Je größer das eigene Selbstbewusstsein, desto eher können wir klug schweigen.
Schweigen stärkt das Selbstbewusstsein
Für Peter wäre das nun eine üble Falle, wenn der Zusammenhang nicht rückbezüglich wäre. Umgekehrt gilt: Wer auf Aggression und Provokation hin erst einmal schweigt, baut sein Selbstwertgefühl damit auf – und kann sich die beste Kontertaktik überlegen. Das müssen Sie nicht glauben. Probieren Sie es einfach bei nächster Gelegenheit aus, wenn Ihnen jemand dumm kommt. Verena tat das und kam mit einer schönen Geschichte ins Follow-up-Seminar: »Als Innendienstlerin arbeite ich zwanzig Außendienstlern zu. Und jede Woche beschweren sich fünf darüber, dass ich ihnen falsche Termine gegeben habe. Das stimmt meist nicht! Ich sehe ja in meinem Terminkalender, dass ich den richtigen Termin notiert habe und der Verkäufer es lediglich bei sich verbaselt hat. Im Außendienst geht es eben hektischer zu als im Innendienst. Also ist es nicht schlimm, wenn man draußen mal Termine verwechselt. Aber das streiten die Kerle natürlich ab. Worauf ich insistiere. Wir streiten uns. Jede Woche fünf Mal. Schrecklich. Meine Nerven.«
Seit sie schweigen gelernt hat, macht sie es anders: »Ich frage seither nur noch: ›Ach, ich habe mal wieder die Termine verwechselt?‹ Und dann schweige ich freundlich lächelnd.« Die einen beschimpfen sie dann noch eine kurze Weile, was sie schweigend wegsteckt, weil die Beschimpfung ziemlich schnell abebbt, wenn Verena nichts erwidert. Andere Verkäufer lenken rasch ein, wenn sie bemerken, dass Verena nicht mit ihnen streitet. Es gibt sogar immer mehr, die sagen: »Ja ja, ich weiß schon. Wahrscheinlich habe ich das dieses Mal verbockt.« Und alles nur, weil Verena neuerdings schweigt, anstatt wie ein überdrehter Pitbull nach dem Knochen zu schnappen, der ihr vorgehalten wird. Das heißt nicht, dass Sie nun jedem Streit aus dem Wege gehen und nur noch schweigen sollten. Es heißt lediglich: Lassen Sie sich nicht provozieren! Schweigen Sie erst einmal und überlegen Sie in der gewonnenen Zeit, wie Sie sich verhalten wollen.
Geben Sie sich selbst die Vorlage zum Schweigen!
Manchmal müssen wir uns für dieses Schweigen erst eine Vorlage geben. Diese Vorlage braucht sogar Peter noch dann und wann, wenn Klaus ihn wieder völlig zu Unrecht beschimpft. Peter schaut ihn dann souverän und freundlich an und sagt: »Danke, dass du mir deine Meinung sagst.« Dann schweigt er. Peter: »Damit ist ihm und vor allem mir selbst klar, dass er nicht die Wahrheit über mich sagt, sondern bloß seine eigene, subjektive und verfälschte Meinung.« Peters Rezept ist zur Verallgemeinerung empfohlen:
Streiten Sie nicht. Überlegen Sie sich den einen starken Satz, der alle anderen Sätze überflüssig macht, und schweigen Sie danach.
Männer haben das manchmal ganz gut drauf – ausgerechnet in Beziehungsstreitigkeiten. Sie sagen oft, wenn die Partnerin so richtig in Fahrt geraten ist: »Schatz, ich möchte nicht mit dir streiten.« Und danach schlagen sie die Zeitung auf oder verziehen sich in den Hobbykeller. Das sollten sie natürlich nicht. In Beziehungen muss man/frau einfach miteinander reden, auch wenn es manchmal kracht. Doch dieses deplatzierte Verhalten zeigt, wie stark Schweigen als Streit-Stopper wirkt. Nämlich selbst dann, wenn es unangebracht ist.
ÜBUNG
An welche Streitigkeiten erinnern Sie sich? Welche werden absehbar auf Sie zukommen? Was wäre der eine starke Satz, mit dem Sie die üblichen Endlos-Diskussionen wesentlich abkürzen könnten? Es dürfen auch zwei Sätze sein. Höchstens drei. Aber bitte nicht mehr. Und verwenden Sie ruhig etwas Zeit aufs Nachdenken, Formulieren und Ausprobieren Ihres starken Satzes. Solche Sätze fallen nicht vom Himmel. Sie wollen erarbeitet und erprobt werden. Wie schon Goethe sagte: »Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.« Wir haben unsere Muttersprache quasi ererbt. Doch bis wir einen reifen und vor allem wirkungsvollen Umgang damit erreichen, sollten wir sie ausprobieren und zurechtfeilen, unser Sprachvermögen entwickeln. Dazu gehört auch, Schweigen zu lernen.
Der eine starke Satz
Es gibt solche fabelhaften Sätze, die ins Schweigen führen. Einer ist zum Beispiel: »Sie haben ganz sicher recht – aber ich möchte das nicht vertiefen. Ich würde lieber gleich zu einer Lösung kommen.« Ein anderer starker Satz ist eine Frage: »Inwiefern bringt uns das weiter?« Oder: »Was heißt das jetzt im Hinblick auf eine Lösung unseres Problems?« Ganz starke Sätze können Sie übrigens dem sogenannten Pacing entlehnen.
Pacing – der Weg ins Schweigen
Sarah hat einen umsatzstarken, aber schwierigen Kunden, der jede Woche einmal reklamiert. Immer schimpft er dabei über die »unnötig komplizierte Steuerung von euren Maschinen! Das versteht doch keine Sau!« Sarah zuckt jedes Mal zusammen und versucht ihm zu erklären, dass die Steuerungsprozesse ganz logisch und einfach sind, wenn man sich eingehend mit ihnen beschäftigt. Sie unterstellt dem Kunden, dass er die Bedienungsanleitung nicht ausführlich genug gelesen hat. Und so reden die beiden jede Woche eine halbe Stunde aneinander vorbei. Seit der Vorgesetzte das mitbekommen hat, sagt er ebenso oft zu Sarah: »Wenn Sie diesen Kunden verärgern, dann versetze ich Sie in die Packerei!«
Als der Kunde das nächste Mal anruft, sagt Sarah: »Ach, Sie Ärmster, spinnt die Steuerung schon wieder? Das ist alles viel zu kompliziert? Ja, ich kann mir vorstellen, dass das ganz schön frustrierend ist. Schließlich hält Sie das von der eigentlichen Arbeit ab.« Auf diese Weise geht Sarah sozusagen einige Schritte (Paces) mit dem Kunden mit – und schweigt dann. Keine Widerrede, keine Belehrungen, keine Überzeugungsversuche. Nur Schweigen. Was passiert? Nach zwei Minuten hat er sich ausgetobt (früher dauerte es zehn), weil er sich verstanden fühlt. In der Zwischenzeit hat er auch schon zaghaft nach den Schulungstarifen von Sarahs Firma gefragt …
Sie kommen ganz schnell in ein harmonisches und produktives Schweigen, wenn Sie den Gesprächspartner pacen, das heißt einige Schritte neben ihm herlaufen – anstatt ihn zu konfrontieren.
Wir alle suchen instinktiv nach diesem starken Satz, der unangenehme Gespräche rasch beendet oder in rechte Bahnen lenkt. Sehr beliebt sind Sätze wie: »Nun bleiben Sie doch bitte sachlich!«, »Nicht in diesem Ton!«, »So lasse ich nicht mit mir reden!« Obwohl diese Sätze stark klingen, wirken sie nur gut in Situationen mit hierarchischem Gefälle. Wenn gleichberechtigte Partner miteinander reden, funktionieren sie selten. Weil sie den Gesprächspartner belehren, implizite Vorwürfe enthalten. Diese Sätze gehen nicht mit dem Partner mit, sie stellen sich in Opposition zu ihm.
Streiten ist nicht schwer, schweigen dagegen sehr
Natürlich fällt es uns schwer, einen Menschen zu pacen, der uns mächtig auf die Nerven geht, der uns angreift, beleidigt, Vorwürfe macht, kurz: unsere Erwartungen nicht erfüllt. »Wenn einer mir vorwirft, meine Spreadsheets seien lückenhaft, dann trete ich ihm vors Schienbein!«, sagt Luzia, die Chefcontrollerin eines Kosmetikkonzerns. Und wer würde sie dafür tadeln wollen! Luzia selbst. Sie meint: »Ich habe den Verdacht, dass derjenige, der mir einen Vorwurf macht, mich nicht persönlich treffen will. Er ist möglicherweise nur schrecklich ungeschickt beim Kommunizieren seiner Meinung.« Er sagt also nicht, was er meint. Was er meint, könnte zum Beispiel Folgendes sein: »Ich finde in Ihren Controllinglisten nicht die Zahlen, die ich suche und für meine Arbeit brauche! Wenn ich das so artikulieren könnte, würde ich das so artikulieren. Aber da meine Eltern, Lehrer und Professoren, Politiker, Mentoren und Vorgesetzten auch nur mit Vorwürfen kommuniziert haben, glaube ich irrtümlich, dass Vorwürfe die einzige Möglichkeit sind, meine Meinung zu äußern!«
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