„Wenn es Euer Excellenz so dünkt . . .“
„Ihre tüchtige Natur wird sich in Berlin bald zum Besten reinigen. Was an mir ist, will ich mit Freuden tun. Sie empfangen noch von mir Empfehlungsschreiben . . .“
„Ich danke Euer Excellenz!“ stammelte der Student. Goethe reichte ihm die Hand. Jetzt ging ein väterliches Wohlwollen, ein Verstehen alles Menschlichen von ihm aus.
„Wir wandeln alle in Geheimnissen! Jeder löst die Welt auf seine Weise! Probieren Sie’s auf die Ihre, mein Bester!“ sagte er. „Dem ich wohl zu leben wünsche!“
Der Studiosus Ellerbrook lief durch die Ackerwand, am Haus der Frau von Stein vorbei, hinüber zum Gelben Schloss. Jawohl: der Assessor von Helmich war jetzt aus Ilmenau zurück. Er sass in seiner Amtsstube. Er hatte ein paar Dienstschreiben vor sich liegen, die er nachdenklich betrachtete. Er machte ein sehr ernstes Gesicht, während er aufstand und den Kriegsgefährten begrüsste.
„Man hat mir gemeldet, dass Du da warst!“ sagte er. „Ich habe mir gleich Deine Akten geben lassen, von denen ich bisher nichts wusste! Bruder: das ist eine schöne Schweinerei! Sie haben Dich in Berlin gründlich von Petersburg aus verdächtigt! Sie sind in Berlin gleich bereit, wenn der Zar etwas wünscht . . .“
„Ich komme von Excellenz von Goethe . . .“
„Was kann der grosse Mann gegen Alexander und seine Kosacken? Klein ist unter den Fürsten Germaniens der meine — dichtet er selbst!“
„Aber er hat mir versprochen, meine Studien in Berlin zu fördern . . .“
„. . . . und ich habe hier einen vorläufigen Bericht unseres dortigen Vertreters, des Herrn von Müller“, sagte der Assessor von Helmich langsam, „wonach Du ein-für allemal von allen preussischen Hochaschulen ausgeschlossen bist!“
„Was?“
„Mehr! Ich möchte Dich warnen, preussisches Gebiet zu betreten. Ich habe da die Abschrift eines dortigen vertraulichen Rundschreibens. Du läufst Gefahr, als, wie es da heisst, ein für die Wissenschaft unbrauchbares Subjekt unter das Militär gesteckt zu werden, oder, wenn der p.p. Ellerbrook in aufrührerischer Gesinnung verharrt, sogar ins Gefängnis!“
„Bruder — das hat sich dort Einer als Jocus in der Besoffenheit ausgedacht!“
„Das ist unterzeichnet von dem Geheimen Oberkriegsrat und Direktor im Polizeiministerium Josias von Römhild in Berlin.“
„Schon wieder der Kerl, der mich aus Jena vertrieben hat!“
„Er gehört zu den härtesten unter den Berliner Geheimräten. Wir können von hier aus keine Vorstellungen erheben. Denn Du bist nicht Thüringer Landeskind. Du bist Ausländer. Du bist Preusse!“
„Ich bin Deutscher!“ schrie Christian Ellerbrook, „und das werde ich dieser verknöcherten Geheimratsseele verdeutschen!“
„Du willst doch nicht . . .?“
„Ich will vor den alten Mann hintreten, der einen ehrlichen Burschen zum Hundsfott machen will, und ihm sagen: Römhild! Das ist ein furchtbares Missverständnis!“
„Christian . . .“
„. . . Römhild — schauen Sie mich an! . . .“
„So höre doch . . .“
„Römhild! Denken Sie nicht an die Baschkiren, sondern an die Burschen! Römhild! Sie sind gewiss schon ein alter Knabe. Bald stehen Sie vor dem ewigen Richter! Deutschland klagt Sie an!“
„Du wirst mit den Gerichten zu tun bekommen!“
„Wer Deutschland so liebt wie ich, dem kann Deutschland nichts tun!“ sagte Christian Ellerbrook. „Du leihst mir ein Ränzel und ein wenig Wäsche, Bruder!“
„Aber die Post meldet, wenn du Dich auf dem Comptoir einschreiben lässt, Deinen Namen an die Polizei!“
„Ich wandere zu Fuss nach Berlin!“
„Es ist erst März, Christian! Du kommst in Sturm und Regen!“
„Es soll stürmen!“ schrie der schwarze Student. „Der Sturm des Herrn soll über Deutschland fegen! Davon solle der Geheimrat Römhild einen Hauch verspüren, wenn ich bei ihm eintrete! Ich fürchte den alten Kerl nicht! Ich poche auf mein gutes Recht! Ich werde ihm sagen: Römhild — wie soll ich denn einmal die Apotheke ‚Zu den Heiligen Drei Königen‘ in Köln übernehmen, wenn ich nicht zu Ende studieren darf? Und ich werde ihm sagen, darüber hinaus: Römhild! Sie und ich: Wir beide sind Deutsche! Gott mehre die Deutschheit!“
Der Märzsturm johlte und pfiff und donnerte in diesen Tag- und Nachtgleichen des Jahres 1818 durch Deutschland, und der Studiosus Ellerbrook wanderte in flatterndem Mantel, kampflustig den Knotenstock schwingend, trotzig Burschenlieder der Windsbraut ins Angesicht singend, mit grossen Schritten Berlin zu.
Er überholte auf der nassen Landstrasse die langen Reihen der mit grauem Leinwandplan gedeckten vierspännigen Frachtwagen und die Fuhrleute mit ihren blauen Blusen und mit ihrem Peitschenknall und Hüah! und dem Gekläff ihrer Spisse. Er wies, ein schmucker, schlanker Bursch mit der wehenden Feder am Barett, den Dorfmädeln am Brunnen lachend die weissen Zähne, er feuerte, um die Spiessbürger zu schrecken, auf dem Marktplatz von Krähwinkel einen blinden Schuss aus seiner Pistole. Er hatte Händel mit den Handwerksburschen, den geschworenen Feinden der Studiosen, er zechte im Krug Dünnbier mit den Bauern — freundlichen Thüringern, missvergnügten Sachsen, noch von Leipzig her, wortkargen Märkern.
Und endlich sah er, auf seinen Ziegenhainer gestützt, das Ränzel auf dem Rücken, im Mittagsonnenschein vom blassblauen Himmel oben vom Kreuzberg her das dunstige Häusermeer Berlins vor sich liegen.
Da unten an der Spree, da sassen — für den Studiosus Ellerbrook — die Neidlinge deutscher Burschenschaft — da sassen Skelette in Perücken, die nichts konnten als Streusand auf tintenfeuchte Polizeiverbote schütten — da sassen Finsterlinge in Amt und Würden, die sich halb als Kammerhusaren des Zaren fühlten.
Da sass auch der Herr vom Kamptz, dessen Gensdarmerie-Codex man auf der Wartburg verbrannt hatte — gelesen hatte ihn freilich Keiner! — da sass auch der grosse Widersacher eines braven deutschen Jungkerls, der da oben im Sturm stand und zornig lachte: der Geheime Oberkriegsrat und. Direktor im Polizeiministerium Josias von Römhild.
Um zu ihm zu gelangen, musste man durch das Hallesche Tor Berlin betreten. Aber Christian Ellerbrook bog rechts ab. Er frug sich nach dem nahen Turnplatz in der Hasenhaide durch. Er war nicht schwer zu finden. Denn in dichten Reihen umsäumten die neugierigen Bürger und Bummler und Frauen und Fremde und Handwerfer und Halbwüchsige die weite Fläche, auf der sich Hunderte von Gesellen in ungebleichter Leinwandjacke und -hose tummelten. Sie klommen an hohen berwimpelten Stangen gen Himmel und kletterten an Hängeseilen und Strickleitern und hingen an schräg aufwärts gespannten Tauen. Sie liefen auf den Händen und schlugen Purzelbäume. Sie schnellten sich an langem Stab hoch über die Sprungschnur. Die wirren Mähnen flatterten ihnen im Schwung der Riesenwelle am Reck, die Körper streckten sich im Schwebehang und wippten mit steifem Ellbogen am Barren und kippten mit gespreizten Beinen über den Bock und trabten im Kiebitzlauf und flogen im Karpfensprung durch die Luft und lagen gruppenweise im Gras und Sand und sangen:
„Hei — wie schwungen sich die Jungen!
Frisch, fromm, froh, frei!“
„Platz, Ihr Kuchenbäcker!“ rief der schwarze Student. Die Spiesser umher waren den rüstigen Ton des Turnplatzes gewohnt. Sie bildeten eine Gasse, durch die Christian Ellerbrook das neue Heiligtum der Hasenhaide betrat.
Ein riesenhafter Recke ragte da breitbeinig mitten im freien Raum. Der lange, schmale Andreas-Hofer-Kopf bot ob den ergrauten Seitensträhnen die Glatze dem Wind und der Sonne. Ausdrucksvoll wie aus deutschem Eichenholz gehauen das Antlitz mit den klaren Augen, der bäuerisch-festen Form von Mund und Nase. Ergraut wallte dem erst Vierzigjährigen der mächtige Vollbart zwischen dem auch schon etwas ergrauten Schillerkragen über den freien Hals. Der Kraftmensch trug keine Weste, nur einen abgeschabten Rock über dem Leinenhemd, das die breit gewölbte Brust offenliess. Seine Stimme dröhnte mit Urgevalt, als er die Arme ausbreitete.
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