»Schieß los«, antwortete Alberto, stets zu haben für spontane Eingebungen.
»Apolonias Haus ist nur wenige Meter entfernt. Gehen wir in euren Garten und observieren ihr Anwesen.«
»Als Voyeure?«
»Eher, um der jungen Dame zu helfen.«
»Si, das ist etwas anderes.«
»Es freut mich, dass …« Sinnlos, dachte Angus. Sein Freund öffnete bereits die Tür zum Garten und hörte ihn nicht mehr.
MacDonald nahm das Fernglas von den Augen. »Clan-Stewart-Tartan trägt der Herr.«
»Mehr fällt dir dazu nicht ein?«
»Exzellent verarbeitet. Solche Qualität findet man …«
Vitiello hob imperatorisch den Arm. »Unser Fall hat Vorrang.«
»Eine weniger exaltierte Antwort hätte niemandem zum Schaden gereicht«, empörte Angus sich. »Hast du sein Instrument vorher schon vernommen?«
Alberto kratzte sich umständlich am Kopf.
»Nun?«, fragte MacDonald.
»No! Diese doofe Tröterei wäre mir aufgefallen!«
»Tröterei?«
»Du weißt genau, dass ich Dudelsackspielerei nicht mag.«
Angus sog unwissentlich eine gehörige Portion Sauerstoff ein. »Das hatte ich verdrängt. Sind wir sicher, dass der Herr sich auf Apolonias Anwesen befindet?«
Alberto nickte, die Arme vor der Brust verschränkt, und murmelte »blablabla«.
»Bitte sehr?«
»Si! Absolut sicher.«
»Sehr wahrscheinlich handelt es sich um Butler Reginald.«
»Apolonia sagte, dass er heute frei hat.«
»Gehen wir davon aus, dass die Dame ihren Garten unbekannten Gentlemen zur Verfügung stellt?«
»Kann doch sein.«
»Die durchs Grün huschende Gestalt trug ebenfalls ein rotes Kleidungsstück …«
»So wie dieser Kilt?«
MacDonald senkte das Kinn. »Exakt, mein Freund.«
»Warum sollte Apolonia uns anschwindeln?«
Angus bemerkte, dass Alberto die deutlichere Vokabel anlügen vermied. »Überlege bitte, Alberto. Die junge Dame sagte, dass Reginald frei hat, nicht wo er sich aufhält. Vielleicht wusste sie gar nicht, dass er im Garten weilte.« MacDonald sah wieder durch das Fernglas. »Ob er Franzose ist?«
»Wie kommst du darauf?«
Angus reichte ihm das Fernglas. »Schau, welche Flagge er aufzieht.«
»Die Trikolore, klarer Fall!«
»Unzuverlässige Vermutung. Erstens dürfen auch Schotten die französische Fahne aufziehen und zweitens könnte er eine französische Verlobte haben oder Frankreich-Fan sein. Nimm bitte wieder Kontakt auf zu Apolonia. Falls sie möchte, dass wir ermitteln, bin ich dabei. Ansonsten hat mein Marmeladenbuch Vorrang.«
»Aber …«
»Ich fürchte, das ist in der Angelegenheit mein letztes Wort.«
Weshalb nur bereiten viele Köche ihre Bitterorange-Marmelade so kompliziert zu?, fragte MacDonald sich. Ein repräsentatives Rezept lautete folgendermaßen: Obst drei Minuten in heißem Wasser einweichen, dann schälen. Saft auspressen, Fruchtfleisch kleinschneiden. Schale gut zerkleinern, Kerne in einen Musselinbeutel geben. Alle vier – Saft, Fleisch, Schale und Kerne mit Wasser – etwa zwei Stunden kochen, bis die Schale weich wird. Ebenso umständlich ging es weiter. Der Gourmet bürstete seine Früchte unter fließend warmem Wasser ab, schnitt sie in dünne Scheiben und viertelte diese. Kerne wurden natürlich entfernt. Die Fruchtstücke gab er in seinen Einmachtopf und goss dem Gewicht entsprechend Flüssigkeit hinzu, für jedes Kilo Obst ein Liter Wasser. Seine jüngste Kreation bekam noch drei Esslöffel Drambuie spendiert. Deckel auflegen und über Nacht relaxen lassen. Nicht vergessen, alles feinsäuberlich in seinem Waverley Notebook zu notieren, wie auch den Hinweis für die Leser: »Wir verwenden natürlich biologisches Obst. Wer sich darüber mokiert, dem sagen wir, dass biologisch genannt wird, was früher normal war: Obst und Gemüse nicht mit Gift einzunebeln! Biologische Erzeugnisse sind gesünder, umweltfreundlicher und schmecken besser. Mit einem Trend haben sie nichts zu tun.«
RING. RIIIIING! RIHING!!
Schon wieder?! Er legte die Kochschürze ab.
RIIIIIHIHING!
»Freund Alberto, wie schön, dich endlich einmal zu treffen.«
»Apolonia steckt in Schwierigkeiten!«
»Bemerkenswert. Was gibt es sonst Neues?«
»Sie wurde niedergeschlagen!«
»Mit Verlaub, das weiß ich bereits.«
»Als sie am Morgen ihre Filiale auf der Princess Street aufschloss, verpassten sie ihr noch ein blaues Auge.«
»Waren es mehrere Personen?«
»Heute einer und der neulich. Macht zusammen zwei Ganoven.«
»Tritt bitte ein, mein Guter.« MacDonald blickte über Vitiellos Schulter. »Gefolgt scheint dir niemand zu sein.«
»Daran habe ich gar nicht gedacht!«
»Man kann nie vorsichtig genug sein.« MacDonald führte ihn ins Wohnzimmer, das auf die Straße mündete.
»Apolonia bleibt bei ihrer Meinung. Aber ihre Mutter hat mich auf Knien angefleht zu helfen.«
»Du sprachst mit beiden?«
»Naturalmente. Wofür gibt es Telefone?«
MacDonald lachte.
»Brauchst gar nicht zu kichern. Stimmt doch!«
»Was schwebt dir vor?«
»Minestrone, anschließend eine schöne Portion Pasta.«
»Ich bezog mich auf den Fall, nicht euren Lunch.«
»Zur Princess Street fahren und mit dem Mädchen reden.«
»Soll ich dich begleiten?«
»Hab’ nichts dagegen. Aber was ist mit deinen Blutorange-Marmeladen?«
»Sagen wir, ich bilde mich in Miss Apolonias Geschäft weiter.«
Ihren dritten Edinburgher Shop hatte Miss Hope-Weir auf der Princess Street eröffnet. Angesichts der Mieten war das gewagt. Doch der Erfolg gab ihr Recht. Alle Filialen in Großbritannien waren im gleichen Stil gehalten, scharlachrot und grün die dominierenden Farben. Was man für kühl geplantes Corporate Design hätte halten können, entstand aus der Not. In ihrem ersten Geschäft waren die Wände feucht und nur mit dunkelroter Farbe konnten viele Flecken übertüncht werden. Wo das nicht gelang, nagelte Apolonia grüne Holzlatten an die Wand. Voilà, der Shop-Stil war geboren. MacDonald sagten allzu aufdringliche Farben nicht zu und er kam sich wie im Indoor-Erdbeerfeld vor. Allerdings entsprach es der positiven Verrücktheit der Marmeladen. »Chili Amboss« wurde etwa mit Hokkaido-Kürbis, Schokolade und scharfen, roten Schoten eingekocht. Warum hatte sich noch niemand als Konkurrent betätigt? Sollten die Störaktionen der Auftakt sein?
»Redest du mit mir?«, fragte Alberto, der im Doppeldeckerbus neben ihm saß.
»Gewiss.« Sein Freund hatte glücklicherweise nicht bemerkt, dass er mit sich selbst sprach. Fatale Angewohnheit, die Junggesellen mitunter entwickelten, und man sollte nicht glauben, wie schwer das Übel wieder abzuschütteln war!
»Buono. Aber der Auftakt wozu?«
»Wir müssen erwägen, dass Bösewichter Miss Apolonia und ihr Geschäft systematisch zerstören wollen.«
»Denkst du, dass es sich um misslungene Mordanschläge handelt?«
»Hoffentlich nur Einschüchterungsversuche. Gibt es in der Firma jemanden, der sie ersetzen könnte?«
»Ich weiß von keinem, der so kreativ ist. Halte dich bereit, Angus.«
»Darf ich fragen wofür?«
»Zum Aussteigen. Der Busfahrer biegt auf die Princess Street ein.«
MacDonald strich über das Revers seines Harris-Tweed-Jacketts. »Das werde ich meistern.« In Wahrheit war er für den Hinweis dankbar. Sie saßen nahe des Ausgangs, doch fuhren manche Fahrer derart hektisch, dass man sich nur bedächtig vorwärts zu bewegen vermochte. Alberto tippelte vor ihm her, sich an den beidseitigen Haltegriffen festhaltend.
Der Crazy-Jam-Shop befand sich unweit der Hanover Street. Als die beiden Detektive eintraten, bemerkten sie zwei junge Verkäuferinnen verstohlene Blicke auf ihre Chefin werfen. Sie saß auf einem alten, scharlachrot lackierten Holzstuhl, ihren Eisbeutel justierend. »Was, ihr wieder?!«
Читать дальше