dem in Berlin zwei Straßen benannt sind, empfahl den ihm unterstellten Schulbehörden nicht nur genau das, was Koch in Braunschweig durchgesetzt hatte. Der „Ministerial-Erlaß, betreffend die Beschaffenheit von Turnplätzen zur Förderung des Turnens im Freien und zur Belebung der Turnspiele“ erwähnte darüberhinaus Koch persönlich und empfahl dessen Schrift „Zur Geschichte und Organisation der Braunschweiger Schulspiele“ als Lektüre.
„Öfter und in freierer Weise, als es beim Schulturnen in geschlossenen Räumen möglich ist, muß der Jugend Gelegenheit gegeben werden, Kraft und Geschicklichkeit zu bethätigen und sich des Kampfes zu freuen, der mit jedem rechten Spiel verbunden ist“, hieß es im Erlass. 1Auch von Goßler stufte die Dominanz des Schulturnens in geschlossenen Hallen als schädlich ein. Sein Schreiben betonte weiter, „daß mit dem Turnplatz eine Stätte gewonnen wird, wo sich die Jugend im Spiel ihrer Freiheit freuen kann und wo sie dieselbe, nur gehalten durch Gesetz und Regel des Spiels, auch gebrauchen lernt“. 2Das war eine ähnlich moderne Bewertung der spielerischen Freiheit, wie sie auch Koch vorgenommen hatte.
Den Braunschweiger Schulmann dürfte auch gefreut haben, dass das preußische Ministerium dem Spiel ebenfalls erzieherische Wirkung zumaß. Es „lehrt und übt Gemeinsinn, weckt und stärkt die Freude am thatkräftigen Leben und die volle Hingabe an gemeinsam gestellte Aufgaben und Ziele“, wie es im Erlass heißt. 3Der Kultusminister sah das Spiel als Motor einer modernen Persönlichkeitsentwicklung, genau wie Koch es in seiner theoretischen Schrift „Der erziehliche Werth der Schulspiele“ 1878 ausgearbeitet hatte.
Sodann empfahl von Goßler eine Reihe von Spielebüchern, natürlich beginnend mit dem Ahnherrn des Genres, GutsMuths’ „Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und des Geistes“. Anschließend zählte er diejenigen Leibesübungen auf, die vom Ministerium für besonders vorbildlich befunden wurden. Neben Treibball, Schlagball, Kreisball, Stehball und diversen Laufspielen wie Barlauf finden sich in dieser Liste auch Kochs englische Spezialdisziplinen: Fußball und Cricket.
Von Goßler war nicht der Einzige, der sich um die Jugend sorgte. Bereits 1881 veröffentlichte der Düsseldorfer Amtsrichter Emil Hartwich die Schrift „Woran wir leiden“. Sie trug den Untertitel „Freie Betrachtungen und praktische Vorschläge über unsere moderne Geistes- und Körperpflege in Volk und Schule“ und erregte reichsweit Aufsehen. Im Stile eines Predigers klagte Hartwich ein Schulsystem an, das die Gymnasiasten im Industriezeitalter immer noch mit den alten Sprachen traktierte. Er wetterte gegen die „Gehirnüberreizung“, 4„unsere moderne Staub- und Stuben-Pädagogik“ 5sowie „die brodlose Kunst, lateinisch und griechisch schriftstellern zu können“. 6Alle Übel der Moderne wurden einer Ursache zugeschrieben: dem Mangel an körperlicher Bewegung. Als Beleg für eine überforderte Schuljugend musste gar die Verbrechensstatistik samt Sittlichkeitsdelikten sowie die zunehmende Kurzsichtigkeit herhalten: „Wenn der große Cäsar heute lebte, würde er sicher eine Brille tragen!“ 7
Heute klingt das grotesk. Damals war die sogenannte Überbürdung der Schuljugend eine vieldiskutierte Frage. Zahlreiche Vereine und Gesellschaften, in denen sich vor allem das nationalliberale Bildungsbürgertum engagierte, begannen für eine umfassende Schulreform zu plädieren. Viele dieser Vereine stammten aus der Hygienebewegung, die durch das Votum von Ärzten und Naturwissenschaftlern unterstützt wurde. Es ging um zu wenig frische Luft in geschlossenen Räumen, die Folgen zu langen Sitzens und zu wenig Bewegung der Schüler. Die Diskussion beeinflusste eine Statistik, derzufolge im Herzogtum Braunschweig sechs Gymnasisaten in die Irrenanstalt eingewiesen worden waren. Oder ein ärztliches Gutachten des Kaiserlichen Statthalters in Elsass-Lothringen, das dem Schulturnen Nachholbedarf attestierte.
Im Sammelbecken der Reformer entwickelte sich eine eigene Richtung, die sich speziell für mehr Schulspiele einsetzte und heute Spielbewegung genannt wird. Emil Hartwichs Streitschrift gehörte zu ihren entscheidenden Anstößen, und Koch wurde eine ihrer zentralen Figuren. Nach und nach kamen im Verlauf der 1880er Jahre weitere Protagonisten dazu und nahmen Kontakt untereinander auf. Dabei baute die Spielbewegung unmittelbar auf die bisherigen Reformvereine auf. Der Sozialwissenschaftler Eerke U. Hamer, der „Die Anfänge der ‚Spielbewegung‘“ detailliert beschrieben hat, beurteilt von Goßlers Spielerlass zum Beispiel als eine Reaktion auf den Druck der Hygiene-und Schulreformvereine.
Auch in Braunschweig gab es einen solchen Verein. Kochs Schwiegervater Friedrich Reck war in der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte aktiv, aus der einst der Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege hervorgegangen war. 1877 gründete er einen Braunschweiger Ableger, den Verein für öffentliche Gesundheitspflege im Herzogtum Braunschweig. Koch war Mitglied und publizierte in der Monatsschrift des Vereins mehrfach über seine Erfahrungen mit den Schulspielen am Martino-Katharineum. In „Die Beseitigung des Nachmittags-Unterrichts und die Schulspiele“ plädierte er beispielsweise dafür, den Stundenplan zu straffen und mehr als nur zwei Nachmittage zum Spielen freizugeben.
Читать дальше