Sie überflog das Formular, nickte und reichte es dem Schwarzuniformierten zurück. Er entfaltete ein weiteres Blatt und hielt es ihr zusammen mit einem Kugelschreiber entgegen.
»Wir benötigen noch eine Unterschrift. Sie versichern damit, dass Sie alles freiwillig machen und dass wir Sie bis zum Ende Ihres Urlaubs notfalls mit Gewalt festhalten dürfen.«
Vicky nahm das Papier und presste es mit der linken Hand gegen die Wand. Dann unterschrieb sie.
Obwohl sie als Anwältin wusste, dass das Papier vor einem Gericht keinerlei Wert haben würde, war für sie damit eine Schwelle überschritten – die Schwelle zu einem Raum, dessen Inneres sie noch nicht sehen konnte, von dem sie aber hoffte, dass er die Erfüllung all jener Wünsche beherbergte, die sie beim Ausfüllen des Formulars geleitet hatten.
Nun gab es kein Zurück mehr.
»Wie geht es weiter?«, fragte sie. Es waren die ersten Worte, die sie seit dem Auftauchen des Lieferwagens sprach, und sie war überrascht, wie fremd ihre Stimme in ihren eigenen Ohren klang.
Der Mann steckte Kugelschreiber und Papiere wieder weg, machte einen Schritt in den Gang hinein und öffnete eine Gittertür. »Gleich die erste Box.«
Vicky trat neben ihn und blickte in ein schmales Abteil, das auf drei Seiten von Stahl umgeben war. An der Rückwand befand sich ein schalenförmiger Sitz mit einer gepolsterten Nackenstütze. In Brusthöhe hatte man einen breiten Lederriemen angebracht, der jetzt schlaff herabhing, und aus dem Boden ragte etwas, das wie eine stählerne Acht aussah.
»Unsere Sicherheitsvorschriften verlangen, dass Sie während der Fahrt angeschnallt sind«, sagte der Uniformierte.
Mit butterweichen Knien betrat Vicky die Box. Vor dem Sitz drehte sie sich um und warf dem Mann einen unsicheren Blick zu. Er nickte, und sie ließ sich darauf nieder.
Mit zwei Schritten war er bei ihr und legte ihr den breiten Ledergurt um den Oberkörper, unmittelbar unter den Brüsten. Klickend rastete er links von ihr in der Wand ein. Probeweise holte Vicky Luft. Der Gurt saß eng an, behinderte sie aber nicht beim Atmen.
Der Schwarzuniformierte bückte sich und führte nacheinander Vickys Fußgelenke in die stählerne Acht. Ein Verschluss schnappte zu, Vickys Füße waren gefesselt. Der Mann trat auf den Gang hinaus.
»Die Fahrt wird zwei bis zweieinhalb Stunden dauern«, sagte er und schloss die Gittertür.
»Wohin geht es?«, fragte Vicky. Die Angst, die sie bisher erfolgreich unterdrückt hatte – Angst vor dem Ungewissen und vielleicht auch vor der eigenen Courage –, ließ sich nun doch nicht mehr ganz beherrschen.
»Es ist mir nicht erlaubt, Fragen zu beantworten.«
Er verschwand aus Vickys Sichtbereich. Eine Tür wurde geöffnet, ein Schalter klickte. Das Licht erlosch, die Tür schlug wieder zu und die Welt um Vicky versank in Dunkelheit. Kurz darauf hörte sie das Öffnen und Schließen der Beifahrertür. Der Motor sprang an und der Wagen rumpelte über die mit Schlaglöchern durchsetzte Staubstraße.
Vickys ungefesselte Hände legten sich auf den Brustgurt und folgten ihm bis zu der Stelle, wo er in die Wand mündete. Doch sie konnte kein Schloss oder einen anderen Schließmechanismus entdecken. Sie versuchte, sich zu den Fußgelenken hinunterzubeugen, doch der Gurt verhinderte dies. Sie konnte die Knie öffnen und schließen, doch ihre Füße waren an den Boden geschmiedet.
Sie war gefangen.
Gefangen nicht in einer jener leicht abzustreifenden Selbstfesselungen, denen sie sich in den letzten Jahren immer öfter hingegeben hatte und in welchen sie den Stress abzubauen suchte, den der gnadenlose Berufsalltag einer Junior-Anwältin in einer fabrikmäßigen Großkanzlei mit sich brachte. Gefangen auch nicht wie bei den Indianerspielen ihrer Jugend, wo sie regelmäßig eine Fesselung durch ältere Jungen provoziert und dabei zum ersten Mal die Schauer verspürt hatte, die fremde Hände erzeugen können. Wo sie zum ersten Mal die Hitze des Verlangens wahrgenommen hatte. Sowohl bei diesen Spielen als auch den späteren Selbstfesselungen hatte sie sich der wohligen Illusion einer Hilflosigkeit hingegeben, die die völlige Abstreifung aller Verantwortung für sich selbst und andere mit sich brachte. Aber mehr als eine Illusion war es niemals gewesen, und das Wissen darum hatte das Gefühl stets entwertet.
Doch nun war sie wirklich gefangen, denn ohne fremde Hilfe würde sie sich nicht befreien können. Wenn der Fahrer einen Fehler machte, vielleicht den Transporter in eine Schlucht oder in den See steuerte und sie nicht durch den Unfall selbst ums Leben käme, müsste sie möglicherweise ertrinken oder verhungern und verdursten. Der Lederriemen um ihre Brust und die Eisenklammern um ihre Fußgelenke waren Wirklichkeit, keine Illusion.
Ein Ruck ging durch den Transporter, dann fuhr er deutlich ruhiger als zuvor. Es musste auf die Teerstraße eingebogen sein.
Victoria Gayle Roberts, genannt Vicky, war auf dem Weg zu S & M Dreams Inc.
2
Am selben Nachmittag, jedoch einige Stunden vorher, stand an einer anderen einsamen Straße in den Hügeln um Baltimore eine andere junge Frau und wartete ebenfalls. Besorgte Blicke aus einem Paar grüner Augen irrten vom westlichen Horizont zum östlichen und wieder zurück. Julie Hurt wusste weder, von welcher Seite der Wagen von S & M Dreams Inc. kommen würde, noch ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte.
Ist das das Ende des Weges? , fragte sie sich. Oder ein neuer Anfang?
Glas reflektierte das Licht der hoch stehenden Sommersonne, und Julie zog sich mit einem raschen Schritt in den Schatten einer Buche zurück. Ein schwarzer Transporter ohne Aufschrift näherte sich.
Der Augenblick der Wahrheit! Noch kannst du zurück …
Sie schielte zum Waldrand. Zwei, drei Sätze, und sie wäre verschwunden. Unwahrscheinlich, dass sich die Leute in dem Wagen die Mühe machen würden, sie zu verfolgen. Warum auch? Der Urlaub war schließlich im Voraus bezahlt.
Doch irgendetwas bannte sie an Ort und Stelle, eine Art Déjà-vu-Erlebnis. Ein aufwallendes Gefühl kommender Veränderung, das so überwältigend war, dass ihr der Atem stockte.
Der Transporter hielt drei Meter vor ihr an. Unfähig, auch nur einen Muskel zu bewegen, starrte Julie auf die obszöne Silhouette eines sich aufbäumenden Hengstes an der Seitenwand. Ein großer Mann mit verspiegelter Sonnenbrille, dessen Muskeln die Ärmel seiner schwarzen Uniformjacke zu sprengen drohten, sprang auf der Beifahrerseite heraus. Seine selbstsichere Haltung erinnerte Julie an einen Polizisten in einem Gangsterfilm, der im Begriff war, den Oberschurken zu verhaften. Nicht einmal Schlagstock und Handschellen fehlten an seinem Gürtel.
»Julie Hurt?«, bellte er.
Julies Eingeweide verwandelten sich in Eis. Sie sah ihr verzerrtes Spiegelbild in seinen silbernen Gläsern, von oben herab: Aufgerissene Kugelaugen in einem überdimensionalen Kopf, an dem ein winziger Körper hing. Ihre kurzen blonden Haare lagen wie ein Helm an.
Endlich löste sie sich aus ihrer Starre. Verzagt nickte sie. Sie wollte etwas sagen, wollte fragen, ob er von S & M Dreams komme, doch sie brachte keinen Ton heraus.
Der Mann erwartete augenscheinlich keine Antwort. Er packte sie am Oberarm und zerrte sie mit sich zum hinteren Ende des Transporters. Dort wartete ein zweiter Mann, der Fahrer, der ausgestiegen und auf der anderen Seite nach hinten gegangen sein musste. Er öffnete die Hecktür und sprang ins Innere. Der Beifahrer folgte mit Julie in seinem eisernen Griff.
Die Kälte, die bereits ihre Eingeweide erfasst hatte, umschloss nun auch ihren Körper. Sie sah die Reihe der vergitterten Abteile, und für einen Moment glaubte sie, in einer ihrer Fesselungsphantasien gefangen zu sein. Doch die barsche Stimme des Beifahrers riss sie in die Wirklichkeit zurück.
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