1 ...8 9 10 12 13 14 ...19 Emil sagte: „Und nun aufgepasst — ich knüpfe das Seil los, dann könnt ihr ein Stückweit den Rhein hinunterfahren.“
Die Soldaten gehorchten, Dominico, Ernesto, Nicolo, alles mutige Krieger. Sie kletterten auf die Stämme hinaus.
„Weiter unten binde ich die Schiffe wieder an“, sagte der General, „dann könnt ihr aussteigen.“
Aber auch dieses Unternehmen verlief nicht ganz nach Emils Berechnung. Hier trug zur Abwechslung die starke Strömung die Schuld daran. Die Strömung ergriff die Baumstämme und riss sie vom Ufer fort. Und als Emil das Seil nicht mehr zu halten vermochte, liess er es fahren. Aber er lief wenigstens dem Ufer entlang und unterstützte seine Krieger durch tapferen Zuspruch: „Haltet euch nur fest! Ihr könnt Gift darauf nehmen, dass man euch weiter unten auffischt; es geschieht euch gar nichts. Und falls man euch nicht auffischen sollte, bleibt ihr einfach an einem Brückenpfeiler hängen.“
Eine Mauer verlegte dem General den Weg. Er rief der abziehenden Armee doch noch nach: „Und wenn sie euch trotzdem nicht auffischen sollten und ihr auch nicht an einem Brückenpfeiler hängenbleibt, dann fahrt ihr in Gottes Namen ins Meer hinaus. Lebt wohl ...“
Hurra.
Barrenti, der Machthaber im Gärtnerhaus, verdrosch seine Buben, als sie nass nach Hause kamen. Schuldig oder unschuldig, darauf kam es ihm ebensowenig an wie einem Hannes Frank. Vater war er, und Strafe muss sein. In dieser Gegend war das goldene Zeitalter der Jugend noch nicht angebrochen, man verehrte noch nicht die Majestät des Kindes.
Im übrigen hielt der Italiener gute Nachbarschaft. Sein Singen und Pfeifen erklang schon in frühester Morgenstunde. Begegnete man ihm auf dem Wege, dann rief er ein lustiges Wort und lachte dazu. Er ging umher mit seinen prachtvollen weissen Zähnen und seinem Perlenhumor, Gott und allen Menschen wohlgefällig, als ein unverwüstlicher Sänger und Spassmacher — die ganze Woche lang. Doch am Sonnabend betrank er sich, und dann drangen andere Töne aus dem Gärtnerhaus. Dann schrie die blasse kleine Frau, und es schrien die Kinder. Dann wurde Giochino Barrenti zum gefährlichen Tier.
Man gewöhnte sich bald an beides, sowohl an die friedliche Gemütlichkeit der Woche als an den Sturm des Samstags. Es ist ein Segen und ein Fluch, dass die Menschen sich so schnell an alles gewöhnen.
Man bedauerte die arme Frau und die armen Kinder. Wer sollte ihnen helfen? Wer soll all den vielen helfen, die leiden müssen? Einst zog ein tapferer Ritter aus, mit der Stärke seines Armes allen Verfolgten zu helfen und Krummes geradezubiegen. Dafür wurde er selber geprügelt und ausgelacht. Es bleibt das Weltgetriebe stets dasselbe. Den einen trifft es so, den anderen anders ...
Die Italiener lebten weiter.
Aber gegen den Frühling hin ereignete sich etwas Schlimmes, ein Unglück. Das traf Konrad. Das Schicksal hatte ihn ausersehen, da mussten ihm beide Arme verbrannt werden. Und auch das ging so einfach und alltäglich zu, als fiele nur ein reifer Apfel vom Ast. Ein Teil Unachtsamkeit, ein Teil Heldentum, daraus entstand Konrads Unglück.
Zweifellos war das der erste Fehler, dass der Drogist in seiner Werkstatt einen offenen Petrolkocher verwendete. Dann war der zweite Fehler, dass der Geselle darauf Wachs schmolz. Das Weitere ergab sich von selber: überkochendes Wachs, Geschrei, ein fliehender Geselle. Vielleicht wäre ein Haus eingeäschert worden. Aber nun stand eben ein Junge, wie dieser Konrad, dabei, und der hatte, wie jener irrende Ritter, in seinem Herzen den Drang, zu helfen, ohne lange Überlegung. Darum griff er zu mit seinen beiden Händen. Und da es nun so geschehen sollte, trug Konrad an diesem Tage einen neuen Leinenkittel, der sogleich in heller Lohe stand. Der ganze Konrad wurde zur brennenden Fackel.
Sie zogen ihm den Kittel über den Kopf; aber die Knöpfe an den Ärmeln hielten fest. Sie wickelten ihn in nasse Tücher und erstickten das teuflische Feuer. Zu spät. Das Feuer hatte Konrads Arme vernichtet; Konrads beide Arme, mit denen er arbeiten wollte ein ganzes Leben lang.
Sie brachten ihn ins Krankenhaus. Da lag er nun — ein gefällter junger Baum, der nie blühen und keine Früchte tragen durfte. Es ward Konrads Lebensweg abgebrochen. So unbegreiflich laufen die Wege der Menschen, bald grauenhaft, bald lächerlich. Die Menschen können es nicht ändern.
Der reiche Weinhändler Bondorf verschwendete sein Geld und verlor deshalb sein Leben und das Leben seiner Frau; aber Konrad verlor alles durch eine gute Tat, sein Herz war frei von Gier und Sünde. Ach, ihr Freunde, wer vermag je das Geschick der armen Menschen zu deuten?
Die Lohmannschen Frauen heulten jammervoll; selbst Hannes Frank, der sonst in jeder Not einen Rat wusste, verstummte. Noch hofften sie, dass nicht alles verloren sei. Doch mit Konrad stand es schlimmer als schlimm. Es sei hoffnungslos, erklärte der Arzt. „Die Arme sind verloren.“
„Allmächtiger — beide Arme?“
„Beide Arme.“
Ach, wie sie klagten und heisse Tränen vergossen, die Frauen. „Nur zu Leid und Schmerz wurde er geboren“, klagten sie. Sie wandten sich an die höheren Mächte und fragten: „Was hat er denn verbrochen, der arme Bub, dass er derart gezüchtigt wird?“ Sie erhielten keine Antwort auf diese Frage.
Endlich fand Hannes Frank seine starke Sprache wieder; endlich erinnerte er sich an sein Zauber- und Wunderbuch, an den Helfer aus allen Nöten. Er legte den Kopf zurück und verkündete: „Beide Arme! Ob es ein zehnfacher Professor ist, der solches behauptet — ich meinerseits glaube nicht daran. Ich sage: Wo noch Leben ist, ist Hoffnung. Und die studierten Herren machen auch ihre Dummheiten.“
Gut gesagt; eine frische Sprache und ein linder Trost für die Frauen. In den nächsten Tagen wurde nicht gekämpft im Ritterhof; alle schlichen traurig und bedrückt umher wie gezüchtigte Kinder.
Die Wunden in Konrads Gesicht heilten überraschend schnell. Nach ein paar Wochen wurden ihm die Binden abgenommen, und er lächelte Werner entgegen — blass wie immer, geduldig wie immer. Konrad trug sein Leid mit der wunderbaren Ergebung der Tiere, die nicht jammern, die sich nur irgendwo verkriechen, um stumm zu sterben.
„Ja, ja — das ist eine sorgenvolle Geschichte“, sagt Konrad. Es klingt beinahe wie eine Entschuldigung. „Nimm den Stuhl dort. Rück näher — so — setz dich doch!“ Alles scheint ihm selbstverständlich. „Und jetzt liege ich also hier“, sagt Konrad.
Und es ist wohl nicht mehr darüber zu sagen. Da liegt er.
Aber für Werner ist das nicht so klar und begreiflich. Werner öffnet mühsam den Mund — kein Laut. Mit zuckenden Fingern fährt er über den Rand des steifen Hemdkragens, der auf einmal so eng wird und furchtbar würgt. Eine Bleikugel steckt in seinem Hals, er schluckt und schluckt und kann sie nicht verschlucken.
„Dort — jenes Stück Schokolade“, sagt Konrad, mit den Augen auf den kleinen Tisch zu Häupten des Bettes weisend. „Die Schwester gab es mir. Nimm es. Ich mag Süssigkeiten nicht, wie du weisst. Und hier bekomme ich viel zuviel davon. Sie schenken mir alles mögliche. Alle sind gut gegen mich.“
Ob Konrad Süssigkeiten nicht leiden mochte, wie hätte Werner das wissen können? Hingegen weiss er, dass Konrad das Stücklein Schokolade für ihn aufgespart hat. Da ihm jedoch eine Kugel im Halse steckte, vermag er nichts zu essen. „Hattest du grosse Schmerzen?“ fragt er.
„Nein. Zuerst war es der Schreck; ich war ja ganz betäubt. Wenn die Schmerzen zu gross werden, empfindet man sie nicht mehr. Und heute spür’ ich auch nicht viel davon — nur wenn sie den Verband wechseln ...“
Sie plaudern ein wenig miteinander, und Konrad erkundigt sich nach seinen Kaninchen. „Du hast sie doch nicht vergessen?“
„Ich füttere sie jeden Morgen und jeden Abend.“
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