»Aber ist die Frau nicht …« – Wie war noch mal das richtige Wort für plemplem? – »… dement?«
»Ja eben«, sagt Karl und schaut über ihn hinweg. Sieht aus, als grübelte er. Luis hört ihn dabei laut atmen. Ob Karl auch dement ist?
Karl kommt zurück mit seinem Blick und sieht ihn nachdenklich an. »Wenn ich so recht überlege, vermissen in letzter Zeit noch mehr Leute was.«
»Vielleicht gibt es einen Dieb im Haus«, platzt es aus Luis heraus. Karl guckt sich kurz um, beugt sich dann über den Tisch und sagt leise: »Wollen wir das mal unter die Lupe nehmen?«
»Wie meinst du das?«
»Na, wir zwei halten mal die Ohren offen.«
»Du und ich?« Luis schaut auf Karls Ohren.
»Ist ja sonst keiner hier, mit dem man Pferde stehlen könnte.«
»Was denn für Pferde?«, fragt Luis.
»Ach, das sagt man so.« Karls Augen funkeln ihn herausfordernd an. »Du bist doch klug, gewieft und mutig.«
»Öh.« Luis weiß gar nicht, was er sagen soll. – Klug, gewieft und mutig? Das hört sich ganz schön gut an. Er lächelt schüchtern.
»Na, bist du dabei?« Karl sieht nun gar nicht mehr wie ein Senior im Altenheim aus, eher wie ein Agent mit einem Auftrag.
In Luis’ Kopf schwirrt es. Aber besser ein Schwirren im Kopf als Muffensausen im Magen wegen der Space-Zombies, die bestimmt schon im Zimmer oben auf ihn lauern.
»Okay«, sagt Luis. »Eigentlich war ich auch schon mal Detektiv.«
»Dacht ichs mir doch«, sagt Karl und zieht eine Augenbraue hoch, genauso cool wie Sean Connery. Luis streckt seine Hand aus für ein »High Five«. Diesmal braucht Karl ein Weilchen, bis er kapiert, was Luis will, schlägt endlich ein, aber trifft die Hand nicht ganz. Der Apfelsaft kippt wieder um – erneut schütteln die Damen ringsum die Köpfe und eine genervte Küchenhilfe patscht ihren Lappen voll in die Apfelsaftpfütze.
KAPITEL 5,
in dem Luis technische Probleme löst
und es nachts poltern hört
Luis befindet sich im Nasenkonus der Rakete. Es ruckelt und schuckelt. Unter ihm spuckt das erste Triebwerk einen Feuerstrahl aus und erzeugt einen gewaltigen Schub nach oben. Er wird in die Lehne gepresst. Dann ruckelt es noch einmal und sein Spaceship bleibt stehen. Nanu? Luis drückt auf die Fernbedienung. Sie reagiert nicht mehr. Mist! Die Batterien sind leer, der Space-Sessel lässt sich nicht mehr bewegen. Erst jetzt bemerkt Luis, dass es beinahe dunkel ist im Zimmer, nur der Schein einer Laterne draußen vor seinem Fenster erhellt einen Teil der Zimmerdecke. Aus der Ferne der Ruf eines Käuzchens. Oder ist es der Schrei eines Untoten? Mit einem Senkrechtsatz springt Luis auf und sucht nach einem Lichtschalter. Aus dem Augenwinkel sieht er bereits, wie ein Krakenwesen lange Arme nach ihm ausstreckt. Er haut auf den Schalter. Der Krake entpuppt sich bei Licht als eine Deckenlampe mit langen Holzarmen. Unter so einem Teil kann er unmöglich schlafen! Luis versucht, das wuchtige Holzbett weiter an die Wand zu schieben, aber es knarrt nur, als würde es ihn auslachen. Sein Herz rast. Es nützt ihm gerade gar nichts, klug, gewieft und mutig zu sein. Er fährt herum, hat ihm da nicht gerade jemand mit fauligen Fingern auf die Schulter getippt? Mit einem Satz ist er an der Tür und reißt sie auf.
»Julia?«, ruft er in den Flur und kneift die Augen zusammen. Auf dem gleißend hell beleuchteten Gang ist niemand, im Schwesternzimmer auch nicht, nur die Tür von dieser komischen Kammer steht halb offen, klaffend, wie ein dunkles Maul.
»Julia?«
Plötzlich hört er ein Knatschen. Gummi auf Linoleum. Crocs im Anmarsch, die Rettung! Er atmet auf. Mariola biegt um die Ecke. Was trägt sie da vor sich her? Eine Bratpfanne?
»Hey, Luis, was machst du denn hier?«
Luis kann gar nicht so schnell antworten. Er war ja gerade noch im All, ist nur knapp Kraken und Zombies entkommen und nun auf dieser Kommandostation gelandet, wo es blaue Kittelwesen mit quietschenden Schuhen gibt.
»Meine Batterien sind leer«, sagt er.
»Was denn für Batterien?«, fragt Mariola und geht mit der Pfanne in die Kammer und macht Licht an. Luis kommt ein beißender Geruch entgegen. Er bleibt in der Tür stehen.
»Von der Fernbedienung für den Sessel«, sagt er und guckt mit einem Sicherheitsabstand zu, wie Mariola eine Klappe in einem Metallschrank aufzieht, die Pfanne reinschiebt und die Klappe wieder zumacht. Dann drückt sie einen Knopf und es rumort in der Maschine wie in einem Geschirrspüler. Ist aber keiner, das ist bei dem Geruch schon klar. Und das war auch keine Bratpfanne, sondern eine Bettpfanne, die einem unter den Hintern geschoben wird, wenn man nicht selber aufs Klo gehen kann. So eine hatte Luca auch, als er sich beim Fußballspielen das Schienbein gebrochen hatte und im Krankenhaus war. Da durfte er tagelang nur auf dem Rücken liegen mit hochgelagertem Bein, aus dem ein Metallgestell ragte, das direkt in seine Knochen geschraubt war. Luis durfte sich auch die Röntgenbilder angucken, auf denen er genau sehen konnte, wo der Bruch war und wie tief die Schrauben im Knochen steckten. Wobei Bruch auf Orthopädisch »Fraktur« heißt. Luca hatte eine Tibiafraktur. Zum Pinkeln bekam er eine Ente, so nannten die Schwestern im Krankenhaus eine abgeschrägte Flasche, in die man im Liegen pinkeln konnte.
»Macht Spaß. Willst du auch mal?«, hatte Luca ihm die Flasche angeboten, aber Luis musste gerade nicht.
»Im All pinkelt man in ein ähnliches Teil«, hatte er Luca erklärt. »In eine Art Trichter mit Schlauch, an dem eine Tüte befestigt ist, damit nichts daneben geht und durch die Rakete schwebt. Im All fällt ja nichts runter, wegen der Schwerelosigkeit.«
Luca kicherte. »Stell dir mal vor, man trifft nicht richtig und dann wabern gelbe Pfützen durch den Raum. Oder Kackwürste.«
»Das passiert aber nicht«, hatte Luis gesagt. »Das wird einem mit Unterdruck gleich vom Hintern abgesaugt und eingetütet. Und dann werden die Kacktüten von der gesamten Crew an Bord gelagert und irgendwann mit den alten Unterhosen, Stinkesocken und dem anderen Müll aus dem Raumschiff befördert, wo sie dann in der Erdatmosphäre verglühen.«
»Krass!«
»Aber der Urin wird recycelt, der wird zu Trinkwasser aufbereitet.«
»Echt jetzt?«
Luis nickte. »Schweiß auch.«
Luca verzog das Gesicht. »Mann, Alter, bist du dir wirklich sicher, dass du Astronaut werden willst? Werd doch lieber Profifußballer, so wie ich. Ich kann ab nächster Woche wieder normal auf Toilette gehen und muss auch keinen gefilterten Urin trinken!«
In der Besenkammer rumpelt und zischt es. Mariola steht neben der Fäkalienmaschine, zieht die Gummihandschuhe aus und desinfiziert sich die Hände. An der Wand stehen in einem Regal lauter saubere Bettpfannen, wie Kochtöpfe in einer Restaurantküche. Luis folgt Mariola ins Schwesternzimmer. Dort findet sie in einer Schublade Nachschub für die Fernbedienung.
Als Luis in sein Zimmer zurückkommt, wechselt er die Batterien und will sich gerade noch mal ins All katapultieren, da hört er es über sich rumpeln und poltern. Als hätte jemand etwas abgestellt. Dann knarrt der Boden. Schritte. Nanu? Über ihm ist doch gar keine Etage mehr, oder? Aber da läuft jemand entlang, eindeutig! Sein Herz fängt schon wieder an zu rasen.
Diesmal trifft er Julia im Schwesternzimmer. Sie hält ein Fläschchen vor ihrem Gesicht und zählt die Tropfen, die sie in einen kleinen, blauen Becher füllt.
»… 29, 30.« Sie setzt das Fläschchen ab. »Hey, Luis, noch wach?«
»Da sind Schritte über mir.«
»Über dir? Kann nicht sein. Auf dem Dachboden ist um diese Zeit sicher niemand mehr.«
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