Menschen meinen selten, was sie sagen. Gehen Sie vom Gegenteil aus: Ihr Gesprächspartner sagt Y, meint aber X. Was ist das X? Und dann pacen Sie das X. Als an Luzia der nächste unberechtigte Vorwurf herangetragen wird, rastet sie nicht mehr aus und prügelt verbal auf den »Angreifer« ein, sondern fragt pacend nach: »Wo sehen Sie denn eine Lücke? Welche Zahl vermissen Sie?« Und dann schweigt sie. Wie reagiert der »Angreifer«? Einer sagte in diesem Fall: »Wie? Wieso? Interessiert Sie das denn? Ja, darüber habe ich ehrlich gesagt noch gar nicht nachgedacht. Ich ging davon aus, dass es Ihnen als Chefcontrollerin sowieso schnuppe ist, was ich als kleiner Sachbearbeiter im Vertrieb für Zahlen brauche.« Und danach haben die beiden ganz vernünftig miteinander geredet und eine neue Kennzahl konstruiert. Weil Luzia so klug war, zu pacen, eine Frage zu stellen und dann den Mund zu halten.
Ich empfehle zur Aufnahme in alle Anforderungsprofile für Führungspositionen: »Muss die Klappe halten können!« Das ist eine Führungsqualifikation sine qua non.
Auch aus einem anderen Grund: Wer nicht schweigen kann, kann auch nicht denken.
Wer schweigt, denkt besser
Als ich zum ersten Mal an einem Meeting im Unternehmen eines guten Kunden teilnahm, traute ich meinen Ohren nicht. Der Geschäftsführer hatte tatsächlich gesagt: »Bevor wir jetzt abstimmen und eine Entscheidung fällen, legen wir eine Schweigeminute ein.« Hinterher erklärte er mit: »Am Anfang haben sich meine Leute natürlich gewundert. Aber inzwischen erkennt jeder den Nutzen dahinter.« Nämlich:
Wer nicht schweigt, trifft unüberlegte Entscheidungen.
Das sind Entscheidungen, die sich hinterher als falsch herausstellen und über die jeder dann sagt: »Das hätte ich mir doch eigentlich denken können! Warum habe ich das nicht vorher schon gesehen?« Weil ich gequasselt habe und nicht nachgedacht. Wer sich keine Zeit zum Schweigen nimmt, nimmt sich auch keine Zeit zum Denken. Und umgekehrt. Natürlich ist das in unserer hektischen, lärmenden Zeit auch schwierig. Wir haben ja ständig das Handy, das Telefon oder den iPod am oder im Ohr!
»Sie hören jetzt – Stille«
Neulich glaubte ich, meinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Ich rief bei einem Unternehmen an, geriet in die Warteschleife und hörte: »Alle unsere Leitungen sind im Moment besetzt. Wir bitten Sie um einen Augenblick Geduld. Während dieser Zeit hören Sie – Stille.« Kein Musikgedudel, keine geniale Erkennungsmelodie, keine nervende Endlosschleife, kein Fahrstuhlgewimmer. Einfach nur Stille. Als ich mich bei dem Wunsch ertappte, dass ich hoffentlich noch eine Weile auf meinen Gesprächspartner warten müsse, musste ich lachen … Die laute, lärmende und gedankenlose Welt fordert ihren Tribut. Nirgends mehr Stille. Dabei bräuchten wir sie so dringend. Vor allem bei Verhandlungen und Entscheidungen. Denn:
Schweigen verbessert Entscheidungen und Verhandlungen
• Wer regelmäßig und gezielt schweigt, bevor er antwortet, kann sich bei Verhandlungen mental auf die beste Erwiderung und Entscheidung vorbereiten.
• Wer für ein, zwei Atemzüge schweigt, kann seine Wortwahl und die Belege für seine Argumente besser sortieren und durchdenken.
• Wer regelmäßig für einige Sekunden schweigt, kann sich besser auf sein Bauchgefühl konzentrieren, das dem Wachverstand meist wertvolle Hinweise gibt.
• Wer schweigt, nimmt nicht das erstbeste Argument, sondern das beste.
Das sind recht konkrete Nutzen des Schweigens: Schweigen macht Entscheidungen und Verhandlungen besser. Doch es gibt noch einen eher abstrakten, dafür aber umso wirkungsvolleren Nutzen des Schweigens: Schweigen macht stark.
Schweigen macht dich stark!
Wer schweigt, auch und gerade wenn er angegriffen, provoziert, beleidigt oder unter Druck gesetzt wird, verschafft sich einen Vorteil, der gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann:
Wer schweigt, bestimmt seine Reaktion auf äußere (und innere) Umstände selbst, anstatt sich zum Sklaven anderer oder der Sachzwänge machen zu lassen.
Nur der zum Schweigen fähige Mensch ist ein autonomer, starker, unabhängiger, freier, selbstbewusster Mensch. Natürlich äußert sich diese Autonomie noch in vielen anderen Merkmalen. Doch Schweigen ist ein integrales und wesentliches. Menschen, die nicht schweigen (können), sind fremdbestimmt, sachgezwungen und meist latent oder evident gestresst bis zum Geht-nicht-mehr.
Wer schweigt, schöpft Kraft
Auf einem Spielplatz beobachtete ich eine Mutter, deren Kind alle zehn Sekunden entweder irgendetwas von ihr wollte, sie anmeckerte oder die Knie aufgeschlagen hatte. Und stets musste die Mutter parat sein, antworten, trösten, auf die Meckereien reagieren. Bis sie von einer Sekunde auf die andere verstummte, während ihr Kind im Hintergrund wieder irgendeine weltbewegende Trivialität in 150 Dezibel zum Besten gab. Keinem außer mir fiel das plötzliche Verstummen der Mutter auf. Ich sah sie verwundert an. Unsere Blicke kreuzten sich für eine halbe Sekunde und in ihren Augen sah ich deutlicher als jede Neonschrift die Botschaft: »Ah, tut das gut, wenigstens für fünf Sekunden abzuschalten und die Klappe zu halten.« In diesen fünf Sekunden ließ sie alles los, was sie an diese Erde band, und schwebte quasi flügelleicht durch den Äther. In diesen fünf Sekunden holte sie sich die Kraft, die sie für weitere fünf Stunden Stressfamilie benötigte. Die Kraft der Autonomie, der unbegrenzten und unbegrenzbaren Selbstbezogenheit. Deshalb haben sämtliche Religionen der Welt Meditationspraktiken entwickelt. Weil das Schweigen eine der größten, wenn nicht die größte Kraftquelle eines Menschen ist (siehe ausführlich in Kapitel 4und 9).
Wer schweigt, lässt sich nicht fremdsteuern, manipulieren, sachzwingen. Er oder sie emanzipiert sich vom Diktat unserer Zeit, wenigstens für einen Moment, für den entscheidenden Moment, um Kraft zu schöpfen. Wer schweigt, bestimmt seine Reaktion auf äußere Umstände selbst, anstatt sie sich diktieren zu lassen. Das ist nicht nur ein äußerst luxuriöses Erlebnis. Das gibt auch viel Energie.
Wer schweigt, rebelliert
Die Alternative ist, auf jeden Reiz, der von außen an Sie herangetragen wird, mit einer Widerrede zu antworten. Schon allein den Gedanken daran empfinde ich als ermüdend. Das bin ich nicht. Das will ich nicht. Ich kann und möchte nicht der Sklave von Umständen oder Zeitgenossen sein. Ein Sachbearbeiter drückte es klar aus: »Mein Schweigen ist meine kleine Rebellion, mein erhobener Stinkefinger, den nur ich sehen kann und den ich emporrecke, wenn es mir zu bunt wird. Ich schweige, und schon geht es mir ein wenig besser.« Warum?
Wer schweigt, ist frei
Inmitten einer Welt von fordernden Vorgesetzten, mäkelnden Familienangehörigen und unzähligen Sachzwängen ist Schweigen ein Akt der Selbstbehauptung, der Befreiung, der Entgrenzung. Eine innere Unabhängigkeitserklärung, sozusagen, eine Entfesselung. Wer schweigt, nimmt sich die innere Freiheit, selbst zu entscheiden: Was will ich tun? Wie will ich reagieren? Schweigen oder reden?
Schweigen sprengt Fesseln
Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie segensreich diese Freiheit für den modernen Menschen ist. In meinen Seminaren und Coachings finden sich so viele Menschen ein, die der allgegenwärtige und pausenlose Zwang unserer Zeit völlig fertigmacht. Der Zwang, immer präsent, immer erreichbar, immer leistungsfähig und vor allem leistungswillig zu sein, maximal flexibel und mobil, bis zur Selbstaufopferung motiviert – für die Angelegenheiten anderer! Schweigen entzieht uns diesem omnipräsenten Zwang, befreit uns von ihm, wirft die Fesseln einer ganzen Zivilisation ab. Wenigstens für einige Sekunden, die wie Stunden wirken.
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