III
Kynthia
Am nächsten Tag kam Leander nach der Schule in die Werkstatt. Schon seit einer ganzen Weile stand er neben ihr und war vertieft in die Arbeit an seinem Tonklumpen, als Nikos die Werkstatt betrat. Seine Miene verriet Kynthia gleich, dass auch dieser Tag in der Ziegelei bisher nicht nach seinen Vorstellungen verlaufen war. Kritisch betrachtete er Leanders Werk.
„Sag mal, was wird das eigentlich?“, fragte er nach wenigen Augenblicken.
Leander stand mit zu engen Schlitzen zusammengekniffenen Augen über den Klumpen gebeugt und versuchte vergeblich, eine sechste Beule seitlich an dem Klumpen zu befestigen.
„Eine Skylla-Schale, Babas: Schau, das ist einer der sechs Hundeköpfe.“ Leander hielt eine unrunde Kugel zwischen zwei Fingern hoch und sah seinen Vater mit hochgezogenen Augenbrauen an. Kynthia biss sich auf die Lippen, um nicht zu lachen, denn Nikos fand die Idee offenbar überhaupt nicht komisch.
„Aha. – Ich wollte nur kurz etwas holen. Gleich muss ich noch einmal in die Ziegelei. Wenn ich heute Abend wiederkomme, möchte ich ein ganz normales Gefäß vorfinden, ohne jede Ähnlichkeit mit sagenhaften Ungeheuern.“
Leander richtete sich auf und blickte stumm auf den Tisch. Einen Moment lang sagte niemand etwas. Nur die Stimmen der anderen Kinder, die in der Mitte des großen Hofes spielten, drangen zu ihnen herüber.
„Sohn?“, beharrte Nikos auf einer Antwort.
„Ja, Vater“, murmelte Leander.
Als Nikos gegangen war, legte Leander die kleine Kugel auf den Werkstatttisch. Im nächsten Moment ließ er beide Fäuste auf den Klumpen niederfahren. Kynthia seufzte.
„Mach eine Pause und geh spielen. Ich rufe dich gleich.“
Leander schniefte, wischte sich die Hände an seiner Schürze halbwegs sauber, band sie eilig los, warf sie in eine Ecke und folgte den Stimmen der anderen Kinder in den Hof.
„Nikos ist sehr streng zu dem Jungen“, stellte Phaistos fest.
„Ich weiß. Er hat es nicht leicht im Moment. Sie haben Schwierigkeiten, die Arbeit in der Ziegelei zu bewältigen, und manches geht schief.“
Phaistos sah seine Schwester an, dann wieder seine Amphore, und Kynthia ahnte, dass es ihn Mühe kostete, sich einer Antwort zu enthalten. Er hatte Nikos von vornherein davor gewarnt, in Gaius‘ Unternehmen einzusteigen. Es gab schließlich genug Arbeit in der Werkstatt und im Laden.
„Phaistos?“
„Nein.“
„Meinst du nicht, du könntest ausnahmsweise …“
„Ich bin Keramikmaler.“
„Aber du machst doch für den Laden auch manchmal die Buchhaltung.“
„Schwester, es würde doch bei ‚ausnahmsweise‘ nicht bleiben. Ich kenne dich. Nimm es mir bitte nicht übel, aber ich habe euch gleich gesagt, dass …“
„Jaja, schon gut.“
Warum musste er immer so besserwisserisch sein? Sie nahm Leanders Ton, knetete ihn zu einer Kugel, schlug ihn einige Male kraftvoll auf den Tisch, zerteilte ihn in Streifen und fing an, eine neue Schale zu formen. Eine halbe Stunde später rief sie Leander zu sich und forderte ihn auf, das Gefäß zu Ende zu bearbeiten. Nach wenigen Minuten sah der vormals perfekte Schalenrohling wie das akzeptable Werk eines Anfängers aus. Leander umarmte Kynthia, küsste sie auf die Wange und hüpfte strahlend wieder nach draußen.
Kurz darauf betrat Demetrios den Hof durch den Laden.
„Salve, Demetrios“, erwiderte Kynthia seinen Gruß.
„Nikos ist in der Ziegelei.“
„Ach so. Na gut, in der Ecke muss ich gleich auch noch vorbei. Wie geht es euch beiden? – Was macht deine kleine Braut, Phaistos?“
„Sie träumt von Olympia“, antwortete Phaistos nüchtern.
„Ach ja? Na, bemühe dich doch mal ein wenig um sie, damit sie beizeiten anfängt, von dir zu träumen.“
Demetrios lachte, wobei sein enormer Bauch wackelte, und zwinkerte Kynthia verschwörerisch zu. Hastig blickte sie auf ihren Ton hinunter, hörte dabei, wie Phaistos tief durchatmete, bevor er antwortete.
„Ich danke dir für deinen Rat, Demetrios.“ Scheinbar ungerührt pinselte Phaistos weiter und fügte hinzu: „Wenn ich wieder mal einen brauche, werde ich dich aufsuchen.“
„Sag, Demetrios“, beeilte sich Kynthia das Thema zu wechseln. „Wie geht es deinem Gast? Hat er sich inzwischen bei dir eingelebt?“
Der Arzt sah sie verständnislos an. Dann fiel ihm ein, von wem die Rede war.
„Ah, Paulos, der alte Kauz.“ Demetrios winkte ab und lachte grunzend.
„Der hat es nicht lange bei mir ausgehalten. Schon nach einer Woche ist er bei mir aus- und bei Aquila dem Zeltmacher eingezogen. Vermutlich reden sie tagaus, tagein über ihren merkwürdigen Gott.“
„Was ist so merkwürdig an diesem Gott?“, wollte Phaistos wissen.
„Nun, er ist, wie soll ich sagen, ein ausgesprochen strenger Gott, dieser jüdische HaSchem.“
„Ein Gott, der keine Orgien mag. Stimmt’s?“
Phaistos war wieder einmal bestens informiert. Kein Wunder. Schließlich verbrachte er mindestens so viel Zeit in der Bibliothek wie seine Altersgenossen in der Taverne.
Zwischen Demetrios‘ Augen hatte sich eine Falte gebildet. „Als Orgien kann man meine Feste nun wirklich nicht bezeichnen, Phaistos. Du solltest Nikos einmal begleiten, dann wüsstest du das.“
Kynthia bezweifelte, dass eine mit einem derart kühlen, herablassenden Lächeln ausgesprochene Einladung ernst zu nehmen war, aber auch wenn sie von Herzen gekommen wäre, hätte Phaistos vermutlich dankend abgelehnt.
Über Demetrios‘ gesellige Abende wollte Kynthia lieber nicht nachdenken, welche Bezeichnung auch immer zutreffen mochte. Hin und wieder folgte Nikos den Einladungen seines väterlichen Freundes zu dessen Festen, forderte seine Frau aber äußerst selten auf mitzukommen. Dass er außerdem nie von diesen Abenden erzählte, ließ Kynthia vermuten, dass Hetairai und Tempelhuren vom Berg zu Demetrios‘ Feiern geladen wurden. Und selbst wenn nicht: Auch die stets leicht bekleideten Sklavinnen des Arztes und seine hübschen, jugendlichen Sklaven hatte Kynthia deutlich vor Augen. Es fiel ihr nicht leicht, Nikos‘ Freundschaft zu dem Arzt zu dulden. Sie gab sich größte Mühe anzunehmen, dass er sich bei diesen Gelegenheiten ausschließlich dem Genuss von Demetrios‘ edlem Wein hingab.
Nachdem Demetrios sich verabschiedet hatte, dachte Kynthia über das nach, was Phaistos über den Gott der Juden gesagt hatte.
„Sag, was weißt du noch über diesen HaSchem?“, fragte sie. Phaistos hörte auf zu pinseln und sah sie verwundert an.
„Seit wann interessierst du dich für solche Dinge?“
Wann würde er endlich aufhören, sie für ein einfältiges Mädchen zu halten, das zu nichts anderem fähig war, als Lehm in Figuren und Gefäße zu verwandeln?
„Sagen wir, seit heute die Sonne aufging“, versetzte sie kühl.
„Also gut. Sie haben nur einen einzigen Gott, die Juden. Er hat viele Namen, aber es ist nur einer. Und sie behaupten, dass er das Volk Israel, wie sich die Juden auch nennen, vor allen anderen auserwählt hat.“
„Auserwählt wozu?“ Phaistos sah ins Leere und dachte nach.
„Hm. Vielleicht könnte man sagen: zu seinem Lieblingsvolk.“
Was das wohl heißen mochte? Eine Weile arbeiteten beide schweigend weiter. Dann erinnerte Kynthia sich:
„Bruder, damals, als wir Paulos kennenlernten, hieß es, er hätte eine gute Nachricht für uns. Die irgendetwas mit seinem Gott zu tun hat. Was könnte er damit gemeint haben?“
Phaistos zuckte die Schultern. Kynthia kam eine Idee.
„Was hältst du davon, wenn wir ihn einladen zu uns? Dann kann er es uns erklären.“
Das schien Phaistos zu erheitern. „Meinetwegen gerne, aber denk an deine Schwiegermutter. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Kassandra begeistert sein wird von einem Gott, der keine anderen Götter neben sich duldet. Da kann die Nachricht von ihm noch so gut sein.“
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