Betrachten wir das gigantische Fließband! Wenn auch nicht seit den Zeiten, da es noch unklar war, ob jemals aus dem Urschleim der Meere und seinen ersten Zuckungen die lebendige Zellenhäufung beginnen würde, die eines Tages auf dem Trockenen sich bis zur Bergpredigt, der Neunten Symphonie und der Wasserstoffbombe befähigt erzeigen sollte, rollt es doch schon so lange dahin, daß es wie Mythos ist, rollt dahin, so stetig wie die jagende Erde selber, doch, mit ihrer Geschwindigkeit verglichen, höchst gelassen, nämlich im Durchschnitt etwa so schnell, wie ein pünktlicher Beamter sich des Morgens zu Fuß ins Büro begibt.
Getrieben von der Preßluftpumpe der Passatwinde, wühlt nicht nur nördlich, sondern auch südlich des Äquators eine breite Meeresdrift nach Westen über den Atlantik, ungeachtet der ihr entgegenfließenden und sich dazwischendrängenden Guineaströmung. Die Äquatorialströme treffen auf das Kinn Brasiliens und preschen auseinander. Die Hauptmasse des Schwells biegt nach Nordwesten und läuft an der Küste entlang, vorbei an der Orinokomündung, und drängt zwischen den Kleinen und Großen Antillen hindurch in die Karibische See. Die verhältnismäßig engen Durchlässe zwischen Venezuela und der Insel Trinidad heißen entsprechend Schlangenmaul und Drachenschlund und flößten schon den weißen Entdeckern und Konquistadoren Respekt ein. Sie gewährten deren Schiffen wohl die Gnade, hineinsegeln zu können (Kolumbus erprobte es auf seiner dritten Reise). Die Ausgänge aus dem Mar Caribe aber mußten anderswo gesucht werden, und sie scheinen von weitem so zahlreich wie beim Kolosseum zu Rom, nahebei aber erweist sich, daß nur wenige Pforten passierbar sind. Der „löchrige Zaun der hundert Inseln“ vorm Atlantik bietet keineswegs überall einen bequemen Durchschlupf. Auch nicht für den gewaltigen Meeresstrom, der Neigung zeigt, die gestörte Äquatorrichtung möglichst bald wieder einzuschlagen.
Vorerst aber stauen sich die Wassermassen. Es ist keine Möglichkeit, sich der großen Gleicherströmung, die auf der andern Seite des Hindernisses Südamerika im Stillen Ozean weitergeht, wieder anzuschließen. Es ist, als sei eine Riesenschlange zerschnitten, und die beiden Teile ringelten sich lebendig weiter, bestrebt, wieder zueinander zu finden. Aber das Schwert liegt dazwischen, die mittelamerikanische Landbrücke, und obwohl es auf der Karte schartig und verschliffen genug aussieht, hat es doch Macht, die große Gleicherdrift und das Meer dieser Erde in zwei Hauptozeane zu trennen, in den Atlantik und den Pazifik. Das war nicht immer so. Aber sicher wird es noch lange so sein. Und die Nadelstiche der Kanalbauer werden auch nichts Wesentliches daran ändern.
Der eingepreßte Atlantikstrom, dessen natürlicher Ablauf schwunggerecht durch den Moskitogolf oder den von Honduras nicht möglich ist, schwillt auf im Kessel zwischen der Insel Kuba und der Halbinsel Yukatan. In diesem übermittelmeergroßen Heizkessel mit tropischer Oberfeuerung könnte der Meeresspiegel nicht als Grundlage für Höhenmessungen dienen. Er liegt rund einen halben Meter höher als am Äquator.
Der aus seinem Lauf gedrängte Strom bricht nun durch die Yukatanstraße. Da hält sich ihm der gewaltige Kübel des mexikanischen Golfes bereit. Man sollte meinen, er werde sich hineinstürzen und zur Ruhe gelangen. Aber nichts dergleichen geschieht. Es ist nicht so, wie man bis vor kurzem noch glaubte, daß dieser Golfkübel sozusagen vom Golfstrom überliefe. Man hat erkannt, daß nur ein paar schwache Seitensträhnen in den Golf tasten. Die Hauptströmung aber prallt an der Masse des Mexikogolfes ab wie ein Betrunkener von der Wand der Gummizelle. Und dann geschieht etwas kaum Faßliches. Der Yukatanstrom – wie er an dieser Stelle genannt wird – biegt in scharfem Knick nach Osten. Und mit rund zwei Sekundenmetern Tempo rauscht er durch den Engpaß zwischen Kuba und Florida, vorbei an der Stadt La Habana (nach der die Havannazigarren heißen) und dem Eisenbahndamm, der über die Korallenklippen der Südspitze Floridas zum alten Seeräuberfort Key West führt. Die Gewalt der Meeresströmung scheint nun entschlossen, brüsk in den Atlantik zurückzukehren.
Aber ein neues Hindernis stemmt sich entgegen, die wurstförmig gekrümmte Untiefe der Bahamabank. Zwischen ihr und der Landzunge Florida, die berühmt ist durch ihre Alligatoren, Nymphen, Testflugplätze und Hotelpreise, zwängt sich geschmeidig der Floridastrom hindurch und entflieht unbändig, um endlich ins Freie zu gelangen. Aus dem krummen Schlauch der Floridastraße wurde er, der nun auf den Karten die Bezeichnung Golfstrom trägt, in der gigantischsten Abflußströmung dieser Erde auf Nordkurs gedrückt und schießt wie aus einer Düse am Schelf der nordamerikanischen Küste entlang.
Beim Verlassen der Bahamaenge gesellt sich ihm, ihn verstärkend, ein Abzweig der Äquatorströmung zu, der Antillenstrom . Dieser hat ihn verlassen, als bei Trinidad die Drangsal des Inselgewirrs begann, und scheint die an den Wikingersprößling Peer Gynt gerichtete Mahnung zu beherzigen, um die Schwierigkeit herumzugehen. Er gelangt somit sachter als der ungestüme Hauptstrom an die Nordecke der Bahamas, und obwohl noch das Segelhandbuch des Atlantischen Ozeans 1909 berichtet: „Der Antillenstrom führt dreimal soviel Wasser wie der Floridastrom ...“, hat sich inzwischen herausgestellt, daß letzterer ihm sowohl an Wasser- wie Wärmetransport um mehr als das Doppelte, vor allem aber auch an Druck- und Düsenkraft überlegen ist.
Durch den Schwung der Palmbeachgefilde wie aus einem Teufelsrad an die Piste gedrückt, bleibt die Strömung dennoch der Küste fern. Sie erreicht nicht einmal überall den Schelfrand (das ist der Flachseegürtel, der die Kontinente mehr oder weniger breit umrandet und in zwei- bis vierhundert Metern in die steile Kontinentalböschung zur Tiefsee abfällt). Die Seebäder von Carolina, Virginia und Jersey, von Atlantic City und Long Island, denen der Golfstrom doch sozusagen vor der Tür vorbeifließt, erfreuen sich dennoch nicht seiner wohligen Warmflut. Eine von Labrador kommende kalte Gegenströmung drängt ihn seewärts und läßt die Badenden selbst im Hochsommer erschauern, macht also die Floridaorte und Westindia-Inseln desto verlockender.
Der polargekühlte Küstenstrom (nach einem der ersten Amerikafahrer Cabotstrom genannt), vom Golfstrom wie durch eine gläserne Wand ohne viel Übergang der Temperaturen getrennt – unmittelbare Begegnungen von fünfzehn mit fünfundzwanzig Grad Celsius sind nicht selten –, bringt es in Höhe der berühmten und berüchtigten Neufundlandbänke fertig, den Golfstrom nochmals aus der Richtung zu drücken, ihn, der immer noch verkappte Neigung zu zeigen scheint, irgendwo die Lücke zu entdecken, die zum Pazifik führt und die zu suchen eines Tages der weiße Mann sich aufmachte, gleichsam angesteckt von der unerfüllten Sehnsucht des Stromes.
Der eisige Gegner, der dem Golfstrom in die Flanke fällt, läßt nicht mit sich spaßen. Die beiden riesigen Naturgewalten bäumen sich stumm gegeneinander, und ungeheure Nebel steigen auf wie der Staub bei Reiterschlachten der Vergangenheit. Die schlängelnden, strudelnden, sich windenden Kämpen, der äquatorgeheizte, stark salzige Strom aus dem Süden und der salzarme kalte Eisschmelzstrom aus dem Norden, sie teilen sich in einzelne Heersäulen, staffeln sich und unterlaufen einander, verwirbeln und lösen sich. Aus dem unheimlich erbitterten Gerangel geht der Golfstrom sichtlich geschwächt hervor, zumal ihn der schon einmal bei den Antillen untreu gewesene Mitläufer wiederum verläßt und an den Azoren und Madeira vorbei nach Portugal, Afrika und zum Äquator umkehrt. Daß dabei ein zarter Fühler auch heute noch bis ins Mittelmeer tastet, ist höchst wahrscheinlich.
Indes nimmt der eigentliche, deine privateste Schlange, Tlaloca, seinen Weg gen Nordost, unaufhaltsam einem vagen Ziele zusteuernd, getrieben von anderen Kräften als dem Wind und sogar ihm entgegen, abgelenkt gen Ost auch von der drehenden Gewalt der Erde, die auf der nördlichen Hemisphäre alle Strömungen der Meere und Lüfte in Uhrzeigerrichtung zu zwingen sucht. Seine Breite beträgt an die sechzig Kilometer, seine Tiefe dreihundert Meter, hingleitend über die ozeanischen Abgründe, über den federnden Untergrund von fünf- bis sechstausend Metern kalten Atlantikwassers.
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