Der Kampf beginnt, und innerhalb meines allgemeinen Wahrnehmungsfeldes konzentriere ich mich schnell auf seinen rechten Fuß, den er jetzt fast unmerklich von der Matte hebt und rasch wieder senkt.
Kaum ist der Fuß unten, schießt er wieder hoch und holt zu einem schnellen, harten Rundschlag aus. Hätte ich die anfängliche Bewegung seines rechten Fußes übersehen, wäre ich auf diesen Rundschlag überhaupt nicht vorbereitet gewesen. Ich habe einen Plan in petto, wie ich auf einen solchen Angriff reagiere, aber ich brauche mich nicht unbedingt an diesen Plan zu halten, denn unterbewusst ist mir klar, dass ich ganz natürlich und spontan reagieren muss. Wenn man an einem Plan für eine mögliche Kampfszene unbedingt festhalten will, bleibt einem nicht die Flexibilität, angemessen auf die reale Situation zu reagieren.
Meine Taktik sah ursprünglich vor, den Rundschlag von innen her mit einem Fausthieb meiner rechten Hand abzufangen. Doch da ich das anfängliche Hochzucken seines Fußes gesehen habe, konnte ich seinen Rundschlag so abfangen, dass er meinen linken Arm nur mit verminderter Wucht traf. Das erlaubte es mir, sein rechtes Bein mit meinem linken Arm einzuklemmen und sein anderes Bein unter ihm wegzufegen, so dass er auf die Matte krachte.
Wir beginnen auf der Matte zu ringen. Die meisten Menschen würden das wohl für eine Steigerung des Kampfes halten, doch in Wahrheit verlangt einem das die meiste Geduld ab. Je mehr man sich abmüht und mit voller Kraft kämpft, desto weniger Kontrolle hat man. Was beim Ringen am meisten zählt, sind Körperhaltung, Gewichtsverteilung und Zeitgefühl. Man ist dabei durchaus angriffslustig, aber der Angriff vollzieht sich als langsamer, fortwährender und methodischer Prozess, Schritt für Schritt – eher ein Fluss von einem Moment zum nächsten als die einmalige, explosive Anwendung von Kraft.
Ein Ringer muss sich bei einem Kampf dem dauernden Wechsel temporärer Bedingungen anpassen, genau wie ein Buddhist auf den Fluss des Lebens reagieren muss, bei dem ein Moment auf den nächsten folgt. Was beim Kämpfen die einmalige, von panischer Verzweiflung gespeiste Reaktion purer Angriffslust ist, ist für den Buddhisten der Augenblick des (falschen) puren Festhaltens an einer vorgefertigten, fest umrissenen Einschätzung der gegebenen Situation – die Unfähigkeit, sich auf den gegenwärtigen Moment in Echtzeit einzulassen. Für den Ringer bedeutet die (falsche) Reaktion purer Angriffslust, dass er in diesem Augenblick dem Gegner genau die Chance bietet, auf die jener gewartet hat, so dass er von ihm flachgelegt wird.
Während mein Gegner verzweifelt bemüht ist, die Position zu wechseln, wendet er die Schultern gerade so weit von mir ab, dass ich hinter ihn gleiten und seinen Rücken erwischen kann, indem ich schnell meine »Fanghaken« einsetze. Das müsst ihr euch folgendermaßen vorstellen: Ich setze mich hinter ihn, klemme ihn zwischen meine Beine, ziehe seinen Rücken zu meiner Brust und verhake jedes meiner Beine über seinen. Dann lege ich meinen rechten Arm über seine rechte Schulter und um seinen Hals. Zugleich lege ich meinen linken Arm über seine linke Schulter. Mit meiner rechten Hand greife ich in die Innenseite meines linken Ellenbogens und sichere somit die Umklammerung, während meine linke Hand sich auf die Rückseite seines Kopfes senkt. Während ich zudrücke und dabei gegenläufigen Druck anwende – das heißt seinen Hals nach hinten und seinen Nacken nach vorne presse –, gibt er auf, da er sonst keine Luft mehr bekommen würde.
Die Matte ist für den Kampfsportler der Ort der Wahrheitsfindung. Hier muss er sich allen inneren Dämonen, Ängsten und Selbstzweifeln stellen, hier treten Unsicherheiten offen zu Tage. Wenn man kämpft, kann man sich nicht verbergen. Hier ist kein Raum für Selbsttäuschungen. Man muss sich schonungslos das wahre Selbst ansehen.
Das heißt nicht, dass alle Kampfsportler die eigene Wahrheit finden. Manche können oder wollen sich nicht mit der Realität ihres Trainings auseinandersetzen. Doch wenn man meint, brauchbare, in der Realität anwendbare Trainingsmethoden könnten darin bestehen, Körperschutz anzulegen, kaum Körperkontakt mit dem Gegner aufzunehmen, stets dieselben Selbstverteidigungsübungen mit einem willfährigen »Angreifer« durchzuführen oder mit der Methode des Kata herumzutänzeln und ein choreografiertes Ritual von Bewegungen in der Luft gegen einen imaginären Feind zu veranstalten, ist das nichts anderes als Selbstbetrug.
Viele Kampfsportler, die auf diese unrealistische Weise trainieren, wollten mich davon überzeugen, dass sie in einer kritischen realen Situation plötzlich fähig sein würden, völlig anders als im Training zu agieren. Ich habe nie verstanden, woher sie die Gewissheit nahmen, auf eine reale Situation vorbereitet zu sein, der sie niemals ausgesetzt gewesen waren. Doch genau das ist ja das Heimtückische an Selbsttäuschungen. Je größer die Selbsttäuschung, desto leichter kann sie einem vorgaukeln, sie sei gar keine.
Im Buddhismus nennt man ein ähnliches Dilemma das »Wenn nur«-Syndrom. Es besteht darin, dass jemand glaubt, es würde anders und besser für ihn laufen, »wenn er nur« umziehen, eine andere Arbeit machen, eine feste Beziehung eingehen oder sich aus einer festen Beziehung lösen, mehr Geld oder weniger Geld haben, ein besserer Buddhist sein, eine Erleuchtung erleben würde und so weiter und so fort. Das ist die buddhistische Version von Ausweichen oder Verdrängung, die darin besteht, der Wahrheit nicht ins Auge zu sehen. Wie der sich selbst täuschende Kampfsportler hält ein solcher Buddhist lieber an der Vorstellung fest, wie die Dinge seiner Meinung nach sein könnten , als sich zu verdeutlichen, wie sie sind .
Bei diesem »Wenn nur«-Syndrom besteht die Ironie darin, dass selbst im Fall einer Annäherung der Wirklichkeit an die eigenen Wunschvorstellungen die Erwartungen meistens enttäuscht werden. Und im Fall einer kurzzeitigen Befriedigung folgen dann schnell weitere »Wenn nurs«. Die Wirklichkeit wird niemals mit unseren eigenen Vorstellungen übereinstimmen. Wenn wir die Wirklichkeit klar vor Augen haben, uns ihr stellen, das, was wir vorfinden, zu akzeptieren lernen, und zufrieden mit dem sind, was wir haben, brauchen wir jedoch gar keine »Wenn nurs«.
Und das lässt sich auch auf den Kampfsportler übertragen. Ein verlässliches Training ist eines, das die angemessene Anwendung des Eingeübten in jeder gegebenen Situation vermittelt und die Härteprobe besteht, auch wenn diese Situation von der ursprünglichen Vorstellung abweicht. Und das tut sie immer, ob geringfügig oder stark. Szenarien des wirklichen Lebens sind stets Ergebnis von Bedingungen, die ständig im Fluss sind. Also braucht man ein Training, das Anwendungen und Reaktionen vermittelt, die genauso im Fluss sind.
Kampfkünste sind ebenso wie buddhistische Lehren reine Theorie, bis man sie unter realen Bedingungen erprobt. Dort werden sie sich entweder bewähren oder aber nicht bewähren. An einer Theorie festzuhalten, ohne sie einem Test auszusetzen, ist schädlich und verhindert die Weiterentwicklung. Auch das Scheitern bei einer Härteprobe führt weiter: zur Erarbeitung neuer Techniken für künftige Anwendungen.
Und das gilt auch für den Buddhismus. Wer den Buddhismus praktiziert, erfährt schnell, dass die kluge Anwendung buddhistischer Lehren nicht davon abhängt, was man über den Buddhismus weiß , sondern wie man mit buddhistischen Prinzipien im Alltag umgeht .
Und auch das muss man erst einmal lernen.
Da es in diesem Buch nicht zuletzt um das Praktizieren des Buddhismus geht, möchte ich an dieser Stelle auf einige doppelsinnige, scheinbar widersprüchliche Floskeln in der Art des großen Meisters Po (oder auch in der Art von Weisheiten in Glückskeksen) eingehen. Mir ist zwar bewusst, dass ich über die weit verbreiteten Fallen des »Wenn nur«-Syndroms und der Annahme »in einer realen Kampfsituation wüsste ich schon, wie ich reagieren müsste« gewettert und gesagt habe, beides sei realitätsfremd, doch was könnten sie in Wahrheit anderes sein als bestimmte Aspekte unserer Realität? Anders ausgedrückt: Während man in solche Fallen tappt, stellen sie tatsächlich unsere Realität dar, wenn auch eine schädliche, obwohl wir das nicht merken.
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