Manch ein Leser mag sich aber fragen, wieso er in einem Fußballbuch über Vorfälle aus dem Zeitraum zwischen 2007 und 2010 einen recht umfänglichen Anhang zu sonstigen Sportgeschehnissen findet, einen Anhang, in dem zum Teil »olle Kamellen«, wie der Verleger meint, herumgammeln. Ich sag’ mal so: Derjenige, der sich ausschließlich für Fußball interessiert, kann dieses Buch vor dem Anhang problemlos für abgeschlossen oder abgeschossen erklären, die Seiten des Anhangs herausrupfen und irgendeiner Verwertung zuführen. Derjenige, der den »Fußballbetrieb, diese große, laute Entertainmentmaschine« ( Spiegel 53/2009), verzahnt wähnt oder weiß mit der noch größeren Entertainment- und Kapitalmaschine des allgemeinen Sport- und Medienbetriebs, mag eventuell doch einen Blick in jene Texte werfen, die sich mit winter- und sommersportlichen Absurditäten, mit der Formel 1 und mit dem generellen Wahnsinn auf dem Felde der Leibesübungen beschäftigen (und die partiell aus den Jahren vor 2007 stammen, was ihre mögliche Relevanz allerdings nicht oder nicht sonderlich berührt). Ich zumindest kenne nicht wenige Zeitgenossen, die den modernen Sport als Gesamtheit verstehen und über die Ränder der Fußballplätze hinausschauen.
Man kann es freilich mit dem Linguisten und Politaktivisten Noam Chomsky halten und bündig behaupten: »Sport ist dazu da, dumme Menschen aus der Politik fernzuhalten.« Da er aber nun einmal da ist (wie die dumme Religion und die eine oder andere systemische oder anthropologisch bedingte Verblendung mehr), darf man sich auch mit ihm befassen.
Ich widerspreche in diesem Punkt vorsichtig den klugen Anmerkungen von Andreas Rüttenauer in der taz vom 28. Dezember 2009. Unter der Überschrift »Kick, kick, hurra« legt Rüttenauer dar, daß der Fußball, der »von einer Sportart zum großen Gesellschaftsspiel mutiert« sei und dem Publikum »beinahe Tag für Tag als Superprodukt präsentiert wird«, auf Grund seiner medialen Vorrangstellung und anderweitiger Vorgänge sämtliche konkurrierenden Sportarten niedergewalzt oder verdrängt habe: »Tennis lag schon im Sterben, als das Jahrzehnt begann. Handball war nur kurz lebendig, eine Weltmeisterschaft lang. Der Radsport ist in Blutbeuteln ertrunken. Die Leichtathletik wurde in einem kalifornischen Chemielabor abgewickelt. Vor kurzem ist der Eisschnellauf an erhöhten Retikulozytenwerten eingegangen. Und wenn Magdalena Neuner bei den Olympischen Spielen genauso schlecht schießt wie im vergangenen Jahr, dann wird auch der Biathlonsport nicht mehr lange leben. Zum Ende der nuller Jahre steht fest: Deutschland ist keine Sportnation mehr. Es gibt nur noch Fußball.« Kurzum: »Das ist das sportliche Ergebnis des ersten Jahrzehnts im neuen Jahrtausend: Fußball, Fußball über alles, über alles in der Welt!«
Ich schätze die Lage etwas anders ein. Die Tour de France wird weiterhin ebenso weggeglotzt wie die komplette Palette der Wintersportdisziplinen, unvermindert weggeguckt werden Boxkämpfe, Michael Schumachers Renneinsätze, Leichtathletikveranstaltungen und meinetwegen Pokerrunden. Sollte Rüttenauer trotzdem richtigliegen, begreife ich den Anhang dann eben als kurze Chronik der Spätphase einer untergegangenen Sportepoche.
Wohlan, widmen wir uns also dem Fußball. Fürs erste.
Gerechtigkeit für Nürnberg
Wünschen würd’ ich den Marsch in die Verdammnis der zweiten Liga ja mindestens all diesen unleidlichen Berliner, Dortmunder, Hannoveraner und Wolfsburger Vereinen, aus vielerlei schwerwiegendsten Gründen und zumal der Tatsache wegen, daß sie allesamt schon allzulang unsere Augen beleidigen. Aber treffen wird es ja leider wieder die zugegebenermaßen dummen und doch braven Gladbacher, die Aachener und den FSV Mainz 05. Ein Großteil des Aachener Kaders ist halt eher dem Biertrinken als dem Training zugeneigt, und Kloppo vom Bruchweg freut sich bereits jetzt so sehr über ein ruhiges Fußballeben zwischen Augsburg und Jena, daß ihm sein Wunsch erfüllt werden möge. Würde aber allen Prognosen zum Trotz doch noch die Frankfurter Eintracht den »schweren Gang« (Sabine Töpperwien) ins Unterhaus antreten müssen, wäre das acht Jahre nach dem skandalösesten Abstieg der Fußballgeschichte, als der 1. FC Nürnberg am letzten Spieltag von Platz zwölf ins Bodenlose stürzte und die Eintracht die Klasse hielt, immerhin gerecht – würde meine Gewährsfrau in Fußballfachfragen, die Frankfurt-Fanatikerin Katja Thorwarth, dann auch wehklagen, daß einem das Herz erweicht.
Allerschlimmste Irreführung
»Ich glaube, wenn man den Fußball zur Professorenarbeit macht, verliert man seine Wurzeln.« Diesen Satz von Lothar Matthäus stellen Jürgen Mittag und Jörg-Uwe Nieland dem Vorwort des von ihnen herausgegebenen Sammelbandes Das Spiel mit dem Fußball – Interessen, Projektionen und Vereinnahmungen (Essen 2007) als Motto voran – sei es gewissermaßen entschuldigend gemeint, sei es, um zu signalisieren, sich der gängigen Reserviertheit gegenüber einer unterdessen umfänglichen wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Fußball bewußt zu sein.
Die insgesamt empfehlenswerte sechshundertseitige Anthologie, die den einzigen ubiquitären Massensport unter historischen, politischen, medien- und kulturtheoretischen sowie ökonomischen Aspekten in seiner Ganzheit darzustellen versucht, bestätigt mitunter die Bedenken des größten Mittelfranken aller Zeiten – etwa wenn das »ästhetische Potential des Fußballs« allzu uninspiriert synoptisch verhandelt und dann auch noch ein ahnungsloser Allschwätzer wie Peter Sloterdijk zustimmend zitiert wird. In solchen Momenten wird deutlich, daß die Fußballwissenschaft in eine Phase eingetreten ist, in der sich die Geisteswissenschaften seit Jahren befinden: in jene der Redundanz, in der nicht selten Scheinprobleme gewälzt werden, die längst hinreichend beschrieben und diskutiert sind.
Gleichwohl, Das Spiel mit dem Fußball ist weitenteils beachtlich sorgfältig gearbeitet und besticht nicht nur dort, wo es etwa um die »Talkshowisierung des Fußballs« geht und treffend heißt: »Tatsächlich hat der Sportjournalismus durch die kommerziellen Veranstalter und ihre flotten Sprücheklopfer ohne erkennbare fachliche Kompetenz die bundesdeutsche Medienlandschaft kräftig aufgemischt.« Vor allem die Aufsätze zur Geschichte des deutschen Fußballs sind äußerst lesenswert. Lutz Budraß weist zu Recht darauf hin, »daß sich die nationalsozialistische Politik im Fußball – wie in anderen Teilen der deutschen Gesellschaft auch – am stärksten in der Unterdrückung, im Ausschluß und schließlich der Vernichtung der jüdischen Vereine und der jüdischen Fußballspieler niederschlug«. Und Rudolf Oswald beleuchtet in seinem Essay zum »Ursprung der deutschen Fußball-Tugenden im Volksgemeinschaftsideal« jene »Gemeinschaftsmetaphorik«, die schon die Fußballpublizistik der zwanziger Jahre dominiert und einen antiindividualistischen, militärisch konnotierten Gruppenmythos propagiert hat, der den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstand. »Weshalb Nils Havemann in seiner vom DFB in Auftrag gegebenen Studie vom ›Untergang des deutschen Fußballsports im Dritten Reich‹ spricht, bleibt wohl das Geheimnis des Autors«, schreibt Oswald. »Wahr ist vielmehr, daß ebendieser Fußball bereits Ende der 1940er Jahre mit nahezu gleichem Personal wieder auf der Bühne des deutschen Sports präsent war. Nicht zuletzt für den Sektor der Presse läßt sich dieser Befund bestätigen. Auch die Karrieren der meisten Fachjournalisten wurden durch die Zäsur des Jahres 1945 lediglich unterbrochen, nicht aber beendet. Und mit den Köpfen überlebte die Gesinnung.«
Vermißt habe ich in Das Spiel mit dem Fußball trotz der beeindruckenden Faktenfülle zwar die Erkenntnis von Ludwig Wittgenstein: »Fußball hat Tore, Völkerball nicht.« Dafür wurde ich jedoch durch ein Thomas-Bernhard-Zitat entschädigt: »Wer für den Sport ist, hat die Massen auf seiner Seite, wer für die Kultur ist, hat sie gegen sich, hat mein Großvater gesagt, deshalb sind immer alle Regierungen für den Sport und gegen die Kultur.«
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