Zentrales Nervensystem
Neuralrohrentwicklung
Zur Auswirkung einzelner Vitamine und Spurenelemente im menschlichen Gehirn greift die vorhandene Literatur nur auf Beobachtungen zurück: Zum einen kann man in einer natürlichen Ernährung Vitamine nicht voneinander trennen, zum anderen dürfen Experimente mit Menschen kaum durchgeführt werden. Schwangeren ist nicht zuzumuten, dass sie komplett auf ein Vitamin verzichten, um dessen Mangel auf die Entwicklung des kindlichen Gehirns zu prüfen. Die meisten Studien finden daher mit Tieren statt. Nager, Affen oder Schweine darf man während der Trächtigkeit einseitig füttern und die Mengen der jeweiligen Substanzen oder einer bestimmten Diät exakt dosieren. Dadurch ist es möglich, die Auswirkungen unterschiedlicher Arten von Ernährung und von Ernährungsmängeln auf das Gehirn der Brut zu testen. Der Unterschied zwischen Schweinen beziehungsweise Nagern und Menschen sind einige wenige Gene, und man kann davon ausgehen, dass die Resultate auch für Menschen in einem bestimmten Ausmaß aussagekräftig sind.
Eine der zahlreichen Studien mit Farbratten – jenen gefleckten, besonders zahmen Tieren, die zwar speziell für die Wissenschaft gezüchtet, aber auch als Haustiere gehalten werden – hat gezeigt, dass sich eine Diät der trächtigen Mutter mit hochdosiertem Vitamin Aauf das Belohnungssystem der Brut auswirkt: Die Jungtiere werden zurückhaltender auf die Verlockungen durch Futter und zeigen weniger Interesse an zuckerhaltiger Nahrung 7. Allerdings konnte die Wissenschaft bisher die Mechanismen in der Entwicklung des Fötus noch nicht identifizieren, die zu geschmacklichen Vorlieben führen. Man weiß allerdings, dass sich Nahrung im Mutterleib auf unsere Gene auswirkt. Inwiefern? Seit vielen Jahrzehnten haben wir die Vorstellung, dass wir ein Produkt unserer Gene sind, unverrückbar nach der klassischen Genetikdefiniert, wie wir sie im Biologie-Unterricht über die Mendelschen Regeln der Vererbung – ja genau die Erbsenkreuzungen – gelernt haben. So erkläre ich mir, warum ich grüne Augen und Sommersprossen habe, obwohl meine Eltern braune Augen hatten und ihre Haut in der Sonne auch sofort braun wurde: Ich bin wie Oma Irene geraten, habe ihre Augenfarbe geerbt und muss mich mit Sonnenschutzfaktor 50 ausrüsten, damit ich bei meinen Radtouren nicht krebsrot werde.
Die klassische Genetik kann äußerliche Merkmale erklären, aber Charakterzüge oder Verhaltensweisen, auch Krankheiten, nicht, vor allem, wenn sie im Familienverband noch nie aufgetreten sind. Die Mendelschen Gesetze decken daher nicht die enorme Verschiedenartigkeit unseres Seins, vor allem unserer geistigen Fähigkeiten und unserer Psyche, ab. So können Kinder mit demselben Erbgut unterschiedlich intelligent und kreativ sein. Sie können auch den Hang zu Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Krankheiten unterschiedlich voneinander entwickeln. Nach der Epigenetik,der Weiterentwicklung der klassischen Genetik, müssen wir, selbst wenn Genträger, nicht jene Eigenschaft oder Charaktermerkmale haben, die mit dem Gen verbunden sind. Nicht jeder, der das Gen für Depression in seinem Erbgut hat, muss auch depressiv sein. Das Gen muss im Lauf des Lebens zum Ausdruck gebracht werden, man sagt, »exprimiert«, also eingeschaltet werden. Das Gen enthält Teilprogramme, die schrittweise zur Krankheit führen. Es beginnt mit Schlaflosigkeit, später kommen die Stimmungsschwankungen, danach eine gestörte Wahrnehmung des Erlebten, eine inadäquate Kommunikation darüber, was man möchte, und so weiter. Der Mensch verändert sich laufend. All diese Schritte in Richtung Krankheit folgen aufeinander wie das Fallen von Dominosteinen. Allerdings gibt es vor dem ersten Domino-Stein eine Art Schalter, den Promotor.
Promotor und Transkriptionsfaktoren
Er kann das ruhende Gen aktiv werden oder es weiter »schlafen« lassen, abhängig von Transkriptionsfaktoren, die sich im Promotor einlagern. Dazu gehören Umwelteinflüsse, zum Beispiel das Fehlen von UV-Licht im Erwachsenenalter, aber auch Stress. Im Mutterleib zählen zu den Transkriptionsfaktorendie Ernährung und Substanzen, welche die Mutter über die Umwelt aufnimmt, wie Gifte im Essen, (Düngemittel oder Pestizide), Alkohol, Zigarettenrauch, aber auch psychosozialer Stress, der aus Konflikten stammt.
Ganz wichtig in diesem Zusammenhang sind Vitamine: Auch sie zählen zu den Transkriptionsfaktoren. So wirkt sich Vitamin Aauf die Entwicklung des Belohnungssystems aus. Es unterstützt auch die Differenzierung von Stammzellen 8und verschiedene Wachstumsprozesse wie die Verlängerung der Axone 9. In der Ernährung finden wir Vitamin A hochdosiert in der Leber verschiedener Tiere, daher auch in Lebertran und in orangefarbenem Gemüse, in Süßkartoffeln, Karotten, Kürbis, Aprikosen und Mango. Es findet sich ebenfalls in hohen Mengen in Butter und Grünkohl. Ernährt sich eine Schwangere bunt und abwechslungsreich, nimmt sie ausreichend Vitamin A für sich und ihr Kind auf. Vitamin D und Kbraucht der Fötus zur Entstehung und Differenzierung von Stammzellen 10. Auch Wachstumsfaktoren, jene Substanzen, die das Wachstum der Zellen und somit das des Gehirns unterstützen 11, entfalten ihre Wirkung, wenn diese Vitamine vorhanden sind. Vitamin K ist obendrauf an der Bildung von Blutgefäßen im Gehirn beteiligt.
Dass Vitamin B6in der fetalen Gehirnentwicklung große Bedeutung hat, mussten wieder trächtige Farbratten beweisen. Einer Gruppe Tiere wurden täglich sechs Milligramm des Vitamins verabreicht, was einer durchschnittlichen Dosis entspricht, die man über die Nahrung aufnimmt. Die zweite Gruppe bekam den Vitaminzusatz, also die fünffache Menge (30 Milligramm) vom Vitamin B6, und eine weitere Gruppe wurde auf null Milligramm gesetzt. Die Forscher fanden heraus, dass der Vitaminmangelzur negativen Veränderung von Bauplänen im Gehirn der Jungtiere führte, welche die Ausschüttung und den Transport von Botenstoffen regeln. Nicht nur Dopamin, sondern auch Serotonin– der Neurotransmitter, der uns in der Balance hält –, und GABA– Gamma Aminobuttersäure, die uns Müdigkeit empfinden lässt 12, sind davon betroffen. Vitamin B6 kommt in Milchprodukten, Leber, Fisch, Weizenkeimen, Hefe, Avocado, Hülsenfrüchten, Bananen, Vollkornprodukten, Kartoffeln und grünem Kohl vor.
Die Liste der Vitamine und Spurenelemente könnte man endlos fortsetzen, und immer kämen wir zur gleichen Aussage: Ihr Mangel wirkt sich schlecht auf das Wachstum des Fötus und das seines Gehirns aus, daher auch auf seine Psyche und seine kognitiven Fähigkeiten. Allerdings ist die Dosierung der Nahrungsergänzungen mit Vorsicht zu genießen: Von Land zu Land gelten unterschiedliche Richtlinien, zum Beispiel bei Vitamin D 13, oder sie ändern sich mit der Zeit, wie bei der Folsäure 14. Die Grenze zwischen einer nützlichen und einer schädlichen Menge ist für Laien schwer zu unterscheiden. Die Weltgesundheitsorganisation spricht Empfehlungen aus. Vorsicht ist dennoch geboten. Überdosierung von Vitaminen, auch Hypervitaminosegenannt, kommt regelmäßig vor. Nahrungsergänzungsmittel sind günstig, überall zu haben und nicht verschreibungspflichtig. In der Meinung, dass mehr vom Guten mehr Gutes bewirkt, nahmen Schwangere in Boston sogar zwischen zwei- und siebenmal der empfohlenen Dosis an Folsäure, Vitamin A, D und E ein 15, so eine Studie. Das muss Auswirkungen auf den Fötus haben. Auch die Häufigkeit der Einnahme ist ein wichtiges Kriterium: Mit 1.257 schwangeren Frauen wurden die zweimalige und die fünfmalige Einnahme von einem hochdosierten Kombipräparat aus Vitamin B12 und Folsäure untersucht und die Häufigkeit wurde mit dem Vorkommen von Autismus in Verbindung gebracht, »korreliert«, sagt man in der Wissenschaft. Die zweimalige Einnahme pro Woche senkte das Risiko von Autismus, die fünfmalige Einnahme allerdings steigerte es 16. So dürfen Nahrungsergänzungsmittel nur unter professioneller Beratung eingenommen werden 17, denn wir können die Auswirkung der Überdosierung auf das Gehirn des Fötus noch nicht einschätzen, trotz wissenschaftlicher Fortschritte. Im Zweifel ist gesunder Menschenverstand der beste Ratgeber: Frische und natürliche Lebensmittel, die möglichst abwechslungsreich zubereitet werden, sorgen auch für die größte Variation an Vitaminen und Spurenelementen für Mutter und Kind. In ihrer »natürlichen« Verpackung, also nicht isoliert und zusammen mit komplementären Substanzen, wirken sie am besten und das schließt eine Überdosierung aus. Ja, der Aufwand ist notwendig, für die Mama, aber vor allem auch für das Kind!
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