MacDonald schickte sich an, auf dem Absatz kehrtzumachen. Doch Alberto zog ihm am Ärmel.
»Erlaube mal, mein gutes Jackett!«
»Willst du schon gehen?«
»In der Tat habe ich das vor!«
Apolonia beobachtete die beiden belustigt. »Ihr solltet im Fernsehen auftreten. Wie heißen die Komiker noch mal? Einer ist so ’n Dünner und der andere …«
»Apolonia«, rief Alberto lautstark, »wie geht es dir?«
Sie zog den Eisbeutel vom Auge und grinste schief. »Nächstes Mal sollen sie mir gleich auf beiden Seiten eins verpassen.«
»Schön, dass du es humorvoll nimmst.«
»Außerdem melde ich mich zum Selbstverteidigungskurs an. Judo, Karate, Boxen oder alles drei!«
»Ist das Ihr Ernst?«
»Dein Ernst! Wir duzen uns. Schon wieder vergessen, Mister Angus?«
»Es war nicht böse gemeint.«
»Siehst du! Meine Begrüßung hab’ ich auch spaßig gemeint.«
Schlagfertige junge Dame! »Konntest du erkennen, wer es war?«
»No! Wie denn? Der Mistkerl trug wieder Skimaske.«
MacDonald war entgeistert. »Davon wissen wir noch gar nichts.«
»Seid ja gerade erst ins Geschäft spaziert.«
»Angus meint, dass du uns vom ersten maskierten Bandito nichts erzählt hast.«
»Ihr habt auch nicht gefragt.«
»Das taten wir sehr wohl.«
»Ob ich den Rabasten kenn, wollste wissen, Angus.«
»Raba… bitte, was?«
»Apolonia meint Rabauke«, informierte Alberto seinen Freund.
»Ja, das war dieses ulkige Wort, Rabauke. Nö, noch nie gesehen.«
»Mit einer Skimaske auf dem Haupt ist es kaum möglich«, echauffierte MacDonald sich.
»Eben.«
»Wer war während des Vorfalls anwesend?«
»Niemand.«
»Die Uhrzeit?«
»Als ich’s Geschäft aufschloss.«
»Um neun Uhr?«
»No, bin immer ein bisschen früher da. So zwanzig vor wird’s gewesen sein.«
»Ja …«, sagte Alberto aufmunternd.
»Der Kerl tippt mir beim Türöffnen auf die Schulter, ich dreh mich um und krieg mein zweites Blauauge.« Sie zeigte auf die unschöne Verfärbung.
Vitiello legte ihr tröstend den Arm auf die Schulter. »Hat jemand den Vorfall mitbekommen?«
»Weiß nicht.«
»Eventuell Passanten, die zufällig vorüberschritten?«
Apolonia wandte sich an Alberto. »Was sagt er?«
»Shopper.«
»Nö, hat keiner was gesehen.«
»Du hast demnach mit jemandem gesprochen?«
»Sisi, ein Mann und eine Frau zogen mich hoch. Bin hingefallen wegen des fiesen Schlags.«
»Keiner der beiden sah etwas?«, setzte Angus nach.
»Warum muss ich alles doppelt erzählen?« Apolonia fasste an die Wunde. »Autsch!«
»Tut es sehr weh?«
»Geht so.«
»Du Ärmste.«
MacDonald bemerkte, dass eine der Verkäuferinnen auffallend oft in ihrer Nähe zu tun hatte. Er nickte ihr freundlich zu, was sie mit finsterem Blick quittierte.
»Das ist Anne«, informierte Apolonia.
»Wie heißt die junge Frau mit Nachnamen?«
»Redpath. Spielt’s ’ne Rolle?«
»Pardon, lästige Angewohnheit von Detektiven. Wir sollten mit den Damen sprechen.«
»Muss das sein?«
»Vielleicht ist ihnen in der letzten Zeit etwas aufgefallen. Wir wollen dir nur helfen, Apolonia.«
»D’accordo. Okay.«
MacDonald hüstelte. »Die andere Dame?«
»Sophie Tawse. Wen zuerst?«
»Miss Tawse, bitte.« Anne Redpath machte den Eindruck, das Gespräch mithören zu wollen. Hatte MacDonald Unrecht, wäre er bereit, nicht den berühmten Besen, aber vermeintliche Gerichte einer nordamerikanischen Fast-Food-Kette zu verspeisen. »Darf ich beginnen, Alberto?«
»Certo, mein Freund.« Vitiello versuchte, sich die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Aufs Reden verzichten? Große Strafe!
Miss Tawse war nicht größer als einsfünfzig und hatte ein sehr freundliches Gesicht. Wie alle Angestellten trug sie Crazy Jams rot-grüne Schürze.
»Darf ich Sie Sophie nennen?«
Sie nickte. »Warum nicht?«
»Fein. Ich bin Angus. Sie ahnen, warum wir Ihnen Fragen stellen wollen?«
»Weil Apolonia, ich meine Miss Hope-Weir, angegriffen wurde.«
MacDonald lächelte. »Wenn Sie sich duzen, dürfen Sie das natürlich auch in unserem Beisein tun.«
Sie senkte scheu den Kopf. »Vielen Dank.«
»Miss Apolonia wurde zweimal niedergeschlagen und …«
»Zweimal?« Miss Tawse blickte ängstlich zu ihrer Chefin.
»Sie scheinen darüber erstaunt zu sein?«, sagte der Gourmet.
»Es ist nur, weil ich erst jetzt davon erfahre.«
Apolonia winkte ab. »Alles nicht so wichtig.«
»Sie erschienen erst nach dem Vorfall?«
»Hab’ nichts damit zu tun! Glauben Sie mir, bitte.«
»Niemand gibt Ihnen die Schuld. Fiel Ihnen kürzlich etwas Verdächtiges auf? Menschen, die am Geschäft vorbeischlichen, es beobachteten, oder solche, die hereinkamen und mysteriöse Fragen stellten?«
»Wir haben hin und wieder Kunden«, fuhr Miss Tawse fort, »die komische Sachen fragen.«
»Einsame Männer oder Frauen, die Gesellschaft suchen und am liebsten hier übernachten würden«, erklärte Miss Hope-Weir. »Gibt’s in jedem Geschäft.«
Alberto freute sich. »Sisi, wie bei uns in der Villa Buongiorno.«
»Danke für Ihre Hilfe, Miss Sophie«, sagte MacDonald altväterlich. Miss Redpath hielt sich entgegen seiner Vermutung noch am anderen Ende des Ladens auf. Sie war gut einen Kopf größer als die Kollegin, sehr schlank, und trug das pechschwarze Haar schulterlang. Ihrem reservierten Gesichtsausdruck entnahm er, dass der Vorname besser auszusparen war. »Ihre Chefin wurde heute Morgen tätlich angegriffen. Mister Vitiello und ich suchen den Schuldigen.«
»Sind sie von der Polizei?«
»Private Detektive.«
»Mit ordentlicher Lizenz?«
»Wir helfen Menschen in Not, neben unseren Brotberufen.«
»Die da wären?«
»Ich schimpfe mich Autor und Journalist. Mister Vitiello betreibt mit Gattin ein renommiertes Guest House in Fountainbridge.«
»Amateure also?«
Apolonia fuchtelte mit dem Eisbeutel. »Egal! Nicht unhöflich sein, Anne.«
»Mir ist ein Typ aufgefallen. Zweimal war er hier. Hat alle möglichen Fragen gestellt zu unseren Broschüren und Faltblättern.«
Apolonia ging zum nächsten Regal und kam mit einigen Heftchen zurück, die sie Angus reichte.
»Rettet den Regenwald! Gegen Gen-Technik! Chemische Pflanzenschutzmittel – nein danke!«, las MacDonald vor. »Politische Botschaften.«
»Stimmt«, antwortete Miss Hope-Weir.
»In einem Marmeladengeschäft?«
»Unternehmer tragen ethische Verantwortung und die Welt ändert sich nur, wenn jeder etwas beiträgt!«
MacDonald knetete die Hände. »Darf ich fragen, seit wann diese Broschüren in den Shops ausliegen?«
»Drei, vier Monate. Könnt auch ein halbes Jahr sein.«
»Stammen sie alle aus Crazy Jams Feder?«
»Si.«
»Gibt es Themen, die nicht abgehandelt werden?«
»Naturalmente! Alles, was mit Nazis, Frauenhassern und so Typen zu tun hat.«
»Ist euer Schriftgut gratis?«
»Hä?«
»Angus fragt, ob die Heftchen etwas kosten«, erläuterte Alberto.
»Wir sind hier, um Menschen zu helfen!«, rief Miss Redpath. »Nicht, um Kohle zu scheffeln.«
»Anne, hast es noch nicht kapiert?«, tadelte Apolonia. »In erster Linie arbeiten wir natürlich, um Geld zu verdienen. Stell dir vor, wir verkaufen nur noch halb so viel Marmelade. Dann müsste eine von euch beiden Hübschen gehen. Weniger Angestellte bedeutet weniger gute Taten.«
MacDonald ahnte, dass auch seine nächste Frage Unbehagen evozieren würde und war froh, dass ihm als Journalist hartnäckiges Fragen vor langer Zeit schon in Fleisch und Blut übergegangen war, heftige Reaktionen ihn nicht mehr kümmerten. »Mit Taten meinst du das Aushändigen von Faltblättern, ja?«
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