Heiss erglühend versicherte sie, das nur als sehr vernünftig und richtig loben zu können.
„Brillant! Dann sind wir ja vollkommen einig!“ jubelte der Ermutigte, fasste die beiden kühlen, unschönen Hände der Erwählten und zog sie stürmisch an die Lippen — „und wenn Sie es von mir vernünftig finden, dass ich mich in Sie verliebte, Bianka, dann seien Sie auch vernünftig und nehmen Sie mich!“
Das hatte sie strahlenden Auges getan, und so war Juvivallera ein zwanzigjähriger Bräutigam und baldiger Ehemann geworden.
Über diesen ersichtlich nur dem Rittmeister zum Schabernack ausgeführten Streich hat man zuerst doch sehr missbilligend in der Gesellschaft die Köpfe geschüttelt, denn sich zu verloben, lediglich um einen andern zu ärgern, fand man doch etwas allzu frivol und bedauerte das verblendete Mädchen, welches sicherlich einer unbeschreiblich unglücklichen Ehe entgegengehe. Nie ward wohl ein derart schroff kontrastierendes Paar getraut wie der leichtlebige Cyprian und die so sehr ernst beanlagte Bianka. Wie schnell wird der junge Sausewind die hässliche, langweilige Gattin überdrüssig bekommen und sie vernachlässigen! Mit rechter Spannung sah man dieser wohl unausbleiblichen Katastrophe entgegen.
Aber man hatte sich gewaltig in dem braven, rechtlichen Herzen Juvivalleras getäuscht. Wenn ihm anfänglich bei seiner Verlobung auch die Tatsache, dass Angerschütz sich die Gelbsucht an den Hals ärgerte, den grössten Scherz bereitete und er seinem Quälgeist gar nicht ostensibel genug seine Rache markieren konnte, so übten dennoch die glückstrahlenden, wahrhaft überseligen Augen seiner Braut einen tiefen und rührenden Eindruck auf ihn aus, und ihr ganzes Wesen, welches nur die zärtlichste, anbetendste Liebe ausdrückte, reizte ihn in herzlicher Freude an, ihr mit gleicher Innigkeit zu begegnen.
Was anfangs etwas Erzwungenes war, ward ihm bald zur wahren Überzeugung, denn Bianka war ein sehr tief und reich beanlagtes Gemüt, welches seine Fülle an Geist und Anmut dem Gatten ebenso völlig enthüllte, wie es sich vor der Welt mimosenhaft verschloss.
Die anfänglich so sehr angezweifelte, ungleiche Ehe des Grafen Lankwitz ward eine sehr glückliche und sein Benehmen gegen Bianka ein geradezu musterhaftes.
Nach Jahresfrist ward dem jungen Paar ein Sohn geboren, und Juvivallera, der einundzwanzigjährige Vater war ausser sich vor Stolz und Glück. So beliebt, wie er überall im Leben war, war er auch in der neuen Garnison, und darum nahm man allseitig den herzlichsten Anteil an dem grossen und aufrichtigen Schmerz des Grafen, als ihm seine Gattin nach kaum zweijähriger Ehe durch den Tod entrissen wurde. Eine heftige Lungenentzündung warf sie auf das Krankenlager, und Cyprian pflegte sie voll aufopfernder Treue bis zu ihrem letzten Atemzuge, welcher noch ein Segenswunsch für ihn gewesen.
Mit Bianka verliess ihn der gute Geist, der solide und schier würdevoll unter seinem Dach gehaust. Das Pflichtgefühl und der gute Einfluss der ernsten Frau hatten ihn in Bahnen gelenkt, die aus dem übermütigen Juvivallera einen ausgezeichneten Ehemann gemacht. Jetzt stand er wieder allein, verfiel in sein altes Junggesellentemperament und ward bald wieder ganz der frühere, leichtlebige junge Mensch, dessen gutem und bravem Herzen nur ein paar allzu flotte Flügel gewachsen waren.
Er ward ein Lebemann im guten Sinne des Wortes, stets mobil, unternehmend, hübsch, sehr elegant und allgemein beliebt.
Als Rittmeister nahm er seinen Abschied und lebte viel auf Reisen, während sein Söhnchen Cyrill im Hause seiner Schwiegereltern erzogen wurde.
Wie man sagte, hatte das Kind auffallende Ähnlichkeit mit der Mutter.
Sein Wesen und Charakter wenigstens zeigte schon seit frühester Jugend eine so aussergewöhnlich ernste und nachdenkliche Richtung, dass er wie die verkörperte Unnatur gegen seine kleinen Altersgenossen abstach.
So unbändig und ungezogen einst der Vater als Knabe gewesen, so musterhaft artig war Cyrill. Es bedurfte kaum der Erziehung bei ihm. Er folgte auf das Wort, er beschäftigte sich stundenlang still und artig in seiner Spielecke, er nahm alles, was ihm befohlen ward, unendlich wichtig und schwer, und wenn er ein Versprechen gegeben, so hielt er es mit einer Pflichttreue und Konsequenz, welche die Umgebung in Staunen setzte. Allerdings hatte er auch die hohe Empfindsamkeit der Mutter geerbt.
Sehr leicht und sehr tief beleidigt, zog er sich grollend in sich selbst zurück, nicht nur verbittert über die ihm geschehene Kränkung, sondern auch — und dies streifte den Charakter des Vaters — tagelang sinnend und grübelnd, wie er sich dafür rächen könne. Und er rächte sich auch jedesmal, nicht in boshafter oder hinterlistiger Weise, sondern stets in einer Form, welche dem Beleidiger zeigte, wie bitter unrecht er dem Knaben getan, wie verwerflich und unrichtig er daran gehandelt.
Etwas schulmeisterhaft Pedantisches lag in der ganzen Art und Weise des Kindes, wenngleich es entschieden auch von der Begabung des Vaters, seinen genialen Talenten und Befähigungen geerbt hatte, denn Cyrill lernte spielend leicht, erfasste jede Aufgabe schnell, zeigte grosse Vorliebe und Verständnis für Musik und fand namentlich viel Gefallen daran, mit erstaunlicher Phantasie kleine Geschichten und Märchen zu ersinnen. Dass dieselben meist eine recht tief religiöse, streng sittliche und rechtliche Moral verherrlichten, überraschte die Welt am meisten, und man konnte nicht genugsam das eigenartige Spiel der Natur anstaunen, welche in Vater und Sohn solche direkte Extreme geschaffen.
Hatte man den flotten, lebenslustigen, mit den Jahren stets leichtsinniger werdenden Lankwitz senior im Scherze „Juvivallera“ getauft, so erfand nun ein Witzbold für den ernsten, frommen, soliden Lankwitz junior den Spitznamen „Hosianna“, und diese seltsame Namensverbindung flog lachend von Mund zu Mund, weit über des Landes Grenzen hinaus.
Dabei war das Einvernehmen zwischen Vater und Sohn ein ganz vorzügliches, ihre gegenseitige Zuneigung eine so innige und herzliche, wie selten in anderen Familien, und wer beide zusammen sah, hielt sie für Brüder, den lachenden, jugendlichen, flotten Vater in späterer Zeit sogar meist für den jüngeren, als ihm Cyrill hoch und schlank über den Kopf wuchs und mit seinen dunklen Augen ebenso vorzeitig alt in die Welt schaute wie ehemals die Mutter.
Juvivallera und Hosianna wanderten jedoch Arm in Arm, innig verbunden, durchs Leben, und je älter Cyrill ward, desto mehr nahm er den Platz der zu früh geschiedenen Mutter ein, gleich ihr zum hemmenden, versöhnenden und ausgleichenden Elemente werdend, wenn die leichte Ader des Vaters eines strengen Schutzgeistes bedurfte.
Für den fünften Januar war ein Galerieball im herzoglichen Schlosse angesagt.
Die Galeriebälle erfreuten sich besonderer Beliebtheit, da sie meist nur von der ersten Gesellschaft besucht wurden, nie überfüllt waren und den Teilnehmern Gelegenheit gaben, den höchsten Herrschaften näher treten zu können wie bei den andern offiziellen Hoffesten, wo die einzelne Persönlichkeit vollkommen in der Menge verschwand.
Die ganze Residenzstadt war in modernen und elegantem Stil erbaut: breite, von Promenaden und Parkanlagen durchzogene Villenstrassen, eine luxuriöse Mittelstadt, in welcher ein Schaufenster stets prachtvoller erstrahlte wie das andere, und Plätze, um die sich in grossartiger und geschmackvollster Bauart die Museen, Ministerien, Theater und sonstigen städtischen Bauten reihten.
Diesem Rahmen entsprechend, prangte das herzogliche Schloss wie ein unsagbar schönes und ideales Gemälde auf dem mässig hohen Berg, welcher feine Gärten und Parkabteilungen bis zu den spiegelnden Bassins herab erstreckte, in die sich die treppenartigen Kaskaden und Wasserfälle schäumend niederstürzten.
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