Im Jahr 1826 fiel Ostern auf den 26. März. An diesem Tag hatte Giovanni Erstkommunion in der Pfarrkirche von Castelnuovo. Hier seine Erinnerungen daran: „Meine Mutter half mir. Während der Fastenzeit hatte sie mich auf die Beichte vorbereitet. ,Mein Giovanni‘, sagte sie, ,Gott will dir ein großes Geschenk machen. Bereite du dich gut darauf vor. Beichte alles, bereue und versprich Gott, dass du in Zukunft braver sein willst.‘ Ich versprach alles. Ob ich es gehalten habe, weiß Gott. An diesem Morgen ging meine Mutter mit mir zur Kommunion. Sie bereitete mich vor und sprach mit mir die Danksagung. Sie wollte nicht, dass ich an diesem Tag irgendeine körperliche Arbeit verrichtete. Ich sollte lesen und beten.
Öfters sagte sie: ,Das war ein großer Tag für dich. Gott hat von deinem Herzen Besitz ergriffen. Jetzt versprich ihm, alles zu tun, was du kannst, um dein ganzes Leben lang gut zu sein. Geh öfters zur hl. Kommunion, sag in der Beichte immer alles und sei gehorsam. Geh gern zur Katechese und zur Predigt. Aber meide aus Liebe zu Gott alle, die schlechte Reden führen.‘ Ich bemühte mich, die Ermahnungen meiner Mutter zu befolgen. Und ich glaube, dass ich mich von diesem Tag an gebessert habe, besonders in Bezug auf den Gehorsam und die Unterordnung, was mir sehr schwerfiel.“
Der dunkelste Winter seines Lebens
Der folgende Winter war für Giovanni der dunkelste seines Lebens. Die Großmutter war gestorben, Antonio, nun 18 Jahre alt, hatte sich der Familie immer mehr entfremdet, seine Wutanfälle wurden häufiger. In den letzten Oktobertagen des Jahres 1826 erwähnte Margherita, dass sie Giovanni vielleicht für ein weiteres Jahr zu Don Lacqua in die Schule schicken würde. Dort würde er sich die Grundkenntnisse in Latein erwerben können. Antonio aber fuhr hoch: „Was, Latein? Wozu brauchen wir im Haus Latein? Arbeiten soll er, arbeiten!“
Höchstwahrscheinlich hat Margherita daraufhin angedeutet, dass Giovanni Priester werden wolle. Für Antonio aber war das etwas Unmögliches. „Um Priester zu werden“, so musste Giovanni nun immer wieder von ihm hören, „braucht man 10.000 Lire.“ Das war eine ungeheure Summe für eine Bauernfamilie in jener Zeit. Unter dem Vorwand, für seine Tante Marianna und den Großvater, die in Capriglio wohnten, Besorgungen zu machen, gelang es Giovanni einige Male, zu Don Lacqua zu gehen, auch im Winter 1826/27. Antonio aber murrte erbittert. Eines Tages brach der Konflikt dann offen aus. Don Bosco erzählt: „Antonio sagte zuerst zu meiner Mutter und dann zu meinem Bruder: ,Jetzt reicht es mir! Schluss mit dieser Grammatik! Ich bin auch groß geworden und habe nie Bücher gehabt.‘ Niedergeschlagen und zugleich wütend antwortete ich, wie ich es nicht hätte tun sollen: ,Auch unser Esel ist nie in die Schule gegangen und ist stärker als du.‘ Bei diesen Worten sprang Antonio wütend auf, und nur mit Mühe konnte ich einer Tracht Prügel entgehen. Meine Mutter war traurig und weinte.“
So ging es noch einige Zeit weiter. Die Spannungen nahmen zu. Antonio war ein Dickschädel, und auch Giovanni wollte sich nicht geschlagen geben. Er reagierte heftig. Wegen eines Buches, das Giovanni neben seinen Teller gelegt hatte, kam es dann zu dem Krach, von dem zu Beginn dieses Buches berichtet wurde. Am folgenden Morgen aber sagte Margherita die traurigen Worte: „Es ist besser, wenn du aus dem Haus gehst.“ Und so kam Giovanni an einem nebeligen Februartag des Jahres 1828 auf dem Hof der Familie Moglia an. Er wurde als Stallknecht eingestellt, weil er so verzweifelt weinte.
Zwei Jahre Bauernhof und ein Jahr Pfarrhaus
Einige Tage, nachdem Giovanni seinen Dienst bei der Familie Moglia angetreten hatte, sagte Luigi Moglia zu seiner Frau Dorotea: „Es war nicht schlecht, dass wir diesen Jungen genommen haben.“ Denn Giovanni hatte sich ernstlich in die Arbeit gestürzt. Er zeigte sich willig und folgsam. Seine Aufgabe bestand darin, den Stall zu versorgen. Die schwerste Arbeit dabei war es, jeden Tag die Streu für die Kühe zu erneuern. Den Mist räumte er mit der Gabel hinaus und brachte ihn mit dem Schubkarren weg. Dann hatte er das Vieh zu striegeln, es zur Tränke zu bringen, auf den Heuboden zu steigen und das Heu in den Futtertrog zu werfen. Zuletzt waren noch die Kühe zu melken.
Auch beim Abendgebet kannte er seine Aufgabe, und Dorotea ließ ihn manchmal den Rosenkranz vorbeten. Zum Schlafen erhielt er ein kleines helles Zimmer mit einem guten Bett. Das war sogar besser als zu Hause in Becchi, wo er das Zimmer mit seinem Bruder Giuseppe teilen musste, und manchmal sogar mit Antonio. Nach einigen Abenden traute er sich, einen Kerzenstummel anzuzünden und für ein Stündchen in dem Buch zu lesen, das ihm Don Lacqua geliehen hatte. Da niemand etwas dagegen hatte, tat er es weiterhin.
An seinem ersten Samstagabend bei der Familie Moglia bat er den Hausherrn, am nächsten Morgen frühzeitig nach Moncucco gehen zu dürfen. Zum Frühstück war er wieder zurück, und um zehn Uhr fuhr er mit der ganzen Familie zum Hochamt. Weil er auch an den folgenden Samstagen um diese für die Moglias unverständliche Erlaubnis bat, wollte Dorotea wissen, wohin er so früh immer ginge; schließlich hatte sie ja seiner Mutter gegenüber die Verantwortung für Giovanni. Also ging sie noch vor Sonnenaufgang selbst nach Moncucco. Aus dem Fenster im Haus einer Freundin sah sie dann Giovanni ankommen und in die Kirche gehen. Sie ging ihm nach und beobachtete, wie er in den Beichtstuhl trat, die Messe mitfeierte und zur Kommunion ging. Dazu muss man wissen, dass man die Kommunion in dieser Zeit sehr selten empfing. Nicht einmal während des Hochamtes, an dem alle Einwohner eines Dorfes teilnahmen, wurde sie ausgeteilt. Wer kommunizieren wollte, musste in die Frühmesse gehen. Nachdem nun die Messe in Moncucco zu Ende war, begleitete Dorotea Giovanni nach Hause zurück und sagte zu ihm: „Von jetzt an kannst du immer in die Frühmesse gehen, wenn du willst. Du brauchst auch nicht mehr zu fragen.“
Einmal sprach Giovanni in der Beichte bei Don Cottini von seinem Wunsch, Priester zu werden und auch von den Schwierigkeiten, die sich diesbezüglich auftaten. Don Cottini machte ihm Mut, jeden Sonntag zur Beichte und Kommunion zu gehen und auch während des Tages zu beten. Zudem empfahl er ihm, auf Gott zu vertrauen. Wenn Gott ihn als Priester haben wolle, würden sich diese Schwierigkeiten schon auflösen. Er ermunterte ihn auch, das Lernen nicht einfach aufzugeben. Wenn es mit seiner Arbeit zu vereinbaren wäre, dann würde er ihm gern einige Stunden Lateinunterricht geben. Inzwischen könne Giovanni sich bei ihm Bücher leihen.
Der alte Giuseppe, ein Onkel des Hofbesitzers, kehrte eines Tages völlig verschwitzt mit der Hacke über der Schulter vom Feld zurück. Es war Mittag, und vom Glockenturm der Kirche in Moncucco hörte man es läuten. Der Alte war müde und setzte sich ins Heu, um zu schlafen. Ganz in der Nähe sah er Giovanni, auch im Heu, aber kniend. Er betete den „Engel des Herrn“, wie Mama Margherita es ihm beigebracht hatte, jeden Morgen, Mittag und Abend. Halb scherzend und halb ernst brummte Giuseppe: „Tüchtig, sag ich! Wir Besitzer reiben uns auf vom Morgen bis zum Abend und können uns kaum noch bewegen. Der Knecht aber betet seelenruhig in heiligem Frieden.“
Giovanni antwortete, ebenfalls halb im Ernst und halb im Scherz: „Wenn die Arbeit getan werden muss, Giuseppe, das wisst Ihr, drücke ich mich nicht. Aber meine Mutter hat gesagt, wenn man betet, dann wachsen aus zwei Körnern vier Ähren hervor. Wenn man aber nicht betet, bringen vier Körner nur zwei Ähren. Es wäre besser, wenn auch Ihr ein wenig beten würdet.“ „Das ist ja gut“, schloss der Alte. „Jetzt haben wir auch noch einen Pfarrer auf dem Hof.“
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