Stellt man die Photographie des Berges Olymp und die Darstellung der Götterversammlung im Olymp nebeneinander, so muss man feststellen, dass der Kontrast zwischen dem realen und dem vorgestellten Raum nicht größer sein könnte. Es ist eine banale Beobachtung, die aber formuliert werden muss: Ein Versuch, die tatsächliche Topographie des Olymps in das Bild der Götterversammlung zu integrieren, ist kaum unternommen worden. Der einzige, aber eben entscheidende Vergleichspunkt besteht in dem Charakteristikum des allem Menschlichen enthoben Seins.
Mittlerweile wird der Olymp jedes Jahr von tausenden Bergsteigern erklommen. Es gibt Schutzhütten, Wanderwege und Karten, und das ganze Bergmassiv ist bis in den letzten Winkel mit modernster Technik vermessen. 16Trotz dieser Erschließung und Erforschung bleibt der Olymp doch ein zutiefst imaginärer Berg, der in der Populärkultur vielfältige Assoziationen erweckt, die sehr lose um das Thema »Sitz« und »göttlich« kreisen.
Abb. 6: Kratzbaum Modell »Olymp« der Firma Albert Kerbl GmbH.
So wirbt eine deutsche Friseursalonausstattungsfirma »Olymp« mit besonders qualitätvollen Friseurstühlen. 17Mit denselben Assoziationen, allerdings auf die in der westlichen Welt mit einer göttlichen Aura versehenen Hauskatzen bezogen, spielt eine Firma für Tierbedarf an, die ein Kratzbaummodell mit erhöhtem Katzensitz mit dem Namen »Olymp« anbietet (
Abb. 6). Weit hergeholt, aber im Kern noch erkennbar, ist die Wahl des Firmennamens »Olymp« für einen führenden Hersteller mobiler Toilettenkabinen (sog. Dixi-Klos) (
Abb. 7). Abgeschiedenheit und Sitzen mögen hier die Namenswahl beeinflusst haben. Noch loser wird die Bezugnahme auf den Berg Olymp bei der
Abb. 7: Mobile Toilettenkabine der Firma Olymp.
Herrenoberbekleidungsfirma Olymp, die ihren Firmennamen damit erklärt, dass Sie Hemden produziert, mit denen sich erfolgreiche Männer »im persönlichen Olymp« fühlen sollen. 18Die Übertragbarkeit und Universalität der Idee vom Olymp, die nicht an den nordgriechischen Berg gebunden ist, wird hier deutlich, wobei sie zusätzlich noch individualisiert wird. Der Olymp ist potentiell überall. 19Diese örtliche Übertragbarkeit des Olymps ist vielfach zu beobachten. Ein aktuelles Beispiel ist die erfolgreiche Jugendbuchreihe »Percy Jackson«, in der der Olymp kurzerhand nach New York verlegt wurde. 20Die Universalität des Olymps wird auch anhand eines weiteren Beispiels deutlich. Die japanische Firma Olympus ist bekannt für optische Geräte, darunter Kameras. Gegründet wurde die Firma 1919 in Tokyo unter dem Namen Takachiho Seisakusho. 21Der Takachiho mit dem Gipfel Takamagahara ist ein Berg, der in der japanischen Mythologie Ort der Götter und des Lichts ist. Da der für westliche Käufer sperrige Name Takachiho Seisakusho zu kompliziert war, wurde die Firma 1949 in Olympus umbenannt, was sicher dazu beitrug, dass die Firma heute ein Weltmarktführer für optische Geräte ist. Diese Übertragung unterstreicht die Wirkmächtigkeit und Anschlussfähigkeit der Olympidee. 22
Die Beispiele zeigen, dass ähnlich wie in der Antike auch heute der Olymp Projektionsfläche von Vorstellungen des kollektiven Gedächtnisses ist, wobei diese Vorstellungen nicht zwingend etwas mit dem nordgriechischen Berg und seiner realen Topographie zu tun haben.
1.2 Der Beginn der wissenschaftlichen Erforschung
Die Erkundung und wissenschaftliche Erforschung des Olymps begannen bereits in der Antike. Die Vorstellung, die Homer von der Höhe des Berges hatte, dass man nämlich von ihm einen ganzen Tag herunterfalle, 23wurde später nüchterner gesehen. So berichtet Plutarch, ein Autor des 2. Jh. n. Chr., in seiner Biographie des römischen Feldherren Aemilius Paullus Folgendes: 24
»Hier erhebt sich das Olymposgebirge zu einer Höhe von mehr als zehn Stadien. Das wird in einer Inschrift des Mannes bezeugt, der sie gemessen hat, folgendermaßen:
›Des Olympos Gipfel über dem Pythion Apollons
Hat eine heilige Höhe – sie ward nach dem Senkblei gemessen –
Von einer vollen Zehnheit von Stadien, darüber hinaus noch
Von hundert Fuß, vermindert um vier.
Des Eumelos Sohn hat diese Messung vollzogen,
Xeinagores. Du Herrscher, sei gnädig und verleihe ihm Gutes‹
Allerdings behaupten die Geographen, daß weder die Höhe eines Berges noch die Tiefe eines Meeres zehn Stadien übersteige; aber Xenagoras scheint seine Messung nicht nur oberflächlich, sondern kunstgerecht und mit Hilfe von Instrumenten gemacht zu haben.« (Übersetzung: Konrat Ziegler)
Soweit Plutarch. Leider wissen wir nicht genau, wann dieser ansonsten unbekannte Xenagoras die Messung vorgenommen hat; es wird angenommen, dass er im ersten Drittel des 2. Jh.s v. Chr. lebte. 25Das Ergebnis von seiner Messung ist erstaunlich: ein Stadion sind 600 Fuß. Insgesamt ist die gemessene Höhe also 6 096 Fuß. Legt man einen griechischen Fuß von 30,7 cm zu Grunde, so ergibt sich eine Höhe von 1 871,47 m. Da natürlich nicht die absolute Höhe gemessen wurde, sondern die relative, muss die Höhe des Standortes noch einbezogen werden. Das Heiligtum von Pythion wird bei dem Dorf Selos am westlichen Fuß des Olymps lokalisiert. 26Zu dieser Ortslage muss man die rund 900 Höhenmeter des Standortes hinzurechnen und käme so zu einer Höhe des Berges von 2 771 m, was den heute gemessenen 2 918 m des höchsten Gipfels erstaunlich nahe kommt. Das Ergebnis ist umso beachtlicher, wenn man bedenkt, dass Xenagoras möglicherweise gar nicht den höchsten Gipfel Mytikas gemessen hat, sondern jenen Gipfel, vor dem er in Pythion/Selos genau stand, nämlich den Agios Antonios, der auf 2 817 m liegt (
Abb. 37). Wahrscheinlich hat Xenagoras mit einem Winkelmessgerät, der sogenannten Dioptra, die Höhe bestimmt. 27Auch mit diesem Gerät bleibt es eine herausragende Leistung, da zur Bestimmung der Höhe die Kenntnis der genauen Entfernung zum Fußpunkt des Berges fehlte. In der Antike gab es immer wieder Versuche, Berghöhen zu messen, uns liegt jedoch keine weitere Überlieferung zum Olymp vor. 28In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass in der Antike der Olymp nicht als der höchste bekannte Berg galt, sondern Kenntnis davon bestand, dass es höhere Berge gab. 29
Plutarchs Bericht über Xenagoras ist das einzige Zeugnis für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung in der Antike mit der Geographie des Olymps. Erwähnt wird der Olymp immerhin in dem Werk des alexandrinischen Geographen Klaudios Ptolemaios (2. Jh. n. Chr.). Dort ist in seiner Geographie in Buch III Kapitel 12,16 der Breitengrad 39 Grad 20 Minuten für Olymp, Ossa und Pelion angegeben. Tatsächlich ist der Breitengrad aber 39 Grad 40 Minuten, eine Abweichung, die nicht gravierend und auf das Berechnungsverfahren von Ptolemaios zurückzuführen ist. 30
Gibt es Hinweise darauf, dass der Olymp in der Antike bestiegen wurde? Auf einem Nebengipfel des Olymps, dem Agios Antonios, gab es in frühhellenistischer Zeit, im 3. Jh. v. Chr. ein Heiligtum des Zeus Olympios, welches in der Spätantike noch einmal für einige Zeit genutzt wurde. 31Dieses Heiligtum ist der einzige Hinweis für menschliche Präsenz auf dem Olymp in der Antike. In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass Bergsteigen aus ästhetischen Gründen erst ein Phänomen seit dem 17. Jh. ist, und es für Menschen der Antike eigentlich nur zwei Gründe gab, einen Berg zu besteigen. Und das waren entweder wirtschaftliche Gründe im Kontext von Weidewirtschaft 32oder religiöse, wie wir an Bergheiligtümern anderenorts feststellen können. 33Daher können wir davon ausgehen, dass nur für die kurze Zeit der Nutzung des Heiligtums auf dem Agios Antonios der Olymp von Menschen besucht wurde, denn für Weidewirtschaft war die karge Gipfelregion nicht geeignet. Insgesamt gilt es zu berücksichtigen, dass Berge in der Antike Orte waren, die eine Andersartigkeit (Alterität) gegenüber der Stadt und der Zivilisation aufwiesen, und entsprechend nicht bevorzugte Aufenthaltsorte von Menschen waren. 34In Krisenzeiten konnten Bergregionen daher auch Rückzugsgebiete sein. 35
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