Nur Taschengeld, das gab es nicht. So habe ich eben früh angefangen mit dem Geldverdienen: Als es auf Weihnachten zugeht, kraxele ich auf Bäume, schneide Misteln und verkaufe sie auf dem Weihnachtsmarkt. Dann der nächste Job. Wir haben Mitte der Sechziger, Deutschland ist im Wirtschaftswunder. Überall wird gebaut. Ich klappere die Baustellen ab, sammle dort die leeren Flaschen ein und stecke beim Getränkehändler das Pfand dafür ein. Weil auch dieses Geschäft gut läuft, finde ich schnell Nachahmer. Die Konkurrenz lässt den Umsatz einbrechen, also suche ich mir einen neuen Job, putze die Mietruderboote am Neckar.
Anfang der Sieziger – ich bin gerade fünfzehn Jahre alt geworden – ist mir reine Handarbeit zu aufwendig. Ich nutze die neu aufkommende Drucktechnik und ziehe einen T-Shirt-Druckservice auf. Den Mehrwert schaffe ich durch meine Ideen, entwickle eigene Motive. Das finden die Leute klasse und kaufen meine T-Shirts. Der Top-Spruch ist »Freiheit für Luis Trenker – nieder mit dem Watzmann«. Und im Hintergrund prangt die Watzmann-Ostwand. Aber auch »Ra unlimited« kommt gut an. Ein Motiv mit einer großen Sonne und dem Bezug zum altägyptischen Sonnengott »Ra«.
Doch der T-Shirt-Boom ist schnell vorbei, zudem merke ich, dass ich nicht der klassische Kopfarbeiter bin. Das Denken fällt mir vormittags in der Schule schon schwer genug. Da soll es am Nachmittag tatkräftiger zugehen: Ich fahre Kajak, ein Sport, der mich mein ganzes Leben lang begleiten wird. Außerdem fälle ich Jungwälder aus, das bringt nicht nur Geld, sondern ist auch ein gutes Training. In den kommerziell betriebenen Forsten müssen die Wälder gelichtet und Stämme gefällt werden, wenn sie schlecht gewachsen sind. Ich säge sie mit der Handsäge ab, entaste sie mit der Machete, schleppe sie an den Weg und schichte sie auf. Ein Knochenjob. Aber ich merke, dass mir die harte Arbeit guttut. Zudem werde ich nach Stückzahl bezahlt.
Ich schaffe ordentlich was weg in einer Schicht. So beginne ich den Tag mit einer Stunde Kajaktraining, sitze dann in der Schule meine Stunden ab, ackere im Wald und fahre danach meistens noch einmal zum Training.
Ich wohne mit meiner Mutter zur Untermiete bei einer alten Dame – »Dökterchen« genannt. Frau Dr. Piazolo ist ihr Name. Das Haus im Handschuhsheimer Rosenbergweg ist alt und groß und bietet wenig Komfort. Keine Dusche, dafür ein Waschbecken auf dem Gang, ein gemeinsamer Kühlschrank, in dem wir ein Fach belegen dürfen. Es stört mich nicht, ich nehme es nicht wahr und bin ohnehin ständig unterwegs. Ich dusche nach dem Training im Verein oder schwimme in einem der umliegenden Seen. Mutter sehe ich kaum – sie arbeitet viel, kommt oft müde und abgekämpft nach Hause. Zu Mittag esse ich in der Mensa der Universität Heidelberg; abends, wie es sich gerade ergibt.
Mit 17 Jahren ziehe ich zu Hause aus und finanziere mich selbst. Jetzt wohne ich in einem kleinen Zimmerchen in einem steinalten Haus im Heidelberger Westend. Ich bin ziemlich muskulös, ultrafit, verdiene mein eigenes Geld und habe eine eigene Bude – diese Freiheit habe ich nie wieder aufgegeben. Als ich ein Jahr später auch noch mit meiner neu erstandenen 350er Yamaha durch Heidelberg brenne, fühle ich mich wie ein König. Mein Zimmer ist winzig klein – zwei Meter zwanzig mal vier Meter groß. Dafür aber mit einem eigenen Waschbecken und fast fünf Meter hoch. Aus ein paar Brettern baue ich mir in drei Metern Höhe ein Hochbett, das diesen Namen auch verdient – schraube drei der vier Pfosten gegen die Wand, damit das Ding nicht umfällt. Rauf kommt man nur mit einem Klimmzug und Umsetzung in den Stütz – oder mit einem Felgaufschwung.
In dem Haus wohnt eine bunte Mischung von Leuten – ein arbeitsloser Mathematiker, der begnadet Schach spielt und von dem ich an vielen Abenden die ersten übergeordneten Strategien dieses Spiels erlerne. Ein Student mit einem schwarzen Rauschebart und langen Haaren, der wie ein Terrorist aussieht, Russisch lernt und Gitarre spielt. Eine Kommune von Hardcore-Emanzen, die mit ihren Zeige- und Mittelfingern gerne mal das Scherensymbol machen, wenn im verwilderten Vorgarten die gemeinsamen Diskussionen von den männlichen Hausbewohnern nicht ernst genug geführt werden. Und im Garten dieses Hauses habe ich einen Verschlag gebaut – eine Garage für mein Motorrad. Eine Zeit lang schläft bei schlechtem Wetter ein Penner darin. Kurt heißt er. Er streicht durchs Westend auf der Suche nach Brauchbarem, das er in einem Einkaufswagen vor sich herschiebt. Ich lasse ihn gewähren – schließlich bewacht er auf diese Weise ja mein geliebtes Moped. Überhaupt, dieses Motorrad – es ist ein Stück meiner Freiheit. Wenn ich morgens auf dem Weg zur Schule die Treppe nach unten steige, in den Vorgarten einbiege und auf den kleinen Verschlag zugehe, aus dem ein Stückchen eines ziemlich dicken Hinterreifens herausschaut, dann empfinde ich Stolz und Freude. Schiebe das Moped aus der Garage, drehe es um, trete ein-, zweimal auf den Kickstarter, und dann springt es an mit einem kraftvollen Knattern. Ich lege den ersten Gang ein, rolle raus auf die Landhausstraße, schalte schnell die Gänge durch und komme mit Tempo hundert am Römerkreis an, der mich zwingt, scharf abzubremsen. Ich lege es in die Kurve – vorsichtig noch, denn die Reifen sind kalt. Manchmal, wenn das Wetter schön und mir danach ist, fahre ich spontan an der Schule vorbei und auf die Landstraße. Fahre wild und entschlossen und lasse mir den Wind um die Nase pfeifen. Schaffe es einfach nicht, mich an so einem Tag zu den anderen ins Klassenzimmer zu setzen und Mathe zu pauken. Fahre manchmal ein paar Hundert Kilometer und bin erst zurück, nachdem die Schule schon lange aus ist. Hole mir am nächsten Tag den Ärger ab, für die Freiheit, die ich mir genommen habe.
Ich spüre neben der Lust am Training diese andere Seite in mir: Sehnsucht, Reisefieber, Abenteuerlust. Die Suche nach starken Erlebnissen. Diese beiden Seiten bestimmen meine Jugend. In der Schule und in der Clique bin ich der, der andere für seine Ideen gewinnen und mitreißen kann. Dann wieder gibt es Tage, an denen ich mich zurückziehe; ein Einzelgänger auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Und nach dem ganz großen Ding. Und das suche ich vor allem in der Natur. Bei meiner Arbeit im Wald. Und auf dem Wasser. Im Kajak.
Aber ein großes Ding, das mir widerfährt, ist recht profan: Ich schaffe das Abitur am Willy-Hellpach-Wirtschaftsgymnasium. Wider Erwarten. Denn ich war immer unterwegs gewesen – mit dem Motorrad, im Wald, mit dem Kajak.
Es ist für mich nicht nur mein Schulabschluss. Es ist auch das Ende eines Lebensabschnitts. Ich will raus aus Heidelberg und rein ins richtige Leben.
Die erste große Freiheit in meinem Leben war das Motorradfahren. Bis heute trägt es zu meinem zentralen Lebensgefühl – Freiheit – in besonderem Maße bei, wenn ich ein vollgetanktes startklares Moped in meiner Nähe weiß. Jederzeit losfahren zu können, das ist ein Gefühl, das ich nicht missen möchte.
In meinem Büro steht eine 900er Ducati SD »Dharma«, Baujahr 1978. Ein echtes Eisenschwein, zugelassen und fahrbereit. Mit dem Lastenaufzug bringe ich sie für ein paar Wochenenden im Jahr nach unten und dorthin, wo sie hingehört: auf die Landstraße.
Mit diesem Motorrad hat es eine besondere Bewandtnis, denn als es 1978 auf den Markt kam, war es unerschwinglich für mich. Ich lebte damals von ein paar Hundert Mark im Monat, und das Motorrad war so teuer, als wenn es heute 100.000 Euro oder mehr kosten würde – jedenfalls im Vergleich zu meinem Einkommen. Ich fuhr eine gebrauchte 250er RD Yamaha, getunt mit einem 350er-Satz, ein leichtes aggressives Moped, 200 km/h schnell und für einen jungen Wilden eine echte Waffe.
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