Fußball wird dann komisch, wenn sich die Leute inkorrekt verhalten?
Greser: Ja. Aber es wird den Leuten sukzessive ausgetrieben. In England ist das schon sehr weit vorangeschritten. Die Geldsummen, die in England für Spieler eingesetzt werden, haben zur Folge, daß die Ticketpreise zwecks Refinanzierung bizarr hoch sind, mit dem Nebeneffekt, daß ein einfacher Kuttenträger, der sein Leben über Jahrzehnte dem Verein geopfert hat, sich das nicht mehr leisten kann. Und tendenziell merkt man das auch in den neuen Super-WM-Arenen. Im Eintracht-Stadion saß vor mir ein Pärchen, das eher den unteren gesellschaftlichen Schichten anzugehören schien. Die haben so verloren gewirkt in diesem Rund. Solche Fans sind beim Bau der neuen Stadien nicht mehr berücksichtigt worden. Wie sollen die sich wehren gegen diese Entwicklung?
Lenz: Die dienen noch als Geräuschkulisse. Dafür braucht man sie noch. Sonst wären die längst rausgekickt und weitere VIP-Lounges gebaut worden. Übrigens fällt mir auf, daß sich der Fußball unheimlich ernst nimmt. Wir haben mal ein lustiges Fernsehinterview gegeben, nach dem hat sich Uli Hoeneß wahnsinnig aufgeregt. Die haben regelrecht Angst, daß ihr riesiger Wirtschaftsbetrieb nicht richtig ernst genommen wird. Das ist alles ein unglaublicher Quatsch. Diese furchtbar ernsten sonntäglichen Fernsehdiskussionsrunden zum Beispiel – was für ein Blödsinn!
Greser: Aber es ist auch ein Abbild der Gesellschaft, insofern alles unter so einer Korrektheitsdunstglocke gehalten wird. Die Geschäfte müssen halt laufen. Die Menschen sind ja mittlerweile auch bereit, dieses Argument zu fressen und sich hochflexibel zu zeigen, wenn es darum geht, einen neuen Arbeitsplatz zu finden und so weiter. Die nehmen ja jede Last auf sich, um an dem Betrieb des großen Geldflusses teilzuhaben. Witz und Ironie – Hoeneß ist diesbezüglich uns gegenüber mehrfach aufgefallen – stören die Ruhe, das Image muß sauber und rein bleiben.
Der Verlust der Ironiefähigkeit auf allen Ebenen – bei den Spielern, den Funktionären und so fort – ist ein Zeichen dafür, wie weit die Ökonomisierung des Fußballs fortgeschritten ist?
Lenz: Ganz sicher.
Greser: Jede Form von Ironie stellt eine anarchische Gefahr dar, die einen Geist mobilisieren kann, der den Geschäftsinteressen zuwiderläuft.
Lenz: Unfreiwillig komische Momente entdeckt man allerdings, wenn man zum Beispiel Jugendmannschaften zuschaut. Wie die jungen Kerle jubeln – das haben die alles aus dem Fernsehen. Neulich habe ich hier beim TuS Leider einen Schiedsrichter gesehen – ein ganz junger Kerl –, der hat Gesten gemacht haargenau wie der Collina! Der hat Collina gespielt! Unglaublich komisch.
Greser: Nur noch Klone. Individualität ist nicht mehr gefragt. Jetzt verbieten sie sogar den Trainern das Rauchen – unter freiem Himmel!
Lenz: Ist doch irre!
Greser: Bei dem erwähnten Vorbereitungsspiel von Viktoria Aschaffenburg saß ich auf der Tribüne und hab’ mir eine Zigarette angesteckt. Mein Nebenmann war empört. Er hat nichts gesagt, aber aus jeder Pore ausgeschwitzt, wie widerlich er das fand. Da bist du heute sofort als Schwein klassifiziert. Eine Katastrophe. Wohingegen von Felix Magath, der ja hier aus der Nachbarschaft stammt, an den Stammtischen schöne Geschichten überliefert werden. Der hat’s sehr bunt getrieben. Der war mit einem überragenden Talent ausgestattet, das es ihm erlaubt hat, in seiner Zeit bei Viktoria Aschaffenburg gern auch mal besoffen aufzulaufen. In der Halbzeit hat er in die Kabine gekotzt, ist dann wieder raus und hat schnell das Spiel entschieden. Und geraucht hat er auch. Jetzt ist er Konvertit – und wie viele Konvertiten ein hundertfünfzigprozentiger Verweigerer dieser Genüsse.
Ich muß noch mal auf Sepp Blatter zurückkommen. Neulich hat er am Rande der Copa América vorgeschlagen, die Verlängerung abzuschaffen. Seit es kein Golden Goal mehr gebe, sei es sinnlos, eine Verlängerung zu spielen. Man solle gleich zum Elfmeterschießen schreiten. Das laut dem Magazin 11 Freunde größte Fußballspiel aller Zeiten, das WM-Halbfinale 1982 gegen Frankreich, wäre ohne Verlängerung niemals das gewesen, was es war. Spinnt der Blatter?
Greser: Ja. Eindeutig.
Lenz: Deutschland – Italien 1970. Wahnsinn!
Greser: Da hab’ ich ein Fußballfantrauma erlitten. Ich war neun Jahre alt, und nachdem Schnellinger kurz vor Schluß durch eine lange Grätsche den Ausgleich erzielt hatte, haben mich meine Eltern ins Bett geschickt, so daß mir die Verlängerung des Jahrhunderts entgangen ist.
Lenz: Das ist dramatisch. Da muß man doch rebellieren!
Greser: Mit neun?
Andererseits hat Blatter der aktuellen Ausgabe von 11 Freunde zufolge mitgeteilt, er wolle in Zukunft auf das Elfmeterschießen verzichten und statt dessen die Anzahl der Spieler während der Verlängerung nach und nach reduzieren, früher oder später fiele dann schon ein Tor.
Greser: Wäre es nicht eher umgekehrt logisch, daß die Anzahl der Spieler erhöht werden müßte?
Lenz: Auch gut.
Greser: Dreiundsiebzig gegen dreiundsiebzig in der 117. Minute.
Lenz: Was will der Blatter denn? Soll der Fußball attraktiver werden? Wird er doch nicht! Warum soll man denn daran was ändern? Ich versteh’ das nicht.
Greser: Vielleicht gibt’s Beschwerden seitens der geldgebenden TV-Anstalten, daß sie mit ihren Programmschemata durcheinandergeraten, wenn pausenlos diese endlosen Verlängerungen gespielt werden. Und wer weiß, was in Familien passiert, in denen die Interessenlage so disparat ist, daß sich die Frau für Fußball absolut nicht interessiert. Wenn es dann noch zur Verlängerung kommt … Ich verstehe Blatters Vision als Maßnahme zur Befriedung der Gesellschaft.
Lenz: Die Scheidungsrate schnellt hoch, wenn die Verlängerung bleibt?
Die Deutsche Meisterschaft 2008 jedenfalls ist entschieden, auch ohne Befehl von Blatter.
Greser: Man muß es fast befürchten.
Lenz: Ach was! Ich würd’ gerne mal wissen, wieviel Prozent Glück eigentlich dabei ist.
Greser: Glück kann man kaufen. Tore kann man kaufen.
Ottmar Hitzfeld hat Franck Ribéry als »Glücksfall« bezeichnet.
Greser: Hm. Er wird jetzt hochgelobt. Mal gucken. Muß sich halt einer hergeben und ihm in den ersten Spielen ein paar auf die Socken hauen.
Beim Club würdet ihr den auch mit offenen Armen …
Greser: Ich muß mal grundsätzlich sagen, daß ich’s nicht verstehe, wie man als Mensch, der Fußballfreundschaft mit Herzenswärme verbindet, Fan des FC Bayern sein kann.
Das ist aber starker Tobak.
Lenz: Damit ist das Gespräch beendet.
Greser: Zu einer gesunden Ausstattung als freier Bürger gehört doch, den Verdacht hochzuhalten und zu schüren gegen jede Form von Monopolismus.
Aber ist der FC Bayern nicht auch ein Verein der Herzenswärme? Man denke nur daran, wie Uli Hoeneß den größten Fußballer aller Zeiten, Gerd Müller, vor dem Untergang bewahrt hat.
Greser: Ja, ja. Und er organisiert auch Benefizspiele. Die russischen Oligarchen werden auch aufgefordert, Brosamen ihrer Milliardenverdienste in den russischen Sozialbetrieb zu stecken, sonst werden sie eingesperrt. Jeder vernünftig operierende Vorstandsvorsitzende einer deutschen Firma, die Verdächtiges oder Übles produziert, wird sich einlassen auf die öffentlich mit Pomp vorgetragene karitative Zahlung. Das ist kein Zeichen von Herzenswärme, sondern von geschäftstüchtiger Heuchelei.
Lenz: Wenn ich der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank wäre, würde ich mir doch nicht einen Mann durch die Lappen gehen lassen, der bei der Dresdner Bank ist und gut ist. Den kauf’ ich weg! Ist doch klar! Mit der Herzenswärme ist es doch seit dreißig Jahren vorbei.
Greser: In deiner Argumentation treffen sich Mitglieder der kriminellen Organisation Bankwesen und der kriminellen Organisation monopolistischer Fußballvereine.
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