Das Schloss selber war ein Kunstwerk der Neuzeit, ein wahrer Feenpalast mit Türmchen und Kuppeln, just wie sich die Phantasie im Märchen das Schloss der Elfenkönigin vorstellt.
Zart, duftig und schlank wie ein Nebelbild zeichnete es seine originellen, überreichen Konturen gegen den Himmel, und wenn man das Schnitz- und Gitterwerk der Brücke passiert hatte, vorbei an den gewaltigen Löwengruppen des Vorhofes, und in das innere Viereck des Mittelbaues trat, so hatte man die Empfindung als sei dieses den weiten Hallen der Alhambra nachgeahmt, als habe ein fernes, sagenhaftes Schloss des Morgenlandes dem Baumeister vorgeschwebt, als er all diese spitzzackigen Türmchen und Bogen, graziös wie Eisgebilde, aufgetürmt. Auch die innere Einrichtung des Schlosses war vollkommen neu und modern, mit künstlerischem Geschmack und viel Kosten ausgeführt, und üppig, entzückend und originell, wohin sich das Auge wandte.
Weisser Marmor, Goldornamente, funkelnde Kristallgehänge und schimmernder Atlas, weich, warm, duftig und hell — wahrlich! wenn es hier spukte, so waren es keine schauerlichen und gespenstischen Gestalten versunkener Jahrhunderte, keine Mönche, eisenklirrende Recken und düstere Ahnfrauen; hier konnten nur lichte, lächelnde Geister schweben — und gab’s dennoch auch hier eine dreizehnte Fee, so musste es doch eine wunderschöne wenn auch bitterböse Frau Königin sein!
Junges Leben pulsierte in dem jungen Schloss. Der regierende Herzog hatte kaum seinen sechsundzwanzigsten Geburtstag gefeiert, als ihn der Wille dessen, welcher die Schicksale der Menschen und Völker bestimmt, auf den Thron der Väter berief.
Heinrich August war ein lebenslustiger, tatenfroher Herrscher, welcher gern noch die Rosen der Jugend in den Lorbeer wand und es liebte, nach sauren Wochen frohe Feste zu feiern, im Kreise heiterer und glücklicher Menschen den schweren Ernst zu vergessen, welcher sein unzertrennlicher Genosse geworden, seitdem er an seines Volkes Spitze gestellt war, treu und fest gegen dessen innere und äussere Feinde zu kämpfen.
Seit drei Jahren mit einer ebenso schönen wie leichtlebigen Prinzessin vermählt, freute er sich des graziösen Talentes seiner Gemahlin, das heissblütige Temperament ihrer südlichen Heimat stets mehr und mehr in die deutsche Stadt herüber zu zaubern.
In dem Zeitalter der Bazillen durfte es nicht wundernehmen, wenn auch aus dem goldglitzernden Fächer und Schleier der jungen Herzogin unsichtbare Stäubchen wehten, welche sich in Herz und Augen ihrer Umgebung festsetzten und üppig wuchernd um sich griffen, die Stäubchen aufrichtigen Frohsinns, ungezwungener Natürlichkeit und geistvollen Witzes, welche freilich manch alter und steifer Etikettenform und manch vermodertem Zopf kecklich den Krieg erklärten — zur Freude der Jugend, zum grössten Entsetzen des Alters!
Wo aber die Jugend regiert, da ist es mit der Herrschaft vergangener Zeit aus und wenn auch die greise Hofmarschallin der verstorbenen Herzogin-Mutter anfänglich den Versuch wagte und in dem Witwenpalais bei Prinzessin Hermine unter mancherlei Vorstellungen die Hände rang, so halte es doch keinen andern Erfolg als den, dass die betagte Prinzessin in ihrer ernsten, zerstreuten Weise von den Büchern aufschaute und klanglosen Tones antwortete: „Ja, ja, Sie haben wohl recht, liebe Gräfin! Wir altmodischen Leute passen nicht mehr in diese moderne Welt! Wir stehen festgewurzelt auf jenem Fleckchen Zeit und Erde, wo auch wir einst zur Empörung der Grossmütter das Altehrwürdige über den Haufen warfen! — Nun wuchs die neue Generation uns ebenso über den Kopf, wie wir einst unsern Vorgängern. Wundert Sie das, liebe Gräfin? Mich nicht. Es ist Gesetz der Natur — auch für Wesen und Sitten muss es einen Frühling geben, der abgestorbene Reiser aufs neue keimen und blühen lässt. — Herzogin Renée ist solch ein Lenzeshauch, sie gibt dem Staub zurück, was sich müde und überlebt nach ihm sehnt, und wenn die Blumen und Früchte, welche sie dagegen mit sich bringt, auch für unsere Augen fremd und ungewohnt sein mögen, nun, so wollen wir ihnen den kurz gemessenen Sommer und Herbst gern gönnen — auch der Herzogin Renée wachsen Kinder und Enkel heran, welche einst die Sense an ihre Saat legen werden!“
Und Prinzessin Hermine nickte voll sinnender Wehmut vor sich hin, starrte auf ihre mächtigen Folianten und tauchte die Feder von neuem ein — da wusste die Hofmarschallin, dass auch ihre Mission und Audienz zu Ende sei.
Die Hoheit war ein Professor im Weiberrock. Sie studierte und forschte und lernte; ihres Lebens Inhalt war die gewaltige Arbeit, auf Grund vieler noch unerforschter, erst beim letzten Brand des alten Schlosses entdeckter Akten eine neue Landes- und Familiengeschichte zu verfassen, welche versprach, ein ebenso wertvolles wie hochinteressantes und verdienstreiches Werk zu werden.
Die kleine Studierlampe brannte Abend für Abend in dem stillen, einsamen Gemach der Prinzessin und der schlichte grüne Friesvorhang der Tür trennte die hohe Frau von der Aussenwelt, von dem strahlenden Märchenschloss der Herzogin Renée, durch welches eine neue Epoche den Einzug unter Flöten und Geigen hielt.
Die einzige, sehr viel jüngere Schwester des Herzogs lebte zur Zeit noch ihren Studien in der Kinderstube, der vergötterte kleine Liebling des ganzen Landes, auf welchem um so mehr aller Augen voll sorgender Zärtlichkeit ruhten, weil dem jungen Herrscherpaar vorerst leider noch jeglicher Kindersegen versagt geblieben war.
Prinzesschen Rafaela war das anmutigste, kleine Wesen, welches man sehen konnte. Von kecker, rosig pikanter Schönheit, Köpfchen und Nacken umwallt von goldbraun glänzendem Gelock, schwebte ihr graziöses Figürchen, stets in weisse Spitzen gehüllt, wie eine Sylphide durch Schloss und Park, wenn das verzogene, eigenwillige Königskind geruhte, den Bonnen und Gouvernanten für etliche Zeit durchzubrennen.
„Mein Gott, Baronin, alterieren Sie sich doch nicht so über den glücklicherweise recht gesunden Übermut der Prinzessin!“ — lachte Herzog Heinrich amüsirt, wenn ihm von der Haushofmeisterin unter Tränen ein neuer Schelmenstreich der kleinen Hoheit gemeldet wurde. „Sie ist nicht aus Holz geschnitzt, und mit zwölf Jahren will jedes Kind austoben! — Mag sie sich immerhin das Gesicht mit Oblaten bekleben und den Posten vom Fenster aus die ‚horribelsten‘ Fratzen schneiden, meine braven Grenadiere nehmens nicht übel, die waren auch ihrer Zeit unnütze Buben! — Und wenn Rafaela so gewaltiges Vergnügen daran findet, ihren Hunden die Toiletten der Hofdamen und Erzieherinnen anzuziehen und dann grossen Ball respektive Hetzjagd in der Galerie zu halten — nun — so lassen Sie ihr den Scherz und reichen Sie stillschweigend der Hofhauptkasse die Rechnung für die verdorbenen Sachen ein! Die Damen werden wohl nicht böse sein, hie und da neu equipiert zu werden!“
„Königliche Hoheit“ — seufzte Baronin Zossen mit schmerzlichem Blick, „der Verlust der Toiletten spricht in dieser Angelegenheit wohl am wenigsten mit! Halten zu Gnaden, wenn ich als verantwortliche dame d’éducation meine ernstliche Sorge ausspreche, dass der abnorme Charakter der Prinzessin geradezu ausarten wird, falls mein hoher Gebieter nicht durch rechtzeitige Strafen eine Änderung erzielen! Auf die erlauchte Tochter eines regierenden Herrscherhauses sind tausende und abertausende von beobachtenden Blicken gerichtet, und nicht ein jeder kritisiert die Prinzessin mit der anbetenden und alles verzeihenden Liebe wie wir! Wollen Königliche Hoheit nicht erwägen, dass ich es späterhin bin, welche alle Vorwürfe treffen werden, sowohl die der Untertanen, welche ein musterhaftes Vorbild für die Jugend des Landes in Prinzessin Rafaela verlangen, als wie auch die erlauchte Familie Eurer Königlichen Hoheit selber, welche das Vertrauen in mich setzte, dass ich die hohe Schutzbefohlene zu vollster Zufriedenheit und tadelloser Vollendung erziehe.“
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