Ob sie sich nun nach rechts oder links wandte, überall schnitt ihr die grün gepolsterte Felswand den Weg ab. Schließlich hatte sie sich davor gelegt. Die Erschöpfung erlaubte ihr nicht länger, sich am Fels entlang zu tasten und gleichzeitig ihre Beine aus der stetigen Umarmung der Schlingpflanzen zu reißen. Sie musste sich ausruhen, und wenn es nur für eine Stunde war. Aber sie fiel in einen tiefen Schlaf, und als sie erwachte, herrschte die grüne Helligkeit des vollen Tages. Sie hatte keine Zeit zu verlieren und doch konnte sie nicht anders als zu stehen und zu staunen. Nie war sie so tief im Wald gewesen. Der Wald hatte immer dort hinter den Hütten und Feldern gelegen, greifbar nahe, und doch war er kaum mehr als der grüne Hintergrund ihrer Welt gewesen.
Ein paar Mal hatte sie Coba in den Wald begleitet. Coba hatte die Erlaubnis, weil sie eine Heilerin war und ihre Kräuter im Wald suchen musste, doch weit ins Dickicht wagte sich auch Coba nicht vor. Gerne ließ man sie nicht gehen. Immer wieder forderten die Herrschaften und die Wächter sie auf, ihre Kräuter im Garten anzupflanzen. Wieso sollten sie schließlich hundert Meter außerhalb des Waldes nicht wachsen, auf diesem Land, auf dem ohnehin alles wucherte, ob man nun wollte oder nicht? Coba brauchte Baumrinden und Pilze, die an den Wurzeln der Bäume und oben auf ihren Ästen wuchsen. So erhielt sie die Erlaubnis, hin und wieder in den Wald zu gehen. Ife hatte Coba begleiten dürfen, weil sie ihre Schülerin und Helferin war. Niemals hätte Ife auf einem dieser Ausflüge weglaufen können, weil sie Coba zu sehr liebte und Coba für Ifes Entkommen hätte büßen müssen.
Ife atmete. Die Luft war bis in ihre Lungen hinein grün gefärbt. Die Angst der letzten Nacht hatte sich unter dem Blätterdach aufgelöst. Der Wald war unglaublich ruhig, so als wäre sie das einzige Lebewesen weit und breit. Es war so ruhig, dass sie ihre Verfolger von Weitem hören würde. Sie sah an den geraden glatten Baumstämmen hoch, schwindelerregend und astlos verloren sie sich in der Höhe und boten keine Möglichkeit, sich vor Spürhunden zu retten.
Sie schlängelte sich durch die brusthohen Gewächse mit den riesigen Fächerblättern am Fuß der Felswand. Sie war nicht geübt im Klettern, aber gegen die Baumstämme war die Felswand ein Kinderspiel. Sie war ungefähr dreimal so hoch wie sie selbst. Von oben hingen Gewächse an Fäden hinunter, trügerische Seile, zu schwach für das Gewicht eines Menschen. Sie hakte ihre nackten Füße in eine Felsspalte, während ihre Hände nach Vorsprüngen tasteten. Einmal trat sie auf ihrem Weg nach oben auf etwas Weiches und sie glaubte, ein schwaches Fiepen zu hören.
Das Schwierigste war die Kante, denn den Pflanzen darauf war nicht zu trauen. Dann hing sie da, die Beine noch in der Tiefe baumelnd, der Oberkörper in der Waagerechten auf einer Moosschicht gebettet. Die Anstrengung der Kletterpartie war nicht groß und dennoch fühlte sie sich wieder unendlich erschöpft. Sie zog die Beine herauf, erhob sich auf alle Viere und schaute sich um. Hier oben war der Wald lichter, auch auf dem Boden wuchsen nur niedrige Polster und Kräuter. Dazwischen krabbelten unzählige schwarze Ameisen, jede so lang wie ihr halber kleiner Finger. Eine verlief sich zwischen ihren Zehen, fühlte sich bedrängt und biss beherzt zu. Ife rutschte ein winziges »Au« heraus und sofort presste sie strafend die Lippen zusammen, als könnte sie das kleinste Geräusch verraten.
Gehen, einfach gehen. So gerade wie möglich, wenn es schon keine Sonne gab, an der sie sich orientieren konnte. Etwas beunruhigt nahm sie zur Kenntnis, dass sich der Boden unter ihren Füßen wieder sanft nach unten wölbte. Sollte die Hürde, die sie genommen hatte, an anderer Stelle ganz bequem zu umgehen sein? Zumindest konnten die Hunde ihrer Spur nicht geradewegs folgen, würden bellend vor der steilen Wand stehen, bis ihre Halter sie um das Hindernis herumführten. Bald wurden die Pflanzen um sie herum wieder höher, standen aber nicht allzu dicht. Bei Tageslicht war der Wald erstaunlich durchlässig, Wurzeln, Lianen und andere Hindernisse waren nun sichtbar, und sie konnte ihnen aus dem Weg gehen. Die Pflanzen reckten sich nach oben, einer allzu fernen Sonne entgegen, die nur spärlich nach unten durchdrang. Trotzdem hatte sich auf Ifes Haut ein klebriger Film gebildet und sie sehnte sich nach einem erfrischenden Bad.
Auch nach Stunden hatte sich Ife nicht an die Stille gewöhnt. Ihr fehlten mit einem Mal das Knarren der Mühle, das Krachen von berstendem Holz in den Feuern, das anschwellende Rauschen der Siedekessel, das Rascheln von Zuckerrohr, der Gesang der Sklaven, selbst das Knallen der Peitsche. Stattdessen vernahm sie überdeutlich, wenn ein Stock unter ihren Füßen knackte, und das Bersten drang tief in den Wald hinein. Ganz selten hörte sie hoch über sich das Flügelschlagen oder den Schrei eines Vogels. Sie schien das einzige Lebewesen mit Beinen in einer Welt aus Pflanzen zu sein. Nicht ganz, da waren die Ameisen und andere lautlose Krabbeltiere.
Normalerweise hätte sie singen mögen, um sich zu vergewissern, dass sie Mensch und nicht Baum war. Doch ihr war es noch nicht gestattet, Mensch zu sein, zu nah war sie an der Plantage, und so musste sie sich in einen Baum oder Strauch verwandeln. Statt absichtlich laut zu sein, musste sie sich darauf konzentrieren, möglichst leise zu sein. Als Kind hatte sie es manchmal geübt, aber ihre Mutter hatte es ihr verboten, weil sie keine Indianerin war. Sie hatte dann heimlich Indianermädchen gespielt. Wenn sie die großen Wäschekörbe auf dem Kopf vom Fluss zum Haus balancierte, war sie ein Indianermädchen, das sich unbemerkt an Krokodilen und Jaguaren vorbeischlich. Krokodile waren in ihrer Fantasie die gefährlichsten Tiere der Welt. Wenn man sie weckte, sperrten sie ihr großes Maul auf, um ein Menschenkind mit einem einzigen Schnappen zu verschlingen. Jaguare schlichen sich unhörbar an, doch wenn man noch leiser ging als der Jaguar, dann hatte man gewonnen, und der Jaguar durfte einen nicht fressen. Sie erzählte ihrer Mutter nie von ihrer Indianerwelt. Ihre Mutter interessierte sich weder für Jaguare noch für Indianer. Dennoch gefiel der Mutter nicht, wie sie sich bewegte: »Dass du bloß nicht so an den Herrschaften vorbeistolzierst. Guck gefälligst zu Boden, wenn du ihnen begegnest. Wer hat dir eigentlich beigebracht, so mit den Hüften zu wackeln? Von mir hast du das nicht.« Und mehr zu sich selbst fügte sie hinzu: »Das wird ein schlimmes Ende nehmen mit diesem Kind, gütige Mutter, mach sie unsichtbar für die Augen der Gierigen.«
Ifes Mutter wusste natürlich nicht, dass sie, wenn sie erhobenen Hauptes daher stolzierte, kein Sklavenmädchen war, sondern eine frei geborene Indianerin.
Ife hatte selten Indianer zu Gesicht bekommen, auch wenn es hieß, dass sie dort draußen in den Wäldern lebten. Manchmal kam ein alter Mann auf die Plantage, der geheime Dinge mit dem Mister beredete. Seine Kleidung war ähnlich schlicht wie die der Sklaven, aber weniger zerlumpt. Er war mit allerlei Schmuck behangen, und sein Gesicht war mit roter Farbe bemalt. Die Sklaven betrachteten ihn stets voller Misstrauen. Es hieß sogar, dass die Indianer entflohene Sklaven jagten und sie zurückbrachten, manchmal tot, manchmal lebendig. Ihre Mutter hielt Ife bei den Strafzeremonien Augen und Ohren zu. Sie konnte sich aber nicht erinnern, dass die Entlaufenen von Indianern zurückgebracht wurden, auch wenn so einige nach kurzer Zeit wieder aufgetaucht waren.
Mutter, wenn du wüsstest, dachte Ife, du hast mich das hier nicht gelehrt. Mit deiner Ergebenheit. Wer den Kopf einzieht, wird von den Prügeln verschont bleiben. Ich hoffe, dass es dir geholfen hat. Es war merkwürdig: Wenn sie ihre innere Stimme an die Mutter richtete, blieb das Bild, das sie von ihr hatte, verschwommen, eine schwarze Fläche mit einer tiefen Narbe auf der Stirn, von einem Moment, als ihr das Kopfeinziehen nicht geholfen hatte. Ihr Mund, ihre Nasenflügel, der Schwung ihrer Augenbrauen blieb formlos. Ihre leise, ein wenig holprige Stimme war das, woran sich Ife am besten erinnern konnte, und daher fiel es ihr auch leichter, innere Zwiegespräche mit ihrer Mutter zu führen, als ihr Bild heraufzubeschwören. Wenn sie ihrer Mutter heute über den Weg liefe – nein, natürlich nicht im Wald, hier hätte man Mutter kaum in Ketten herschleifen können –, würde Ife sie überhaupt erkennen? Oder würde sie nur eine fremde gealterte Sklavin sehen, eine Frau mit faltiger Haut, hochgezogenen Schultern und gesenktem Blick? Wenn Mutter überhaupt noch am Leben war.
Читать дальше