Die Sprecherin sah sehr trostlos ans, und Herzog Heinrich reichte ihr hastig die Hand entgegen.
„Torheit, beste Zossen! Sie sehen Gespenster und werden sentimental!“ — lachte er kopfschüttelnd. „Wir alle wissen, mit welch treuer Aufopferung Sie die Pflege, die körperliche und geistige, Rafaels leiten! Sie kann und wird niemals ein Vorwurf treffen, sollte unser kleiner Schmetterling in der Tat auch etwas aussergewöhnlicher wie andere Fürstentöchter werden. Dass diese Aussergewöhnlichkeit stets in Grenzen bleibt und höchstens ein feiner Zug ins Originelle wird, davon bin ich überzeugt. — Eine Dame, liebste Zossen, eine Dame! — Wäre es ein wilder Knabe, bei dessen Erziehung jede Versäumnis zur grössten Gefahr werden kann, würde ich Ihre Sorge teilen — aber ein Mädchenherz bleibt zeitlebens weiches Wachs, und formt es sich nicht in den Händen seiner pädagogischen Modelleure, nun bleibt’s der Meisterin Liebe vorbehalten, den Puck in eine Psyche umzuwandeln! — Also keine unnötigen Alterationen, beste Baronin! — Sie werden es mir nachempfinden, wenn sowohl ich wie Herzogin Renée Anstand nehmen, die Prinzessin mit rauher Hand zu strafen. Sie ist das liebste Vermächtnis der hochseligen Eltern — aus Pietät für die Entschlafenen widerstrebt es uns, die kleine Waise streng zu erziehen — mag sie lieber ein toller kleiner Unband sein als wie ein wohl erzogenes, trauriges Wesen, welches sich im Elternhause als Stiefkind fühlt! — Bon soir, liebe Zossen! Seien Sie stets meiner herzlichen Dankbarkeit und Zufriedenheit versichert!“ — Das frische, heitere Gesicht des jungen Regenten nickte der Haushofmeisterin noch einmal in gewinnendster Weise zu, dann wandte er sich dem diensttuenden Kammerherrn entgegen, welcher mit anscheinend eiliger Meldung zwischen die Portièren getreten war.
Baronin Zossen zog sich mit tiefer Verneigung zurück. Sie hatte getan, was in ihren Kräften stand, den Extravaganzen der kleinen Prinzess einen Riegel vorzuschieben; wenn der Wille des herzoglichen Paares ihre Pläne kreuzte, so war es nicht ihr Verschulden, wenn einst das Unkraut die edle Saat überwucherte. —
Hofball in der Galerie!
Auf den Marmortreppen rauschen die seidenen Schleppen, Sporen und Säbel klirren ihren geselligen Gruss durch die strahlend erleuchteten Korridore. Lachen und scherzen! Tanzen und fröhlich sein! Die Augen der Jugend glänzen heute in doppelter Lebensfreude, denn eine längere Hoftrauer hatte ihre düstern Kreppwolken über Karnevals Rosenkranz geworfen, und die tanzlustigen Füsschen hatten sich im Opernhause höchstens sehnsüchtig im heissblütigen Takt der „Cavalleria rusticana“ regen können — ganz heimlich unter dem Sessel nur — aber gerade dieses Naschen an verbotenen Früchten reizte den Appetit! Heute waren nun wieder die farbenbunten, schillernden Schmetterlinge aus ihren dunkeln Puppen geschlüpft, und sie schwebten und wirbelten durcheinander auf den kosenden Klängen, wie eine holde Mahnung an den Lenz — an den Liebeslenz der Menschenherzen, welcher stets sein Reich behauptet, starrt die Welt auch noch so winterlich in Eis und Schnee.
Graf Cyprian Lankwitz, welcher seit seinen letzten Orientreisen dauernden Aufenthalt in der Residenz genommen, hatte seine flotte Ulanenuniform angelegt und stieg mit einem Gesicht, welches deutlich zeigte, wie „riesig“ gern er kam, die Treppe empor.
„Ewig jung und ewig schön!“ sagte man von ihm, denn die Zeit schien spurlos an seiner schlanken Gestalt und seinem lachenden Antlitz vorüberzuziehen, und das „Juvivallera“, welches einst seine Devise als jüngster Leutnant gewesen, umklang und umträllerte unverändert auch noch das schöne Haupt des pensionierten Rittmeisters, an welchem das einzig Alte — der Sohn war!
Vor einem der hohen, auf Greifen ruhenden Pfeilerspiegel der Kuppelhalle stand Cyprian momentan still und strich noch einmal mit den beiden goldziselierten Bürstchen den Scheitel des Hinterhauptes glatt. Sein Interesse galt jedoch weniger seinem eigenen Spiegelbild als dem der neuankommenden Damen, welche noch in Pelz und Schleier vermummt, der Tür der Garderoben entgegeneilten.
Für den humoristischen Sinn des Grafen hatte es stets etwas äusserst Spasshaftes, die Schönen des Festes in ihren verschiedenen Metamorphosen zu schauen, wie sich aus unförmigen Mantelklumpen mit auswuchsartig hochgenommenen Schleppen und wahren Ungeheuern von Pelzschuhen eine zarte, spitzen- und gazeduftige Menschenblüte entwickelte.
Die alten Damen und die jungen Mädchen sehen meist am abenteuerlichsten aus; die schönen, koketten Frauen, welche in dem stets geschmackvollen, routinierten Alter der „Renaissance“ stehen, wissen, dass Korridor und Treppe just so hell beleuchtet und belebt sind, wie die Gesellschaftsräume, darum sind sie nicht nur programmgemäss, sondern permanent gerüstet, auch en passant ein Männerherz als originelles Anhängsel für ihr Bettelarmband zu erobern.
Männerherzen und Weiberherzen! Wenn sie nur en gros in der Saison gehandelt werden sollen, sind sie billig. Sie wirbeln umher wie die Schneeflocken, und wer weisse graziöse Händchen hat zum fangen, oder ein paar heisse, glutvolle Augen, sie widerstandslos zu schmelzen, dem gehören sie — so lange es eben die Zeit der Schneeflocken ist; im Frühjahr zerinnen sie wie Träume und Schäume im Sonnenlicht.
Eine lange, meergrün schillernde Seidenplüschschleppe knistert über die Marmorstufen, eine mittelgrosse, üppige Frauengestalt, den weissen Pelzmantel bereits sehr wirkungsvoll über die Schultern zurückgeschlagen, dass er die elegante Figur nur umrahmt und nicht verhüllt, schreitet ihr leichtfüssig als Trägerin voran. — Ah! — Juvivallera kennt seine Pappenheimer. — Unwillkürlich klappt er die Sporen zusammen und macht Front. Er hat ein ganzes Lager diverser Blicke auf Vorrat, und jetzt wählt er als Meuschenkenner einen der interessantesten und kecklich flammendsten. — Das Füsschen im winzigen Atlasschuh zuckt auch momentan zögernd vor ihm zurück, und die Hand, von der grell aufsprühende Brillantreifen auf den vollen Arm zurückklirren, hebt sich, den Spitzenschleier vollends von dem Antlitz zurück zu schlagen.
Kein hübsches Gesicht, etwas allzufrisch und rundwangig, aber mit einem Lächeln um die roten Lippen und einem Blick ...! — Diantre! — Man weiss nicht recht, neigt sie das Köpfchen im unmerklichen Gegengruss oder veranlasst nur der Schleier die jähe Regung? Auf jeden Fall lächelt sie — blitzartig und eigentümlich — und dann rauscht die Schleppe mit geheimnisvollem Frou-Frou weiter und verschwindet hinter der Garderobentüre.
Juvivalleras Blick folgt ihr, wie sich die Sonnenblume nach der Sonne dreht.
„Alle Wetter, Vorbach! Eine total neue und fremde Erscheinung im Schloss?“ wandte er sich lachend an einen jungen Offizier, welcher grüssend zu ihm herantrat: „Jene Dame, die ich liebe, kenn’ ich nicht! Wer ist sie?“
Der Ulan zuckte humorvoll die Achseln: „Nie sollst du mich befragen — noch Wissenssorge tragen!“ sang er mit mehr Geste, wie Stimme. „Wer und was sie ist? — Falls Witwe, eine gute Partie! Donnerwetter, die Brillanten!“
Ein Lakai räusperte sich vornehmlich hinter den Herren.
Juvivallera kehrte sich ihm hastig zu: „Na, James? Was auf dem Herzen?“
Das weissgepuderte Haupt schoss diensteifrig näher: „Die Dame war die Freifrau von Ohly-Eckhof — dort steht der Herr Gemahl an der Säule und erwartet sie. Herrschaften sind neuerdings erst vorgestellt — so viel ich weiss hat der Herr Baron ein Gut in der Nähe der Residenz angekauft!“
„Merci, James. — Sind ein netter Kerl! — —“ und Lankwitz wandte sich wieder flüsternd zu Herrn von Vorbach. „Ohly-Eckhof? — kommt mir so bekannt vor, als hätte ich den Namen einmal mit viel Interesse im Leben gehört und genannt, kann mich aber beim besten Willen nicht entsinnen, wann und wo. Mit dem Gutskauf irrt sich der gute James, im ganzen Herzogtum ist seit Jahren kein herrschaftlicher Besitz in fremde Hände übergegangen. Dort, der unglaublich dicke, missvergnügte, kleine Herr ist der beneidenswerte Gatte der Brillantendame? — Verrückte Zusammenstellung! Taxiere den Fallstaff im modernen Frack viel eher auf eine perfekte Köchin als auf ein elegantes und schneidiges Weib!“
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