Er fröstelte, obwohl der Kohleofen eingeheizt war. Es roch nach getrockneten Kräutern und nach Winter. Er suchte mit dem Fernglas den Weg ab, der sich wie ein braunes Band über die Bergrücken legte. Seit dem Almabtrieb ruhte die Käserei. Ihre gereinigten Bottiche, Siebe und Kessel hatten den Winterschlaf bereits begonnen. Er fuhr mit den Händen über die gehobelten Flächen der einfachen Möbel. Einfach und zweckmäßig. Die innere Unruhe hatte sich mit den langsam verklingenden Kuhglocken verstärkt. Vereinzelt waren noch die Rufe der Tiere zu vernehmen gewesen, dann überfiel eine betäubende Stille, die bei ihm Beklemmung auslöste, die Hochalm.
Er sehnte sich den Jeep herbei, der ihn und seine wenigen Habseligkeiten abholen sollte. Er sehnte sich in gewisser Weise auch nach dem wortkargen Senn, von dem er sich mit einem kräftigen Händedruck verabschiedet hatte. Der graubärtige Mann hatte ihm versprochen, einen Wagen zu schicken, um ihn aufzusammeln und in die nächste Stadt zu bringen. Der Jeep ließ auf sich warten.
Als zwei Scheinwerferkegel über den Hügel rollten, sah er sich noch einmal um. Er hatte versprochen, das Feuer zu löschen und die Tür zu versperren. Daran würde er sich halten. Einen Augenblick lang dachte er daran, alle Flächen, mit denen seine Finger in Berührung gekommen waren, abzuwischen. Er schüttelte den Kopf und musste über seine eigene Einfältigkeit lächeln. Niemand würde sich die Mühe machen, eine einsam gelegene Hochalm in den Schweizer Bergen nach Fingerabdrücken zu untersuchen. Niemand von denen, die ihm nach dem Leben trachteten. Sie hatten andere Methoden. Weniger raffiniert, aber wirkungsvoll.
Sprengstoff war eine der Methoden, Feuer eine andere oder eine schnelle Kugel. Aufspüren und erledigen. Endgültig erledigen. Nicht leise und unbemerkt, sondern aufsehenerregend und abschreckend. So waren die Regeln des Gewerbes.
Die Scheinwerfer des Jeeps streiften die Hütte und wanderten bis zum Rand einer steil abfallenden Wiese, ehe sie sich verloren. Der Wagen würde noch eine Weile brauchen. Es war eine Eigenschaft der Berge, dass sie alles nahe zu sich heranholten und dann eine rasche Ankunft verhinderten. Manche schrieben dieses Phänomen den besonderen Luftschichten zu, die zu optischen Täuschungen führten und geringe Entfernungen vorgaukelten, wo noch stundenlange Märsche vonnöten waren. Die Erfahrenen jedoch und die Einheimischen wussten es besser. Sie wussten, dass Berge lebendige Wesen waren, die ihre eigenen Gesetze hatten. Sie reagierten mit Wetterstürzen und verhüllten ihre Gipfel, wenn man den Respekt vermissen ließ. Man musste sie besänftigen.
Der demütige Kletterer legte einen Stein auf eine wartende Pyramide von Steinen, bevor er sich an den Aufstieg machte. Das war das Zeichen für den Berg. Dann führte er den Gast mit sanfter Hand seinen Rücken hinauf und bewahrte ihn vor Unheil. Die anderen aber konnten ihre Geschichte nicht mehr erzählen, denn sie traten fehl, stürzten ab, erfroren im Eisnebel in Rufweite von Schutzhütten. Berge machten keine Kompromisse. Sie hatten viele Ewigkeiten Übung darin.
Der Gast hatte sein schmales Gepäck neben die Tür gestellt. Der angestrengte Motor des Jeeps war jetzt deutlich zu hören. Das Fahrzeug holperte über die unebenen Grassoden des Hügels.
Der Fahrer war ein bärtiger, weißhaariger Mann, der sich kerzengerade hielt. Er hatte einen kräftigen Händedruck und Augen, die ihn um einiges jünger erscheinen ließen. Der Hüttengast stellte sich als „Tonio“ vor. „Tonio“ war der Name in dem Pass, den er gerade verwendete. In der Einsamkeit der Berge hatte er sich mit dem Namen angefreundet. Vielleicht würde er ihn behalten. Den Namen „Tonio“ umgab der Klang weltoffener Fröhlichkeit.
Der Fahrer bemühte sich um das Gepäck. Mit einer entschiedenen Handbewegung lehnte er das Hilfeangebot seines Gastes ab. Das Alter hatte auch bei ihm seine Spuren hinterlassen. Bei ihm und seinem Jeep, dessen bullige Kühlerhaube wie ein Urwelttier aufragte.
Tonio war überrascht, als er den Stich spürte. Es war ein Brennen über dem Handgelenk, das sich wellenförmig ausbreitete. Er tastete nach der Stelle. Der plötzlich einsetzende Schmerz raubte ihm den Atem. Seine Arme sanken kraftlos herab. Die Holzbohlen der Terrasse schlugen nach seinem Gesicht, als sein Körper nach vorn kippte. Ein klar konturierter Mond, kraftvoll und pockennarbig glitt über den Gebirgsrand. Er verschenkte ein silbriges Licht. Mondlicht zum Abschied, dachte Tonio. Der Schmerz begann zu verschwinden und machte einer Taubheit Platz.
Ein Gesicht schob sich vor das seine. Geübte Arme machten sich an ihm zu schaffen. Die Augen hinter der Brille wirkten groß und ruhig. Sie schwammen im Mondlicht. Die Augen des Fahrers ruhten auf ihm. Tonio rang nach Luft. Er keuchte mit geöffnetem Mund. Er machte Anstalten zu sprechen. Der Fahrer schüttelte den Kopf. Es war eine kleine Geste. Tonio legte den Kopf in den Nacken. Er fühlte, wie sein Körper erkaltete. Der Winter war gekommen. Der Winter und der Fahrer. Beide wussten, was zu tun war.
Tonio hörte die Stimme und spürte die Hand, die seinen Kopf stützte, bis der Mond und das Gesicht wieder in seine Welt rückten. Das Gesicht war jetzt bartlos und hager, die Stimme kultiviert und ohne jeden Akzent. Bartlose Gesichter brauchten keinen Akzent.
„Die Chippewa sind von Natur aus tapfer und rachsüchtig“, begann die Stimme. Die Sätze rauschten an Tonio vorbei. Es waren Sätze, die der Fahrer für die Richtigen hielt. Die richtigen Sätze für einen Mann kurz vor dem Atemstillstand. „Manchmal züchtigt der Ehemann seine Frau, indem er ihr den fleischigen Teil der Nase wegbeißt. Die Frauen erachten dies für schlimmer als den Tod, bedeutet es doch den Verlust ihrer Schönheit und ein sichtbares Maß für Vergehen und Strafe.“
Die Stimme beendete ihren Monolog. Das bartlose Gesicht lächelte. Der Mond hatte sich zu seiner vollen Größe erhoben. Das Haar des Fahrers glänzte silbern. Es war perfekt gescheitelt. Tonios Welt war matt und schwarz geworden, nur noch ein Wispern und ein Haufen durcheinandergewirbelter Seiten. Er bemerkte nicht mehr, wie ihn zwei Arme mühsam in den Jeep wuchteten. Er hatte abgeschlossen. Abgeschlossen mit seiner Vergangenheit und seiner Zukunft.
Minuten später rumpelte das Fahrzeug mit abgeblendeten Scheinwerfern talwärts. Tastend suchte es nach der Baumgrenze. Sein Ziel war eine Fichtenschonung, deren Ruhe selten gestört wurde. Die Bäume erkannten den Fahrer des Wagens und verhielten sich ruhig. Er hatte ihnen in den vergangenen Wochen mehrere Besuche abgestattet. Heute Nacht würde er eine ausgehobene Grube füllen.
Anschließend hatte er noch einen weiteren Termin in einem anderen Wald. Er hatte ihn schon ausgesucht.
Ein kleines Feuer würde seinen Frieden nicht stören.
Das Nachkriegsdeutschland war eine Wundertüte. Eine Wundertüte mit Scharten und Mängeln. Unter dem Schutt, den Entbehrungen und den Hungerwintern machte sich der Aufschwung bereit. Er sickerte in die Ortschaften, swingte in den Radios, begleitete die alliierten Hilfslieferungen.
Viktor war einer von denen, die es verstanden zu organisieren. Er nutzte die Schwarzmärkte, um sich Zigaretten zu erflüstern, Damenstrümpfe mit Naht und andere Dinge, die er sofort wieder in Lebensmittel und Stoffe umsetzte. Er hatte verstanden, dass die Waren niemals ruhen durften, wenn man an das Wunder der Geldvermehrung glaubte.
Mehr noch als Lucky Strikes und Nylons war eine andere Ware begehrt. Man sprach nicht über sie, ja man wagte es noch nicht einmal an sie zu denken, so unerhört war ihr Auftreten. Schwarze Musik, wollüstige Verrenkungen beim Tanz, grell bemalte Münder und Alkohol in langstieligen Gläsern begleiteten die Zeit des Aufbruchs. Die Jahre des Wirtschaftswunders begannen sich schwach am Horizont abzuzeichnen. Eine Zeit der Sittenlosigkeit und der Amerikanisierung, die zu vollenden suchte, was die 20er Jahre nicht zu Ende bringen konnten. Für Viktor war diese Welt wie gemacht. Er bewegte sich in ihren Reihen mit traumwandlerischer Sicherheit, ein junger Mann, aufrecht, bedächtig und mit flinken Augen, denen nichts entging.
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