Wer in einem kleinen Buch bedeutende Historiker zusammenstellt, scheint damit möglicherweise wieder in das 19. Jahrhundert zurückzufallen, denn es bedeutet ja nichts anderes als Fakten aneinander zu reihen, indem man einzelnen Personen einen besonderen Wert beimisst, ohne dass man diese kohärent aufeinander beziehen könnte. Dennoch interessieren sich Menschen nun einmal genauso für andere Menschen wie für wissenschaftlich-theoretische Konstruktionen, und von daher haben auch solche Zusammenstellungen nach wie vor ihre Berechtigung. Denn sie vermitteln auch einen Eindruck davon, wie in einer bestimmten Zeit oder unter bestimmten politischen Voraussetzungen Geschichte geschrieben wird. Naturgemäß muss es dabei zu einer Auswahl kommen, die immer auch eine subjektive ist. Nicht alles lässt sich bekanntermaßen auf den Verlag und dessen editorische Platzvorgaben abwälzen, obwohl dies natürlich eine treffliche Ausrede wäre. Eine solche Auswahl muss aber auch den großen geistigen Bruch berücksichtigen, den die Renaissance für Europa brachte. Hier ändert sich nämlich der Charakter der Geschichtsschreibung, weil antike und mittelalterliche Historiker nun ihrerseits Objekte der historischen Forschung werden. Was etwa hat denn noch ein Thukydides mit einem Marc Bloch gemeinsam? Beide jedoch wollen erklärend über die Vergangenheit berichten, wollen dazu beitragen, dass man Gewesenes verstehend erkennt – und bedienen sich dazu natürlich des Stils und der Form ihrer eigenen Zeit. Kriterium für die Auswahl war nun, ob man nach einer gewissen historischen Distanz die hier genannten Persönlichkeiten noch kennt, und ob es nicht doch etwa allgemeiner Konsens ist, dass sie einen herausragenden Platz in der historischen Erinnerung einnehmen oder etwa die einzige Quelle für ihre Zeit sind. Dabei steht im Gefolge von Herodot der geographische Raum des sogenannten Abendlands im Vordergrund. Die arabische, persische oder auch chinesische Geschichtsschreibung jedoch konnte hier aus Platzgründen leider nicht berücksichtigt werden, und auch die Geschichtsschreibung Russlands, das beginnend mit der sogenannten Nestorchronik aus dem 12. Jahrhundert sehr wohl eine ganze Reihe sehr wichtiger Vertreter wie etwa Theodor I. Uspenskij oder Nikolaj P. Kondakov aufzuweisen hat, musste deswegen ausgeblendet werden.
Dennoch wird der eine oder andere Name fehlen, und anstelle von Johann Christoph Gatterer hätte etwa auch August Ludwig Schlözer stehen können. Dagegen fehlt etwa ein Christoph Keller (Cellarius), da seine Leistung für die Geschichtswissenschaft allenfalls darin besteht, ein heute heftig kritisiertes Epochenschema formuliert zu haben, das zwar in Lehrplänen noch immer nachwirkt, das letztlich aber doch unbrauchbar ist. Aus diesem Grund übrigens werden in dem vorliegenden Buch die traditionellen historischen Hauptepochen auch nicht voneinander abgesetzt. Andere Geschichtsforscher wie Johann Friedrich Böhmer, Georg Heinrich Pertz, Karl Lamprecht oder Eduard Meyer haben zweifellos sehr große Verdienste um ihre Wissenschaft erworben, doch hätte man für deren Aufnahme in die Liste den Umfang dieses Bandes in der Tat verdoppeln müssen, ein Band der somit nur Interesse an der Materie erwecken und zu eignen Recherchen ermuntern kann. Andere Autoren wie Friedrich Schiller, Wilhelm Dilthey oder Oswald Spenlger, die neben ihren Hauptdisziplinen auch für die Geschichtswissenschaft in Anspruch genommen werden können, wurden gleichfalls ausgelassen – mit Ausnahme jedoch von Karl Marx, weil dessen Geschichtstheorie Konsequenzen von welthistorischer Bedeutung hatte. Bewusst ausgeschieden wurden auch die Historiker, deren Tätigkeit überwiegend in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts fällt. Hier fehlt die zeitliche Distanz, um deren Wirkung zuverlässig einschätzen zu können. Oder es handelt sich um die Träger von zwar bekannten Kontroversen wie der sog. Fischer-Kontroverse zwischen Gerhard Ritter und Fritz Fischer sowie dem zum großen Teil auch persönlich motivierten Historikerstreit der 80er Jahre, bei denen es letztlich um die Frage der Verantwortlichkeit für Kriege und die (auch unlängst wieder aufgeflammte) Einmaligkeit bzw. Vergleichbarkeit bestimmter Verbrechen ging. Hier muss es die Zeit noch erweisen, ob die jeweilige Fragstellung nicht doch von zu lokaler, sprich deutscher, oder nur zeitbedingter Bedeutung war, um historisch tatsächlich wichtig werden zu können. Vice versa gilt dies natürlich auch für die Protagonisten der genannten Auseinandersetzungen.
Aus diesen Ausführungen geht hervor, dass das vorliegende Buch allenfalls eine bestimmte Auswahl an Historikern vorstellen will und kann. Dabei ist es jeder Leserin und jedem Leser natürlich anheim gestellt, bestimmte Personen für ergänzenswert zu halten oder sich ein Urteil zu bilden, warum dieser oder jener Geschichtsforscher in die Reihe aufgenommen wurde, ein anderer aber nicht. Wenn das erreicht werden könnte, wäre der Zweck dieses Buches bereits erfüllt.
Mainz, im Januar 2008 Lars Martin Hoffmann
Herodot aus Halikarnassos
Herodot (gr. Heródotos ) aus der antiken Stadt Halikarnássos, die sich auf dem Gebiet des modernen türkischen Bodrum an der westlichen Ägäisküste befand, setzt man im allgemeinen an den Beginn der Geschichtsschreibung, als deren »Vater« ihn kein geringerer als Cicero bezeichnet hatte. Seine Heimatstadt war zu seinen Lebzeiten weithin bekannt, und sollte später durch das Grabmal des karischen Königs Maussolos, das zu den sog. Sieben Weltwundern der Antike gehörte, einen hohen kulturgeschichtlichen Stellenwert erlangen. Es ist natürlich immer mit Schwierigkeiten verbunden, will man für ein bestimmtes literarisches Genre einen festen Ausgangspunkt markieren, und ganz gewiss kam Herodot dabei der glückliche Zufall zu Hilfe, dass gerade sein Geschichtswerk als erstes der Nachwelt überliefert wurde, während von ihm benutzte schriftliche Quellen – wie etwa der Periodos des Hekataios von Milet (ca. 550 – ca. 480 v. Chr.) – gar nicht oder nur in spärlichen Auszügen erhalten sind. Geboren wurde Herodot um das Jahr 485 v. Chr. Seine Teilnahme an einem zunächst erfolglosen Umsturzversuch gegen Lygdamis, einen Tyrannen seiner Heimatstadt, zwang ihn vorübergehend ins Exil auf die Insel Samos, doch war er am gelungenen Sturz dieses propersischen Tyrannen im Jahr 454 v. Chr. wieder beteiligt. Aufgrund politischer Spannungen in Halikarnassos wanderte er etwa zehn Jahre später in die erst 444 v. Chr. gegründete athenische Kolonie Thurioi am westlichen Ende des Golfs von Tarent aus, soll aber nach einem unsicheren literarischen Zeugnis des Eusebios von Kaisareia bereits gut ein Jahr später in Athen gelebt haben, wo ihm die Gruppe der politischen Reformer um Perikles (ca. 490-429 v. Chr.) eine neue geistige Heimat bot. Zu seinen Freunden gehörte dabei unter anderem der Tragiker Sophokles, dessen literarisches Schaffen wiederholt Anspielungen auf Person und Werk Herodots erkennen lässt.
Seine Geschichten oder Berichte (griech. Historiai ) hat Herodot, dessen Todesdatum etwa zwischen den Jahren 430 und 425 v. Chr. anzusetzen ist, allem Anschein nach in Athen verfasst. Verstorben ist er jedoch in seiner Wahlheimat Thurioi. Bis dahin müssen zumindest Teile des nach antikem Brauch zur Verlesung konzipierten Werkes publiziert gewesen sein, da sich inhaltliche Anspielungen darauf in den Acharnern des Komödiendichters Aristophanes finden, einer Burleske, die den Peloponnesischen Krieg (431-404 v. Chr.) zwischen Athen und Sparta parodiert und die 425 v. Chr. den Siegespreis der Lenäen , eines jährlich abgehaltenen Theaterwettstreits davontrug. Umstritten ist in der Forschung nach wie vor, wie Herodot an seine Informationen gelangte. Sicherlich trifft es zu, dass er längere Reisen innerhalb Griechenlands, nach Ägypten und auch bis Babylon unternommen und einen größeren Teil der Städte und Monumente selbst gesehen hat, die er in seinem Werk beschreibt. Allerdings sind in vielen Fällen die Unstimmigkeiten recht groß, weswegen Zweifel an seiner Zuverlässigkeit vor allem dann angebracht sind, wenn er über Vorgänge berichtet, die weit vor seiner Zeit liegen oder bei denen er sich einzig auf Augen- und Ohrenzeugen beruft.
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