Draussen auf der Strasse hielt ihre Equipage mit den Orlofftrabern und dem ausgepolsterten Tataren, der verächtlich von seinem Bock auf die herumstehenden armseligen Gaffer blickte. Ihr Vater wies darauf hin und nickte gramvoll mit dem kleinen grauen Kopf. „Schau — solch einen Wagen hatte deine selige Mutter auch . . . solch einen Kutscher, einen zweiten Kutscher . . . einen deutschen Diener . . . eine böhmische Köchin . . . sie hatte ein grosses Haus . . . jeden Sommer ging sie mit Kind und Regel ins Ausland . . . ich hab’ ihr das alles zahlen können . . . ich hab’ damals viel Geld verdient . . . da stand nicht ein Orchestrion, das nicht einmal mir gehört, im Magazin wie jetzt . . . nein . . . eine ganze Reihe . . . überallhin wurden sie verschickt . . . und in Orgeln war das Geschäft noch besser . . .“
Warum erzählte er ihr, auf einmal das alles? Das wusste sie ja doch. Immer und immer war, je mehr die Familie verarmte, in ihr die Rede von damals gewesen, als die Einfuhr von Orchestrions aus dem Schwarzwald nach Südrussland sich noch lohnte — als der Adel noch Geld hatte, bis die Bauernbefreiung seinen Wohlstand erschütterte, — als die Traktire aufkamen, die riesigen Volksteehäuser, in denen ein ebenso riesiges Spielwerk nie fehlen durfte, — als selbst Grossfürsten solch einen Zeitvertreib in ihren Wintergärten, zwischen Palmen versteckt, anbringen liessen. In jener Zeit hatte — Lisa entsann sich dessen aus ihrer Kindheit noch wohl — die ganze Woche über das Haus von der verworrenen vieltönigen Musik der im Erdgeschoss durcheinanderspielenden Instrumente gedröhnt. Sonntags, wenn plötzlich alles unheimlich still war, war sie wohl mit ihren beiden älteren Schwestern hinuntergeschlüpft, und die Kleinen staunten die ihnen haushoch vorkommenden, in Reih und Glied aufgestellten geheimnisvollen Schränke an, in deren jedem eine ganze Musikkapelle zu sitzen schien, und hielten den Vater, der damals noch eine blendendweisse Weste und Lackstiefel trug und zwischen den Kolossen doppelt winzig aussah, beinahe für einen Hexenmeister, weil er den Ungetümen mit einem Handgriff so schöne Töne entlocken konnte. Das alles stand ihr deutlich vor Augen — nur wie der Vater jetzt eben darauf kam, begriff sie nicht.
„Ja — mein Kind — ich war reich!“ sagte der alte Ehrenbürger trübe. „Und nun bin ich arm. Du kennst das nicht. Denn du hast mit neunzehn Jahren einen reichen Mann geheiratet. Dir erscheint das alles selbstverständlich. Was du irgend brauchst oder dir nur einbildest zu brauchen, das ist da. Du weisst nicht, wie weh das tut, wenn man an das Geld gewöhnt war und es auf einmal nicht mehr hat. Davor möchte ich dich schützen. Deswegen meine ich: gehe ja nicht ganz von Nicolai fort! Du bist nun einmal auf ihn angewiesen. Wenn er seine Hand von dir zieht — ich kann dir nichts geben und auch sonst niemand von den Deinen.“
„Gott bewahre mich, dass ich je deswegen bei ihm bliebe!“ sagte Lisa vor sich hin.
Ihr Vater hörte es nicht. Er war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt und goss sich, um den Kummer, den er über seinen eigenen Rat empfand, zu bemeistern, ein neues „Wässerchen“ ins Glas. Das klirrte, als er es wieder hinstellte, und er murmelte dabei: „Ihr müsst euch versöhnen — glaube mir!“
„Ja, Papa!“ Alles, was sich in Lisas Herzen nach aussen gedrängt, nach Trost und Verständnis gesucht hatte, war durch seine Worte vorhin zurückgescheucht.
„Und höre, Lisa . . . wenn du jetzt mit Nicolai doch ruhig über alles sprichst . . . wir hatten neulich eine kleine Differenz . . . ein Geschäft von kaum hundert Rubeln . . . sieh doch, wie er jetzt darüber denkt . . .“
„Ja, Papa!“ Sie sagte es mechanisch, mit leeren Augen. Sie wusste schon, worin das Geschäft bestand: ihr Vater lieh sich das Geld und gab es nie wieder. Davon lebte er ja.
Ein Widerwille erfasste sie, eine Verzweiflung, dass sie am liebsten aufgesprungen und weggeeilt wäre. Aber gleich darauf dachte sie wieder: Was soll er denn sonst machen — der arme alte Mann? Er möchte leben. Alle möchten leben — auch die vom Schicksal Not und Elend erfahren haben. Gerade die — die können nicht begreifen, dass man so wenig Freude am Dasein haben kann wie ich . . .
„Man muss Geld haben!“ wiederholte ihr Vater, beharrlich. Das eisgraue dürftige Männchen kam von diesem Gedanken nicht los. Er beschäftigte ihn Tag und Nacht, seit er in das Unglück geraten. Sie sah den hoffnungslosen Kummer in seinen alten, trüben Augen, und nun empfand sie wieder ein tiefes und schmerzliches Mitleid mit ihm, dem, wie all den Kaufleuten, die sie kannte, das Geld allein den Wertmesser für alle Dinge abgab, das Geld die Gilde, zu der sie gehörten, und damit ihre Geltung nach aussen bestimmte, das Geld die Welt war. Aber sie antwortete nicht. Es war ja umsonst. Sie wurde doch nicht begriffen.
Durch das Schweigen hallte von aussen eine bärenartig tiefe Stimme, die Türe wurde ungestüm aufgerissen und ein vierschrötiger Mann mit langmähnigem blondem Haar und wirrem Vollbart trat ein. Die vorstehenden Backenknochen und breiten Nasenflügel verrieten die slawische Abstammung. Aber er sagte auf Deutsch guten Tag.
Das war der zweite Schwiegersohn des kleinen Ehrenbürgers. Lange ehe Nicolai um Lisa freite, hatte er, der damals mittellose, aus geringen deutschrussischen Handwerkerkreisen stammende Kommis des Orchestriongeschäfts das Glück gehabt, die eine Tochter des Chefs heimzuführen, und seitdem auch den Sturz der Firma mitgemacht. Er war halb verrusst, da seine Mutter eine Moskauer Kleinbürgerin gewesen war — selbst sein ursprünglicher süddeutscher Familienname „Haas“ hatte sich, da die Russen das „H“ am Anfang eines Wortes nicht aussprechen können und durch „G“ ersetzen, schon unter seinem Vater in „Gaas“ verwandelt — der stete Aufenthalt in Sibirien, wo er nach dem Vermögensverfall des Schwiegervaters selbständig als Vertreter der Schwarzwälder Orchestrionfabriken tätig und weithin als „Gospodin Gaas“ bekannt war, hatte seine an sich schon rauhen Sitten nicht eben verfeinert, und doch hatte Lisa immer eine gewisse Zuneigung zu Kolja Gaas gehegt, den gutmütigen und ungebildeten Kraftmenschen, der sich das ganze Jahr zwischen dem Ural und dem Stillen Ozean abmühte, um für seine Frau und seine vier Kinder, die seit Jahren im Ausland, nahe am Rhein, wohnten, den Lebensunterhalt zu beschaffen. Er sah sie fast nie — er hatte so gut wie nichts von ihnen, ausser dem Brief, der einmal alle vierzehn Tage nach Irkutsk kam. Aber er war doch zufrieden. Irgendwo in der Welt wusste er ein Häuflein Menschen, die ihn liebten. Das tröstete ihn.
Er hatte nicht erwartet, Lisa zu treffen, und nahm beinahe verlegen ihre schmale behandschuhte Rechte zwischen seine mächtigen haarigen Hände. Sie auf die Wangen zu küssen, wie es sein Recht als Schwager war, wagte er nicht. Er hatte Scheu vor der eleganten Frau von Welt. Er fühlte sich überhaupt auch jetzt, nach der Verarmung seines Schwiegervaters, immer noch als der mittellose Angestellte von einst, der Eindringling in einem vornehmen Familienkreis. Der Respekt sass ihm, der bis in seine dreissiger Jahre hinein vom in Schicksal als ein armer Teufel in der Welt herumgestossen worden war, zu tief in den Knochen.
Der Hinterwäldler setzte sich, stiess zwei bläuliche Wirbel von Zigarettenrauch durch die geblähten Nüstern und seufzte tief auf Lisas Frage, wie es ihm ginge.
„Alles geht schlecht,“ sagte er in seinem harten, russisch betonten und vielfach russisch gedachten Deutsch. „Man verdient kein Geld! Jetzt war ich wieder in Asien bis zur Mandschurei. Aber mache einmal ein Geschäft mit diesen sibirischen Kaufleuten. Verkaufe diesen Heiden ein Orchestrion! Es sind Wilde! Ich glaube, wenn sie unter sich sind, laufen sie noch auf allen Vieren. Mit diesen Räubern muss man sich plagen . . . Schnaps mit ihnen trinken . . . Schnaps nach der Elle . . . ein Gläschen neben dem anderen steht längs des Ellenmasses . . . nun trinke, Bruder . . .“
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