»Hat sich jemand um deine Wunden gekümmert?«
»Nein, sie haben keine Ahnung.«
»Aber du musst gesalbt werden, durch deine Wunden können die bösen Geister eintreten. Warte, ich besorge Limonensaft und Pfeffer.«
»Ach lass, ich will einfach nur hier in der Dunkelheit liegen, die Augen schließen, vergessen. Ich will vergessen, wie oft ich überlebt habe und dass ich zu heilen begann, um nichts als meine eigene Haut zu retten, nicht weil mir ein Winti zu helfen geboten hatte.
Ich will vergessen, dass dieser Mister und diese Missus elendige Würmer sind, Maden, denen niemals Flügel vergönnt sein werden. Ich will die Schwestern vergessen, die mir genommen wurden und die eine, die fortgegangen ist und von der ich nie wieder gehört habe. Ich will alles vergessen, was ich gelernt habe, damit sie nie wieder das aus mir herauszupressen versuchen, was ich nicht in Worte fassen kann. Lasst mich als dumme Närrin sterben, nutzlos für die Arbeit und auch sonst unbrauchbar. Wieso sollte mir dann noch jemand zu essen geben? Lasst mich über Nacht alles vergessen, was ich je gesehen und erfahren habe, auch meinen Namen, und dann nehmt dieser armen Irren das Letzte, und alles wird gut sein.«
Ife erschrak. So hatte Coba noch nie geredet, die zähe Coba, die schon so viel erlebt hatte, weit Schlimmeres als heute, von dem sie aber nie reden mochte. Wieso brachte sie ausgerechnet der rotgesichtige Herr dazu, ihren Lebensmut aufzugeben?
»Du darfst so nicht reden. Deine Winti sind erschöpft, aber schon morgen werden sie dich wieder mit Leben erfüllen und den Herrschaften ins Gesicht lachen, du wirst sehen. Lass mich nur schnell alles holen, um deine Wunden zu waschen.«
»Nein, ich verbiete es dir. Du brauchst Ruhe.«
»Nein, es geht schon wieder besser. Warte, ich bin gleich zurück.« Ife wollte schon forteilen, doch dann erinnerte sie sich, dass die benötigten Dinge in der Krankenbaracke waren. Sie hielt inne. »Was ist heute in der Krankenbaracke geschehen?«
»Am Morgen brachten sie einen Patienten im Fieberwahn, der nicht mehr alleine gehen konnte. Ich habe ihm einen Sud aus Quinarinde aufgesetzt, dann hörte ich dich plötzlich nach mir rufen. Also bin ich losgegangen und habe dich bei der Siederei gefunden, du warst farblos geworden wie eine Weiße und ich dachte, ich würde dich verlieren. Während ich noch bei dir war, hörte ich schon wieder eine andere Stimme aus der Krankenbaracke. Die Frau lag ganz zusammengekrümmt auf ihrem Lager und hat geschrien, bis ihre Stimme schließlich immer schwächer wurde. Ich habe versucht, herauszufinden, wie sie es getan hat, aber der Schmerz erlaubte ihr nicht zu sprechen. Ich habe ihre Geister und Ananan Keduaman Keduampon angerufen, doch mitten in der Zeremonie haben sie mich schon wieder unterbrochen und mich ohne eine Erklärung fortgeschleift. Ich bin nicht schuld, dass sie fortgegangen ist, wie sie sagen. Ananan Keduaman Keduampon und ihre Geister haben sich getroffen, und die Geister haben sich entschieden, mit Ananan Keduaman Keduampon zu gehen. Sie wollten nicht an diesem unbarmherzigen Ort bleiben.«
»Ich verstehe nicht, was dieser fremde Mister damit zu tun hat.«
»Gar nichts. Er war auf einmal da und stellte mir alle möglichen Fragen, in einer seltsamen Sprache, sodass ich fast gar nichts verstand. Er kam erst später dazu, und ich glaube, dass es dem Mister gar nicht recht war. Der Mister war wütend, hatte er doch gerade erst ein Pack Sklaven gekauft, zu einem völlig überhöhten Preis, wie er meinte, und schon nach einer Woche verweigert sich die erste, indem sie den Weg zu ihren Ahnen wählt.
Sie konnte er ja nicht mehr strafen, also hat er sich eine andere Schuldige gesucht. Damit die anderen aus dem Pack nicht denselben Weg gehen, damit sie sehen, es wird jemand dafür büßen müssen, sagte er. Und wie er so dabei war, mich auspeitschen zu lassen, kam dieser andere Herr, fragte ihn, was geschehen sei, und wer ich sei und so weiter. ›Die vermaledeite Heilerin, die zu nichts taugt‹, hat er gesagt und ihm von der Toten erzählt, und dann wollte der Fremde wissen, mit welchen Pflanzen ich sie behandelt habe, und ob ich sie vorher schon behandelt habe, also ob ihre ›Kondition‹, wie er es nannte, erst durch meine Behandlung gekommen ist. Damit hat er den Mister glauben machen, ich hätte sie nicht nur nicht retten können, ich hätte sie vielleicht sogar absichtlich vergiftet mit meinen Kräutern. Obwohl das ja gar nicht stimmt, sie war vorher nicht bei mir, sie hätte mal besser zu mir kommen sollen. Nein, sie hat keine Kräuter genommen, sie hat an sich selbst Hand angelegt.
Aber der Mister wollte gar nichts mehr von mir wissen, sein Urteil stand fest. Dieser Fremde, der hat ihn immer wieder unterbrochen und gesagt, er müsste mich wichtige Dinge fragen, und dann hat er mich nach Pflanzen gefragt, aber er gab ihnen Namen, die ich noch aus keinem Munde gehört habe, weder von den Medizinmännern noch von uns, von den Herrschaften sowieso nicht, denn sie kennen keine Pflanzen außer dem Zuckerrohr. Er dagegen nannte jede Pflanze mit zwei Namen, so als wären sie feine Leute, die einen Vornamen und einen Familiennamen haben. Und weil ich nicht verstand, wovon er redete, wurde auch er wütend und dachte, die Peitsche würde mich schon verstehen machen.«
Das war die seltsamste Geschichte, die Ife jemals von Weißen gehört hatte. »Was ist es, was er wissen will? Ich verstehe es noch immer nicht.«
»Wenn ich es verstehen würde, würde ich dir deine Frage beantworten, so viel ist sicher. Seine Fragen würde ich nicht mal beantworten, wenn ich es könnte.« Ein Frohlocken war in Cobas Stimme eingekehrt, das Ife aufatmen ließ.
»Ich denke, er weiß gar nicht, was er wissen will«, fuhr Coba fort. »Er fragte alles und nichts und dann schrieb er alles in ein dickes Buch. Weil ich ihn nicht verstand, hat er ein anderes dickes Buch geholt, in dem Bilder von Pflanzen waren. Er hat dann auf die Bilder gezeigt und mich gefragt, ob ich die Pflanze kenne, ob sie hier wächst und ob ich sie bei Krankheiten gebrauchen würde. Aber ich hatte schon gar keine Lust mehr zu antworten, und so habe ich nur noch den Kopf geschüttelt und darauf gewartet, dass mir endlich das Bewusstsein schwindet.«
»Glaubst du, dass sie mich auch unter Verdacht haben?«
»Sie haben nicht von dir gesprochen, aber du musst sehr, sehr vorsichtig sein. Ich kann jetzt nicht viel für dich tun.«
»Liegt die Tote noch in der Baracke?«
»Mach dir keine Sorgen, sie werden sie weggebracht und irgendwo verscharrt haben.«
»Dann gehe ich jetzt hin.«
»Ich habe doch gesagt, du sollst das lassen und schlafen.«
Doch Ife hörte nicht. In der Krankenbaracke roch es nach dem Schweiß des Fiebernden und getrocknetem Blut. Rasch zerstieß Ife Limetten und Pfefferschoten mit einem Mörser und kehrte mit dem Saft zu Coba zurück. Aus der Hütte drang der schwere Atem des Schlafs. Ife konnte an Cobas Arm rütteln wie sie wollte, die alte Frau weigerte sich aufzuwachen. Schließlich gab sie auf und stellte den Limettensaft vorne in die Hütte.
»Komm mit mir in die Wälder«, flüsterte sie der Schlafenden zu, doch die wollte einfach nicht antworten.
2
Ich werde mich von John verabschieden gehen, dachte Ife schon zum zwanzigsten Mal an diesem Vormittag. Und wie die neunzehn Male davor, verwarf sie den Gedanken sogleich. Wissen war Schuld, eine Bürde, die Ife niemandem zumuten wollte. Erst recht nicht John, der nur versuchte, aus dem Schlimmsten das Beste zu machen. Der von ihr nie mehr verlangt hatte, als alles zu vergessen, wenn er sie in seine Arme schloss. Der neben ihrer Haut den Rauch des Tabaks liebte. Für diese beiden Dinge konnte er leben, hatte er ihr einmal gesagt. John existierte außerhalb von Vergangenheit und Zukunft. Er trug die Qualen des Tages mit Gleichmut, einzig die Erwartung des Tabakrauchens am Abend ließ ihn den Tag durchstehen.
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