Auf dem fünfundvierzigsten Breitengrad, auf der Mitte zwischen dem St. Lorenz und der Spanischen Bucht, stemmt sich der Golfstrom noch einmal gegen die saugenden Mächte, die ihn gegen die gierig gespreizte, zerfressene Tatze Europa dirigieren. Es ist, als wolle er noch einmal südwestlich ausweichen und zwischen Labrador und Grönland die Davisstraße und die Hudsonstraße gewinnen, durch die arktische Inselwelt brechen und durch die Beringstraße und zwischen Kamtschatka und den Alëuten schließlich doch noch den Pazifik erreichen. Wie weit ihm solches, wenn auch mit fast aufgeriebenen Stoßtrupps, gelingt, und sei es unter dem Eise hindurch, bedarf noch letzter Erforschung.
Jedenfalls verdankt ihm die grönländische Westküste bei Godthaab, Neuherrenhut und Umanak (die Namen deuten auf eine gemischte und fromme Besiedelung) ihre kleinen heftigen Sommer und erträglichen Winter, indes das Klima auf der gegenüberliegenden Baffinsküste kaum für ein paar Eskimos und kanadische Polizeistreifen reicht.
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Die Hauptader des Golfstroms aber pulst längs der kalten Polarphalanx auf die Nordspitze Großbritanniens zu. Dabei sendet sie Tentakel gen Irland und Island und zur Ostküste Grönlands, die vor Jahrhunderten bestimmt kraftvoller waren und die größte Insel der Welt ihren Namen zu Recht tragen ließ, ehe die eisigen Schmelzwässer, von dem Wärmespender selber veranlaßt, ihn zurückdrückten und sich die Eiskappe polher über das grüne Land zog und die Küste mit Packeis blockierte und die wikingschen Siedlungen, die dort seit dem Jahre 900 und vielleicht schon früher bestanden, erstickte.
Nun aber dreht der einstmals große Vorstoß des Golfstromes in diesen hohen Breiten um Island herum ab. Er wird hier nach einem dänischen Forscher Irmingerstrom genannt und mildert das Klima der Edda- und Geisyrinsel so, daß dort mehr als 125 000 muntere (besonders muntere) Einwohner leben. Auf gleicher Breitenhöhe, auf der fast gleich großen Southampton-Insel ein paar Sonnenstunden westlicher, wird man vergebens nach ständiger menschlicher Niederlassung und Munterkeit fahnden. Flankenrauten wärmenden Wassers schweifen, nach anderen Auswegen suchend oder aber nach sonderlichen Plänen gelenkt, weit auf die Seite des geringeren Widerstandes, das heißt, des nicht so schroffen Temperaturgegensatzes, und gelangen durch den Kanal in die südliche Nordsee. Man merkt es gleich hinter der Isle of Wight, wenn auf dem Promenadendeck die Pelzmäntel verschwinden und der Steward statt heißer Bouillon Limonade serviert. Mehr noch wird die Nordsee um Schottland herum angefächelt, man spürt es wintertags bis Blankenese, ja bis Magdeburg und Prag, wenn der Westwind die Elbe heraufkommt.
Der Golfstrom selber zwängt sich zwischen den sturmumtobten Felsen der Färöer und den hundert düsteren Pony-Inseln der Zetlands (wie die Shetlands amtlich heißen) hindurch gen Norwegen. Sein Name wechselt in Norwegerstrom . Und nun beginnen seine letzten verbissenen Kämpfe gegen die Eiswasserströme des Nordens. Vielleicht handelt es sich auch nur um liebevolle Umarmungen. Jedenfalls zeigt die See sich hier oft unruhig. Seit alters spuken hier gefährliche Wirbel und Strudel, die sogenannten Mahlströme. Sie können kleineren Booten zum Verderben werden. Wir werden noch darüber hören. Beginnt doch hier das Dämmerland der Sagas; aber von hier aus wurden Island, Grönland und – lange vor Kolumbus – Amerika entdeckt; von hier aus gingen die ersten Weitfahrten nordatlantischer Männer in alle Richtungen der Windrose. Von Skandinavien aus wurde das antike Erbe teils zerstört, teils übernommen. Vom Nordkap bis Konstantinopel wurde eine blonde Ära eingeleitet. Die ersten Kiele wurden gelegt für eine abendländische Seeherrschaft, deren Kulmination England hieß und die ihren zenitalen Glanz um 1900 aufwies. Ein golfstromgezeugter Glanz, unruhig und wechselvoll, doch unverändert an den Atlantik gebunden, ganz gleich, wer die Erbschaft jeweils vorbereitete, übernahm oder übernehmen wird.
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Zwischen Island und der Arktis entzieht sich der Golfstrom gern der direkten Ortung. Aber überall zeigt er sich wirksam. Und der alte Götterstreit mit den Riesen scheint hier sein Urbild zu haben. Die „brüllenden Vierziger“ muten sänftlich an gegen die höheren Breiten, darin der Golfstrom zum letzten Male seine Windmühlen spielen läßt, ausgerechnet in den, neben der Neufundlandgegend, saftigsten Fischwaidgründen. Gegen selbstgebraute Schneestürme, gegen Gezeitenschwell und Polarströmungen setzt er sich rüstig durch. Die Meeresoberfläche weist auf siebzig Grad Breite noch eine Wärme von fünf Grad Celsius auf. An der USA-Küste muß man bis auf den fünfundvierzigsten Breitengrad äquatorzu wandern, um, etwa bei Neuschottland, das gleiche zu finden. Norwegen verdankt diesem Umstand seine eisfreien Häfen und Fjorde. Ohne den Golfstrom wäre auch Murmansk nicht der einzige eisfreie Hafen Rußlands. Der weit südlicher gelegene von Petersburg friert Winter für Winter zu, wie auch die übrigen Ostseehäfen. Hat doch sogar Oslo, nur einen Katzensprung um die Ecke vom Segen des Golfstroms entfernt, wintersüber eine Menge Eisbrecherarbeit nötig, um der Schiffahrt eine Fahrrinne offenzuhalten. Und während in Tromsö die ersten Veilchen blühten, konnte man 1954 den Bosporus zu Fuß überqueren, welch eisiges Ereignis seit dem Jahre 1200 oder seit 1200 Jahren – die Gazetten waren sich nicht einig – nicht gebucht worden war. Es hegte daraufhin jemand die Idee, das Rote Meer hätte dem Volke Israel einen ähnlichen Zufall beschert, als es auf dem Wege war, sich von der ägyptischen Kultur abzusetzen.
An der alten Vulkaninsel Jan Mayen und an der nebelumwogten, noch einsameren Bäreninsel vorbei streicht die äquatoriale Ahnung bis gegen Spitzbergen, immer noch bis auf hundert Meter lotbar, und teilt sich vor dem spitzen Südschelf. Als Nordkapstrom streichelt er ums „Gesäß des norwegischen Bären“ und macht die Barentssee befahrbar, bis er sich unter den spiegelnden Nordlichtern in der Tiefe verliert. Der andere Zweig feiert an der Südwestküste Spitzbergens die nördlichsten Golfstromtriumphe, indem er die Treibeisgrenze fast bis zum achtzigsten Grad hinaufschiebt. An der USA-Küste reicht diese hinunter bis zum fünfunddreißigsten Breitengrad, das wäre etwa in der Höhe von Baltimore. Auf der andern Seite Spitzbergens trifft man auf trostlose Arktis, aber an der begnadeten Kante läßt der Golfstrom in den Sommermonaten Juni bis August unter mehr als hundert Pflanzen auch Mohn, Anemonen und Steinbrech blühen. Die Gegend ist vom ewigen Eise des Nordpols nicht weiter entfernt als London von Oslo oder New York von Illinois oder Berlin von Paris, eine Strecke, die das Flugzeug in wenigen Stunden durchmißt.
Dann aber ist es aus mit der atlantischen Warmwasserheizung. Ihre letzten bisher meßbaren Strahlungen verlieren sich unter den achaten schimmernden Fluten und den Packeisfeldern des Eismeeres.
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Obwohl kaltes Wasser bekanntlich schwerer ist als warmes, vermag das Golfstromwasser kraft seines größeren Salzgehaltes das salzarme Polarwasser zu untertauchen. Wir sagten schon, es ist nicht ausgeschlossen, daß seine Spuren unterm Eise zu guter Letzt doch den Pazifik erreichen. Wie denn auch die letzten Ausläufer des Nordkapstromes an Sibirien entlang über Ost womöglich die Belohnung des langen Weges finden, und wären es auch nur ein paar Tropfen aus der Karibischen See, die, sich vereinend mit denen, die über West hereinsickern, wie Freudentränen durchs Beringmeer in den ersehnten Großen und Stillen Ozean münden. Und dann eisgekühlt mit dem Oya-Schio-Strom einschwingen in den Nordpazifischen Strom und gen Kalifornien reisen, dort gemeinsam mit den aufquellenden Tiefenwässern die heißen Gestade kühlen und, schließlich, nach Westen drehend, den Anschluß erreichen an den Nordäquatorialstrom auf der pazifischen Seite des Hindernisses Mittelamerika, das zu so weitem Umweg gezwungen.
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