Dem Vater gehe es etwas besser, sagte die Mutter, die Ärzte wollten es allerdings nicht glauben. Hans antwortete, dass er es glaube, weil der Vater nicht so einfach aufgebe. Manchmal könnte man gar vergessen, dass er krank sei.
Die Mutter schaute ihn verwundert an.
»Ich geh Holz hacken«, erwiderte sie.
In der Nacht leuchtete das Federbett weiß. Hans blickte hinauf zur Tapete an der Dachschräge, über die schwarze Katzen huschten. Er dachte an Margret, die blond war, und spürte, wie sein Geschlecht steif wurde. Er berührte sich, zog die Hand aber sogleich zurück. Die schwarzen Katzen kreischten und machten ihn zittern. Sein Herzschlag beschleunigte sich, gleichzeitig schien die Wärme allmählich aus seinem Körper zu weichen. Plötzlich hatte er ein Foto vor Augen, auf dem die Mutter in einem schwarzen Kleid auf der Armlehne eines Sessels saß, ganz jung, die Hände im Schoß gefaltet, ein silbernes Kreuz um den Hals und mit schmalen Lippen lächelnd. Hinter ihr stand der Vater im Anzug, sein rechter Arm war halb zu sehen, so dass seine rechte Hand entweder den Rücken der Mutter oder die Sessellehne berührt haben musste. Vor dem Vater, in weißem Rollkragenpullover und weißen, gestrickten Kniestrümpfen stand er selbst, mit glatt gekämmtem Seitenscheitel.
Der Pfarrer hatte gesagt, man fasst sich nicht an. Die Mutter hatte gesagt, man fasst sich nicht an. Der Vater hatte geschwiegen.
Frierend erhob sich Hans, tappte leise die Stufen hinunter und blieb einen Moment zwischen der Kellertür und dem Schlafzimmer der Eltern stehen. Dann ging er in den Keller. Während er Kohlen in den Blecheimer schaufelte, hörte er dumpfe Schritte auf der Treppe. Unter dem Nachthemd der Mutter, die ihn sonderbar wach anblickte, zeichneten sich ihr großer Busen und ihr weicher Bauch ab. »Kohlen sind teuer«, sagte sie, ehe ihr Blick vom Kohleeimer zu Hans’ Schlafanzughose wanderte.
Fortan bot sie ihm nicht mehr an, neben ihr zu schlafen, auch wenn es von Nacht zu Nacht kälter wurde. In Hans’ Träumen wirbelten Hexen und verschiedene Tiere herum, die ihn verfolgten, aber niemals zu fassen bekamen. Einmal wurde er in den frühen Morgenstunden wach, und als er die Mutter unten in der Küche hantieren hörte, wäre er gern zu ihr geeilt, um sich von ihr trösten zu lassen.
Wenige Tage darauf schob Hans den dreirädrigen Wagen des Vaters hinüber zur Haltestelle und rollte ihn nah an die Bustür heran, bevor die Mutter mit dem Vater auf dem Rücken ausstieg. Hans griff den Vater unter den Achseln; zu zweit setzten sie ihn in den Selbstfahrer. »Die kriegen mich nicht unter«, lachte der Vater.
Hans und die Mutter wickelten den Keilriemen um die Antriebswelle, die seitlich am Wagen angebracht war, und traten dann vom Selbstfahrer zurück. Mit einer kräftigen, ruckartigen Bewegung zog der Vater an dem Lederriemen. Heute gelang es ihm beim ersten Mal, den Motor zu starten. Im Fahren winkte der Vater bald rechts, bald links den Dorfbewohnern, die ihre Gardinen beiseite schoben und zu ihm herüberblickten. Hans überlegte, ob die Leute im Dorf, wenn sie nicht arbeiteten, so häufig wie früher an ihren Fenstern auf Vorübergehende oder Vorüberfahrende warteten; ob das Geräusch des nahenden Selbstfahrers sie aus Gewohnheit zum Fenster lockte, oder weil sie sich vergewissern wollten, dass ihre Spenden für das Gefährt sinnvoll gewesen waren.
Als der Vater den Wagen über den Rasen am unfertigen Gartenweg vorbeilenkte, sagte er leise zu Hans: »Lass die Platten bitte für mich.« Erstaunt betrachtete Hans die von ihm gelegten Platten und konnte nur geringe Unterschiede zwischen seiner Arbeit und der des Vaters entdecken. Da der Blick des Vaters weder Unzufriedenheit ausdrückte noch vorwurfsvoll wirkte, ahnte Hans, dass seine Bitte etwas anderes meinte. Die Tiere füttern und schlachten, das Gras mähen, das Holz zerkleinern und auf dem Dachboden stapeln – das konnte der Vater nicht.
Im Haus hob Hans zusammen mit der Mutter den Vater aus dem Wagen, stellte ihm einen Stuhl hin, auf dessen Lehne der Vater sich stützte und vorwärts schob, während die Mutter den Sitz niederdrückte. Dann begab sich Hans erneut in den Garten. Die Mutter hatte das Gras bereits vor Wochen abgemäht, gewendet, trocknen lassen und auf dem Boden über der Dachkammer geschichtet. Die verbliebenen Stoppeln wirkten borstig.
Hans versuchte sich vorzustellen, wie die Mutter vor dem Krieg gewesen war, als der Vater noch gesunde Beine hatte und er noch nicht geboren war.
Nach der Rückkehr des Vaters aus der Gefangenschaft nahm die Mutter Hans jeden Tag mit zum Hof des Großvaters oder zu dessen Feld, das unweit des Hofes eine überschaubare Fläche einnahm. Der Großvater war Vorarbeiter bei den Rostöfen und selten zu Hause. Die Mutter traf dort ihre Schwestern, deren Kinder bereits zur Schule gingen. Hans streichelte das dünne, weiche Fell der Kaninchen, legte Muster aus Grashalmen oder beobachtete von einer flachen Mauer aus, wie die braunen Hühner gierig die wenigen hingestreuten Körner aufpickten. Oft hatte er Hunger und knabberte an Löwenzahnblättern. Als er in die Schule kam, arbeiteten Hans und die Mutter einige Monate lang gemeinsam, während der Vater weiterhin Tag für Tag in die Glasfabrik des Nachbardorfes fuhr. Die Mutter schlug Hans die rohen Kartoffeln aus dem Mund, in die er beim Auflesen hineinbiss, und verbot ihm das Betteln im Konsum. Mit geröteten Händen zeigte sie ihm das Ziegenmelken und führte seine Hände an das Euter. Sie kochte aus Kartoffeln, Butter und Milch schmackhafte Mahlzeiten und ließ Hans beim Schlachten zusehen, um es ihm beizubringen. Sie schickte ihn mit anderen Jungen zum Ziegenhüten auf die große Wiese. Aber sie wusste nicht, dass Hans die Ziege anpflockte, sobald einer von ihnen den mitgebrachten Gummiball hochwarf, um Kopfball zu spielen. Später brachte die Mutter ihm in ihrem eigenen Garten das Mähen bei, doch selten glitt die Sense bei Hans genauso geschwind und geschmeidig über den Grasstreifen wie bei ihr. Stets blieben einzelne Halme aufrecht, die er geduldig ausriss, bis die Fläche wie gleichmäßig geschnitten wirkte.
An den Sonntagen gingen sie zu dritt in die kleine Schieferkirche auf dem Hügel am Dorfrand. »Dort muss man hin, damit es danach Kaninchenfleisch und Klöße gibt«, flüsterte der Vater Hans einmal mit leisem Lachen zu. Später sagte er: »Geht ohne mich, anstelle des Wagens passen drei Fromme hinein.«
Kaum dass Hans neben der Mutter auf der harten Holzbank Platz genommen hatte, breitete die Mutter eine Wolldecke über Hans’ und ihre Knie. Dennoch fröstelte Hans sogar im Sommer, während die sonore Stimme des Pfarrers in den dämmrigen Raum tönte. Die Geschichten, die er von der Kanzel herab erzählte, klangen wie alte Märchen. Die Mutter erzählte sie Hans meist noch einmal vor dem Schlafengehen, und Hans erkannte sie ein ums andere Mal wieder, obgleich die Mutter sie verkürzte und in einfacheren Worten erzählte. Es blieben Geschichten von Bösen, die bestraft, und Guten, die belohnt werden. Je größer die Leiden waren, denen man sie aussetzte, desto höhere Anerkennung genossen sie später. Stets klangen die Worte der Mutter, als ob die Männer und Frauen in den Geschichten unter ihnen weilen würden. Diese Worte hallten noch lange in Hans nach, und selten gelang es ihm, die eindringlichen Blicke des Pfarrers und der Mutter während des Erzählens zu vergessen.
Nach der Konfirmation nahm ihn der Pfarrer beiseite und fragte ihn, ob er sich vorstellen könne, selbst Pfarrer zu werden. Hans war verwirrt und sprach einige Tage lang mit niemandem darüber, bevor er den Pfarrer aufsuchte, um ihm zu sagen, dass er es nicht wolle. »Warum nicht?«, fragte der Pfarrer mit leicht näselnder Stimme, fasste ihn am Arm und drehte Hans’ Gesicht der Kanzel zu. »Die Menschen werden dir zuhören und du wirst gutes Geld verdienen. Auch hier in diesem Land.« – »Man braucht andere Berufe genauso«, antwortete Hans ausweichend.
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