(7) Bevor der Diktator und die neuen Legionen ins Land der Herniker kamen, bot sich dem Unterfeldherrn Caius Sulpicius die Gelegenheit, seine Soldaten zu einer herrlichen Tat zu führen. Von ihm als Unterfeldherrn angefeuert, und voll Zorn und Unwillen machten sie auf die Herniker, 2 die nach dem Tod des Konsuls auf das römische Lager mit Verachtung und in der sicheren Hoffnung, es zu erstürmen, anrückten, einen Ausfall. Und die Erwartung der Herniker, dem Lagerwall beizukommen, sah sich im Erfolg so sehr getäuscht, dass sie vielmehr in völlig zerrütteten Gliedern abzogen. 3 Darauf vereinigte sich bei der Ankunft des Diktators das neue Heer mit dem alten, und die Stärke der Truppen verdoppelte sich; durch das vor der Versammlung dem Unterfeldherrn und den Soldaten, die das Lager so tapfer verteidigt hatten, erteilte Lob erhöhte der Diktator den Hörern ihres verdienten Lobes den Mut und spornte die Übrigen an, in tapferen Taten mit ihnen zu wetteifern. 4 Ebenso tätig setzten sich die Feinde zum Kampf in Bereitschaft; ohne ihres vorhin erfochtenen Ruhmes zu vergessen, und von der Verstärkung der feindlichen Streitkräfte unterrichtet, verstärkten auch sie die ihrigen. Alles, was Herniker hieß, jeder dem Alter nach Dienstfähige, wurde aufgerufen. Acht Kohorten, jede von vierhundert auserlesenen Kraftmännern, wurden ausgehoben. 5 Und dieser Blüte von Kerntruppen flößten sie auch dadurch Hoffnung und Mut ein, dass sie ihnen doppelten Sold zusicherten. Auch waren sie frei von anderen Soldatendiensten, um sich bewusst zu sein, dass sie für die einzige Arbeit der Schlacht ausgehoben, mehr als jeder andere Mann zu leisten hätten. 6 Ferner hatten sie in der Linie ihren besonderen Stand, um ihre Tapferkeit desto auffälliger zu machen. Eine Ebene von zweitausend Schritten schied das römische Lager von dem der Herniker; in fast gleicher Entfernung von beiden schlug man sich auf diesem Zwischenraum.
7 Anfangs war der Kampf unentschieden, weil die römischen Reiter mehrmals vergeblich versucht hatten, durch ihren Angriff die feindliche Linie in Unordnung zu bringen. 8 Da nun die Reiterei durch das wirkliche Gefecht noch weniger bewirkte als durch ihren Andrang, flogen die Reiter, die nach der vom Diktator auf ihre Anfrage erhaltenen Erlaubnis ihre Pferde abgaben, mit großem Geschrei vor die Linien und begannen den Kampf von Neuem, 9 und sie wären unwiderstehlich gewesen, hätten sich nicht die außerordentlichen Kohorten (der Herniker) mit einem ihrer Körperkraft entsprechenden Mut ihnen entgegengeworfen.
(8) Nun kämpften an der Spitze beider Völker die ausgezeichnetsten Krieger. Was auf dieser oder jener Seite dem gemeinsamen Los der Schlacht erlag, gab einen vielfachen, nicht nach der Anzahl zu schätzenden Verlust; die übrigen Scharen von Bewaffneten, gleich als hätten sie die Schlacht den Edlen übertragen, erwarteten ihr Schicksal von fremder Tapferkeit. Auf beiden Seiten fielen viele, noch mehr wurden verwundet. 2 Endlich brachen die Reiter – die sich einer den andern verweisend fragten, was nun noch übrig sei, da sie weder als Reiterei den Feind geworfen hätten, noch jetzt als Fußvolk den mindesten Ausschlag gaben, welche dritte Art zu fechten sie noch erwarten könnten? Zu welchem Zwecke sie so kühn an die Spitze der Linie getreten wären und an fremder Stelle kämpften? — 3 Durch diesen gegenseitigen Zuruf angespornt, dringen sie mit erneuertem Geschrei in den Feind, brachten ihn zuerst aus der Stellung, dann zum Weichen und endlich zur völligen Flucht. Auch lässt sich nicht leicht bestimmen, 4 was bei dieser Gleichheit der Kräfte den Ausschlag gegeben habe, wenn nicht etwa das jedem Volk eigene Glück, sich selbst getreu, hier den Mut hob und dort ihn niederschlug. 5 Die Römer verfolgten die fliehenden Herniker bis an ihr Lager; auf die Bestürmung des Lagers ließen sie sich nicht ein, weil es schon spät am Tag war. Das längere Ausbleiben günstiger Opferzeichen hatte dem Diktator nicht erlaubt, das Zeichen vor Mittag zu geben; darüber hatte sich der Kampf bis in die Nacht hineingezogen. 6 Am folgenden Tag fand man das Lager durch die Flucht der Herniker preisgegeben und einige Verwundete zurückgelassen; das Heer der Fliehenden wurde von den Einwohnern von Signia, welche mit wenigen Bewaffneten begleitete Fähnlein an ihren Mauern vorbeiziehen sahen, geschlagen und verlief sich auf eilfertiger Flucht in die Felder. 7 Auch auf Seiten der Römer war der Sieg nicht unblutig: Man vermisste den vierten Teil der Soldaten, und was kein geringerer Verlust war, mehrere römische Ritter waren gefallen.
(9) Als im folgenden Jahr die Konsuln Caius Sulpicius und Caius Licinius Calvus ein Heer gegen die Herniker geführt, und weil sie den Feind im offenen Feld nicht fanden, seine Stadt Ferentinum mit Sturm erobert hatten, schlossen ihnen auf ihrem Rückzug von dort die Tiburtiner ihre Tore. 2 Dies wurde die entscheidende Veranlassung, da man schon vorher von beiden Seiten viele Beschwerden gegeneinander geführt hatte, dem Volk von Tibur, nachdem man bei ihm durch Fetialen Genugtuung gefordert hatte, den Krieg zu erklären. 3 Dass Titus Quinctius Pennus in diesem Jahr Diktator und Servius Cornelius Maluginensis sein Magister Equitum gewesen sei, ist außer Zweifel. 4 Nur soll jener, wie Licinius Macer berichtet, wegen des zu haltenden Wahltages, und zwar vom Konsul Licinius ernannt sein, um der bösen Absicht seines Amtsgenossen zu begegnen, der sich beeilt habe, die Wahl noch vor dem Krieg zu veranstalten, um sein Konsulat fortzuführen. 5 Durch das Lob, welches Licinius hierdurch seiner eigenen Familie erteilt, verliert seine Aussage an Glaubwürdigkeit; und da ich jenen Umstand in älteren Jahrbüchern gar nicht erwähnt finde, bin ich geneigter zu glauben, man habe einen Diktator des Gallischen Krieges wegen ernannt. 6 Wenigstens hatten in diesem Jahr Gallier ein Lager am dritten Meilenstein auf der Via Salaria82 jenseits der Brücke des Anio.
Nachdem der Diktator wegen des gallischen Einbruches einen Gerichtsstillstand angeordnet hatte, vereidigte er alle junge Mannschaft zum Kriegsdienst, rückte mit einem großen Heer aus der Stadt und schlug am diesseitigen Ufer des Anio sein Lager auf. 7 Die Brücke in der Mitte ließen beide Teile unabgebrochen, um nicht einen Schein von Furcht auf sich zu laden. Sie zu besetzen, fielen öfter Gefechte vor; und solange beide ihre Stärke noch nicht gemessen hatten, ließ sich nicht entscheiden, wer sie behaupten würde. 8 Da trat ein Gallier von ausgezeichneter Körpergröße auf die unbesetzte Brücke und rief so laut er konnte: Wen Rom jetzt als seinen Tapfersten stellen kann, der trete zum Kampf vor, damit der Ausgang zwischen uns beiden dartue, welches Volk im Streit besser sei.
(10) Lange war unter den edlen Jünglingen der Römer alles still, weil sie sich schämten, den Kampf auszuschlagen, und auch nicht Lust hatten, das gefährliche Los zu begehren. 2 Da ging des Lucius Manlius Sohn, jener Titus, der seinen Vater von der Plackerei des Tribunen gerettet hatte, vom Vorposten zum Diktator und sprach: Ohne dein Geheiß, Feldherr, möchte ich nicht außerhalb des Gliedes kämpfen, selbst dann nicht, wenn ich des Sieges ganz sicher wäre. 3 Genehmigst du es aber, so will ich jenem Unhold, weil er doch so keck den feindlichen Reihen vorantanzt, zeigen, dass ich einem Stamm entsprossen sei, der einen Schwarm Gallier am Tarpejischen Felsen hinabwarf! 4 Da sprach der Diktator:
Bleib diesem Mut treu, Titus Manlius, so wie deiner kindlichen Liebe gegen Vater und Vaterland! Geh hin und stelle unter dem Segen der Götter das römische Volk als das unüberwindliche dar.
5 Nun bewaffneten den Jüngling seine Freunde. Er nimmt den Schild eines Fußgängers und lässt sich mit einem zum Gefecht in der Nähe tauglicheren, spanischen kurzen Schwert umgürten. So bewaffnet und ausgestattet führen sie ihn dem Gallier entgegen, dem ausgelassenen Prahler, der aus Hohn (die Alten haben nun einmal den Umstand der Aufzeichnung wert gefunden) sogar die Zunge ausstreckte. 6 Sie ziehen sich auf ihren Posten zurück, und die beiden Gerüsteten werden in der Mitte mehr nach Sitte eines Schaukampfes als nach Kriegsmanier allein gelassen, dem Ansehen und ihrem Äußeren nach zu urteilen, keineswegs einander gleich. 7 Dort – ein Körper von Riesengröße, umschimmert von vielfarbiger Kleidung und bunten mit Gold ausgelegten Waffen; hier – die mittlere Größe eines Kriegers, in seinen mehr bequemen als schönen Waffen, nur mäßiger Prunk; 8 kein Gesang, kein Frohlocken, kein nichtiges Waffenschwingen, aber seine Brust, voll Mut und stillen Zornes, sparte jeden Kraftausbruch auf die wirkliche Entscheidung des Kampfes auf. 9 Als sie zwischen beiden Schlachtreihen dastanden und die Herzen so vieler Sterblicher ringsum in Furcht und Hoffnung schwebten, schmetterte der Gallier wie ein herüberragender Fels, während er sich mit der Linken den Schild vorhielt, auf die Waffen des anrückenden Feindes sein Schwert in vergeblichem Hieb mit gewaltigem Lärm herab. 10 Der Römer stieß mit schräg gerichteter Klinge ihm mit seinem Schild unten gegen den Schild, schmiegte sich mit seinem ganzen Körper, vor jeder Wunde schon durch die Nähe gedeckt, zwischen des Feindes Körper und Waffen, bohrte ihm einen und gleich noch einen Stich in die Weichen des Unterleibes und streckte den lang Hinstürzenden zu Boden. 11 Gegen den Körper des Daliegenden erlaubte er sich keine weitere Misshandlung; nur die Halskette nahm er ihm, die er sich selbst, so bespritzt von Blut sie auch war, um den Hals wand.
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