„Noch weit drüben auf dem Burgkeller“, ergänzte der Assessor von Helmich, „sitzen die Philister bei ihrem Stübchen Rosenbier und ergötzen sich an den vaterländischen Gesängen! Dort im, Gasthof zur Sonne’ haben die durchreisenden Fremden die Fenster offen. Herren und Damen hören zu!“
„Und über die aufrührerischen Vollbärte“, sprach nachdenklich Graf Zichy, „könnt’ man hinwegschauen, nachdem sich darunter das Eiserne Kreuz präsentiert.“
Es waren ehemalige schwarze Reiter Lützoms, die da standen — Christian Ellerbrook mitten unter ihnen — in ihren schwarzen Röcken jetzt noch der Uniform der Totenkopfbusaren ähnlich, Theodor Körners Kampfgenossen. Über den Platz hin hallte sein Sang:
„Vater — Dich preisen wir!
Vater — Dir danken wir,
dass wir zur Freiheit erwachten!“
„In dem Bericht unseres Staatsdepartements, Excellenz“, sagte der Assessor von Helmich, „heisst es ausdrücklich: ‚Die Jünglinge geloben sich Brudersinn und Eintracht’, und als unmittelbare Folge dieser Eintracht zeigt sich unter den Studierenden in Jena eine grosse Sittlichkeit und strenge Beobachtung landesherrlicher Gesetze . . .“
„Wie auch die Hölle braust,
Gott, Deine starke Faust,
stürzt das Gebäude der Lüge!
Führ’ uns, Herr Zebaoth!
Führ’ uns, dreieiniger Gott . . .“
„Sie hören die Begeisterung, Excellenz!“ Wärmer als sonst die Stimme des jungen Weimarer Weltmanns. „Sie kommt aus einer grossen Zeit, die nahe erst hinter uns liegt, und aus reinen Seelen. Alles Fluchen, Schuldenmachen und Hasardieren ist in der Burschenschaft verpönt, der Besuch übler Häuser, das unmässige Kommerchieren. Wehe, wer einen Philister betrügt oder sein Kegelgeld in der ‚Tanne’ nicht zahlt. Selbst das Raufen versucht man — lachen Sie nicht! — hier— hier in Jena — einzudämmen! Der Studiosus Ellerbrook, mein Blutbruder von Ligny, den ich hier Eurer Excellenz präsentiere, ist, nach dem Grafen Bocholtz, der Wildeste aller Jenenser, was immerhin etwas bedeuten mag. Er wird Ihnen Bescheid sagen, welcher Geist — ob ein böser oder guter — auf unser Jena herniedergestiegen ist!“
„Diesen Geist, alter Herr!“ Christian Ellerbrook drückte ungezwungen der Wiener Excellenz im Wagen die Rechte, „haben uns schon im Vorjahr, am zweiten Jahrestag der Einnahme von Paris, die guten Jenaer Mädchen in unser Panier gestickt. Das Panier bedeutet für uns Burschen: ‚deutsche Einheit und Volksehre!“
Der greise Staatsmann rieb sich die von dem Händedruck des Jenaer Burschen gerötete Rechte.
„Volksehre! . . . Aber freilich!“ sagte er. „Nur: wie schaut’s da nachher bei Euch jungen Herren mit dem schuldigen Respekt vor den angestammten Fürsten aus?“
„. . . die über Deutschland Rat halten, wie unser Karl August — die wollen wir recht lieben, wie wir’s schon bei jedem Kommersch singen: ‚Stosst an, Landesfürst lebe!“ Und die über Deutschland Unrat halten, die mögen sich hier in Jena an die Stiefelwichser und Billardeurs halten, aber nicht an uns freie Burschen.“
„Ja — ja — die liebe Freiheit!“ erkundigte sich neugierig der alte Graf. „Wie steht Ihr denn da zu den Gesetzen, wann Ihr so frei seid, frei zu sein?“
„Gerade weil wir frei sind, alter Herr, gehorchen wir freiwillig der Obrigkeit! Nur darf man uns nicht in dumme Geistlosigkeit hinstrecken wie die toten Klötze — wie Vater Jahn sagt! Wir wollen nicht von hochwohlgeborenen französischen Affen regiert und wir wollen nicht von wohlgeborenen lateinischen Affen belehrt werden!“
„So — so! . . . In Würzburg und den Main runter fangen’s schon überall die Juden zusammen! In Frankfurt nehmen die Tumulte kein End’! Wie haltet Ihr’s denn da mit der bürgerlichen Ruhe und Ordnung?“
„Wir sind deutsch! Weh dem, der unser Deutschtum antastet! Sonst lassen wir jedermann in Frieden!“
„No — ich dank’ schön, mein Lieber! Zerknackens mir nur nicht die Finger! Hab’ die Ehre! Ja: ich weiss nicht.“ — Der K. K. Cabinettsminister Graf Zichy wandte sich im Wagen an den Grafen Edling. „Ich kann nix Auffälliges in dem verrufenen Jena finden! Jung sind’s halt noch, die Buben! Aber das gibt sich! . . . Von Wien aus schaut das Alles viel schlimmer her. Ich werd’ in dem Sinn ungesäumt an den Herrn Staatskanzler Metternich berichten!“
Und auf dem Markt zu Jena stand der Studiosus Ellerbrook inmitten der Mitglieder des „Staatsrechtlichen Vereins“, des Decknamens für die Führer-Auslese der Burschenschaft, und lachte trotzig und begeistert mit geschwungener Faust.
„Wir haben der Metternichtigkeit den Weg gewiesen!“
„Der Knechtschaffenheit!“
„Heil die heilige Freiheit!“
„Volunto! Volunto!“
„Heil Karl August!“
„Heil unsern Lehrburschen, den Professoren! Da drüben winken sie uns vom Rathaus! Der Oken, der Fries, der Luden! Heil, Ihr alten braven Kerle!“
Daneben stand auf dem mondhellen Markt eine zweite, gedrängt und aufgeregt raunende Gruppe von Commilitonen. Das war die „Litterarische Bildungsgesellschaft“, der getarnte enge Ring der „Unbedingten“, der Allerschärfsten in der Burschenschaft. Aus ihrer Mitte trat ein junger Mann im schwarzen Rock rasch auf Christian Ellerbrook zu. Er war schlank und hochgewachsen. Lange schwarze Ringellocken hingen um das ernste, blasse, gegen das Kinn hin schmal zulaufende Antlitz mit den hellen Augen und dem seltsam kleinen, hartnäckigen Mund.
„Furchtbarer Verrat!“ murmelte er dumpf mit einem Anklang an die bayrisch-fränkische Mundart.
„Wieso, Bruder Sand?“ Der Andere lachte. „Im Gegenteil! Wir haben jetzt beim König in Berlin und beim Kaiser in Wien einen Stein im Brett!“
„Aber der Tyrann an der Nema reckt über Deutschland die Knute!“ sprach kalt und verbissen Karl Ludwig Sand, der Theologe. „Wir haben es schwarz auf weiss!“
„Horcht, was der Spukmeier meldet!“
„Sprich, Sand!“
„Wisst: der Weimarer Schandbube und Erzknecht Kotzebue hat jüngst ein Mémoire an seinen Brotherrn, den Zaren Alexander, verfasst . . .“
„Wir haben dem Schuft schon einmal ein Bündel zerbrochener Gänsekiele zur Warnung durchs Fenster geschmissen!“
„. . . ein Mémoire, in dem er erklärt, die deutsche Studentenjugend müsse durch Russland dem freiheitlichen Irrgarten entrissen werden, in dem sie jetzt herumstolpere!“
„Hast Du den Dreck selbst gelesen, Bruder Sand?“
„Er war von dem Elenden seinem Sekretär auf ekles Wälsch diktiert. Die Schreiberseele konnte einige Sätze nicht entziffern und bat einen wackeren Mann, den Litterator Lindner, der mit ihm im selben Hause in Weimar wohnt, um Hilfe. Hei! — unser Lindner wusste Bescheid, was tun? In einer Stunde schrieb er die wichtigsten Stellen ab und schickte sie hierher nach Jena an den Herrn Professor Oken! Unser Oken hat sie jetzt eben in der ‚Isis“ veröffentlicht! Man reisst sich drüben in der Druckerei um die ‚Isis’, ehe sie konfisziert wird! Man zahlt einen Dukaten und mehr für das Exemplar! Ich habe mir eines gerettet! Da seht!“
Von Hand zu Hand ging, noch druckfeucht, die Nummer der „Encyklopädischen Zeitung“, die das halbe literarische Europa im Atem hielt. Sperber- und schakalköpfig bewachten auf dem Titel des gelblichen Quartblatts Osiris und Anubis die sitzende Isis. Hieroglyphen standen im Text geheimnisvoll neben den Namen des Missfälligen. Eine krumme Nase ergänzte das Bild des Saul Ascher, eine Knute das des Janke, ein Eselskopf das des Publizisten Reinhard. Eine Gans aber, die sich mit dem rückwärts gebogenen Schnabel hinten im Darm pickte — das war der Rotzebue . . .
„Die Gans wollen wir rupfen!“ rief Christian Ellerbrook. Um ihn ein drohendes Geschrei:
„Wir haben den Kotzebue gewarnt, als er neulich seinen Sohn hier besucht hat, er solle sich nicht wieder in der Umgegend von Jena blicken lassen!“
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