Für Sigmund Freud liegt der Mensch, der seine Wünsche nicht nach dem Lustprinzip erfüllen kann, »mit der ganzen Welt im Hader«. Mit der Welt des Fußballs lag Happel oft im Hader, und sein Granteln war der Ausdruck des Unbehagens, wenn nicht lustvoller Angriffsfußball gespielt wurde.
Das Granteln ist für Happel jedoch kein Selbstzweck gewesen, sondern Movens und Motor für neue Entwicklungen und Erfolge. Für »grantig« wird im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm u. a. auch die Bedeutung »gierig«, »spitz, scharf sein« angegeben. Als Grantler war Happel gierig und scharf auf schöne Spiele und die aus ihnen resultierenden Siege. Nur sie haben den Hunger dieses Genies gestillt.
Die vorliegende Publikation ist der Versuch, Happels Genialität als Spieler und Trainer in den Kontext der Zeitgeschichte und der Professionalisierung des Fußballs zu sehen, um ein Verständnis dafür zu erlangen, von welchem Ausgangspunkt und in welcher Weise Happel den Fußball weiterentwickelt hat.
Mein Vater lebt nicht mehr, Happel ist seit 20 Jahren tot. In der Vergegenwärtigung der beiden Verluste wiederhole ich mit den Lippen eines in die Jahre gekommenen Mannes das »Mantra« meiner Kindheit: »Happel, Hanappi, Ocwirk.«
Berlin, 2. August 2012
Klaus Dermutz
1925 BIS 1943
Einsame Kindheit, entbehrungsreiche Jugend
In eine massive wirtschaftliche und politische Krisenzeit fällt der Beginn von Ernst Franz Hermann Happels Leben am 29. November 1925 in Wien. Happel hat, so würde man heute dazu sagen, einen tschechischen Migrationshintergrund; er wächst größtenteils im 15. Bezirk bei seiner aus Böhmen stammenden Großmutter auf. Die Welt, in die er hineingeboren wurde und die ihm seine Prägung gab, den meisten heutigen Lesern vermutlich fremd, soll zu Beginn dieser Biografie dargestellt werden.
Wien am Gebirge
Das Ende des Ersten Weltkrieges brachte für die österreichische Bevölkerung einen dramatischen Verlust an Identität und Nationalstolz. Die mächtige Doppel-Monarchie Österreich-Ungarn (1867-1918) hatte einen kleinen Staat zurückgelassen, in dem die Bürgerinnen und Bürger sich mit melancholischen Empfindungen einrichteten. In einer rasant sich wandelnden Welt wurde die nationale Größe der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg beschworen.
Wie tief der Schock saß, lässt sich auch daran ablesen, dass der später weltberühmte Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889-1951) noch zwei Jahre nach dem Ende des Krieges in Wien in der Uniform der k.u.k. Monarchie umherlief. Eine einflussreiche Nation hatte ihre Macht und auch ihr Selbstbewusstsein verloren.
Für den aus einer Prager Familie stammenden Essayisten und Erzähler Anton Kuh (1890-1941) hatte Wien als Hauptstadt nach dem Ende der Monarchie die frühere Bedeutung verloren. Im Essay Wien am Gebirge rückt er aufgrund der politischen, sozialen und kulturellen Veränderungen Wien sogar von der Donau weg: »Als Wien noch Reichshaupt- und Residenzstadt der österreichisch-ungarischen Monarchie war, da hieß die Stadt mit ihrem vollen volksschulgeographischen Titel: Wien an der Donau. Der unendliche Strom war das Wichtige, der, Industrien schaffend, Handel bindend, von Europas Herz fast bis zu Asiens Pforte reichte und das Reich in der Mitte durchschnitt. Dieser Strom war die Zufahrtsstraße der Stadt, ihr Vorrang in der Staatsgeographie. Das Wien, das nichts als Hauptstadt ist, liegt nur noch an der Donau, wird von ihr flüchtig mitbeschenkt, aber es gebietet nicht mehr über sie. Es hat an dem Strom nicht mehr das Recht als das frühere Königreich Serbien oder irgendeines der balkanischen Unterländer, denen er noch zum Abschied den Boden stärkt. Man sagt nicht mehr ›Wien an der Donau‹, und wenn man es sagt, so hat es nicht mehr den weitgebietenden, imperialen Glanz. Wien liegt nicht mehr an der Donau – wo es streng genommen niemals lag –, sondern am Gebirge (lies für: a. G.): nicht in der weltoffenen, ausblicksreichen Ebene, sondern angepresst an gemütsumdämmerndes Bergland.« 1
Tschechische Minderheit
In breiten Bevölkerungsschichten herrschte eine große Angst vor Immigranten, die um 1900 vor allem aus Böhmen und Mähren nach Wien kamen, um den Sprung in die feine Gesellschaft zu schaffen oder um, wie die meisten der Arbeitssuchenden, die schwerste und am schlechtesten bezahlte Arbeit zu verrichten.
Zwischen 250.000 und 300.000 Tschechen lebten als Wanderarbeiter um die Jahrhundertwende in Wien, sie ließen sich für einige Monate in der Donaumetropole nieder, kehrten im Spätherbst in ihre Heimat zurück und brachen erneut auf, wenn es im Frühjahr in den Ziegelfabriken wieder Arbeit gab. Wien war damit die zweitgrößte tschechische Stadt.
Der Segregation der Tschechen in den einzelnen Bezirken können nach Michael Johns und Albert Lichtblaus Studie Schmelztiegel Wien. Einst und jetzt mit folgenden Zahlen unterlegt werden: »1900 lebten etwa ein Viertel in Favoriten, 12 Prozent in Brigittenau und Leopoldstadt, 11 Prozent in Ottakring; ungefähr ein Viertel der tschechischsprachigen Bevölkerung Wiens wohnte in den inneren Bezirken, wobei die weibliche Bevölkerung die Mehrheit stellte. An dieser Verteilung wird deutlich, dass sich die tschechischen Zuwanderer an die funktionelle Differenzierung der Stadtteile angepasst haben: Die zu einem hohen Anteil in Industrie und Gewerbe unselbständig beschäftigten Zuwanderer siedelten sich in erster Linie in den Industrie- und Arbeiterbezirken 10, 16 und 20 an; ein großer Teil der weiblichen Zuwanderer lebte in den inneren Ober- und Mittelstandsbezirken, dem Arbeitsort der Dienstmädchen, böhmischen Köchinnen und tschechischen Ammen; im peripheren Nobelbezirk Döbling wohnte eine relativ kleine Gruppe Tschechen, die sich in diesem Zeitraum weder nennenswert verkleinert noch vergrößert hat.« 2
Auch die Vorfahren von Happel gehörten zur tschechischen Minderheit in Wien. Sie waren in die Donau-Metropole gekommen, um sich unter schwierigen Bedingungen einen Lebensunterhalt zu sichern.
Kaltes Wien
Der Kultur- und Musikwissenschaftler Viktor Velek unterscheidet zwischen zwei Gruppen von tschechischen Migranten, den »Wiener Tschechen«, einer Mittelklasse von Händlern, Kaufleuten, Beamten, zum Reichtum gekommenen Handwerkern, und den »Wiener Böhmen«, der großen Anzahl von Arbeiterinnen und Arbeitern aus Böhmen, Mähren oder der Slowakei. Die Handwerker, die Dienstmäderl, Köchinnen und Schneiderinnen fristeten in den Außenbezirken der Donaumetropole ein entbehrungsreiches Dasein. »Das 19. Jahrhundert war«, so Velek, »das Jahrhundert des Nationalismus. Nach dem Revolutionsjahr 1848 wuchs die Angst vor den Slawen und der ›Tschechisierung‹ Wiens. Z.B. musste man, um das Bürgerrecht zu erhalten, zuerst auf den ›deutschen Charakter Wiens‹ schwören.« 3
Den Tschechen wurde in Wien das Leben schwergemacht, es kam immer wieder zu gewalttätigen Konflikten: »Alle diese Dinge haben dazu geführt«, so Velek, »dass sich die Tschechen nie mit ihrer neuen Heimatstadt ausgesöhnt haben. In Liedern, tschechischen Zeitungen und in der Literatur wird Wien immer als die ›böse‹ bzw. die ›fremde Stadt‹ geschildert.« 4
Die Tschechen stellten um 1900 ein knappes Viertel der Wiener Bevölkerung. Die Einwanderer wurden häufig mit abfälligen Redewendungen und Liedern bedacht. Auch die Arbeiter-Zeitung brachte im Oktober 1918 ihre Empörung über die Zuwanderung zum Ausdruck, die für ihr politisches und nationales Verständnis ein nicht mehr tragbares Ausmaß erreicht hatte. Der Traum einer Vormachtstellung Österreichs im neu zu gestaltenden Europa war mit der Ausrufung der Ersten Republik im November 1918 ausgeträumt. Das einstmals glorreiche Habsburgerreich war zu Splittern zerbrochen. Wien wurde in der Zwischenkriegszeit zu einer Metropole für schlamperte Genies. Und das galt auch für den Fußball.
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