Mediale Erfahrungen sind immer selektiv, weil sie von Menschen erzeugt werden. So sind Fernsehbilder Momentaufnahmen. Redakteure schneiden Bilder, Musik und Töne nach eigenen Kriterien, betonen bestimmte Inhalte, erzeugen Stimmungen und ziehen eigene Schlussfolgerungen, um bei den Fernsehzuschauern beispielsweise Betroffenheit auszulösen oder zu Aktionen aufzurufen. Objektive Fernsehberichterstattung gibt es im eigentlichen Sinne nicht, auch wenn Journalisten immer danach streben sollten, so objektiv wie möglich zu berichten und eigene Bewertungen eindeutig zu kennzeichnen.
Die Amokläufe von Robert S. am 26. April 2002 in Erfurt, von Sebastian B. am 20. November 2006 in Emsdetten und von Tim K. im März 2009 führten zu einer Diskussion über die Wirkung der neuen Medien auf Kinder und Jugendliche. Immer war der „Schuldige“ schnell gefunden: Es waren die Computerspiele, die Jugendliche zum Töten animierten.
Die Argumentation ist einfach und daher populär und weit verbreitet, zudem klingt sie in den meisten Ohren schlüssig. Dass eine solche Argumentation es sich zu leicht macht und der wissenschaftlichen Diskussion nicht entspricht, ist dann nicht mehr wichtig, denn das Problem ist doch – zumindest auf den ersten Blick – gelöst: Schuldig an zunehmender Gewaltbereitschaft von Jugendlichen seien Computerspiele, die Actionfilme, das Internet – die Medien. Auch Pädagogen verschließen sich nicht dieser Argumentation. Ist es nicht so, dass bei dieser Art von Computerspielen doch was hängen bleiben muss? Wer solche Spiele konsumiert, bei dem muss doch etwas nicht in Ordnung sein ...
Das stimmt übrigens, bei den Tätern war in der Tat etwas nicht in Ordnung. Der ausschließliche Verweis auf die Computerspiele ist aber falsch und geht weit hinter den Stand der Verhaltensforschung zurück.
„Welches sind die Motive der Täter?“ und „Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen?“ sind Fragen, die geklärt werden müssen. Notwendig ist die genaue Betrachtung des einzelnen Falles. Gespräche mit Eltern, Verwandten, Lehrern und Mitschülern sowie Internetbekanntschaften ergeben annähernd ein Profil vom Charakter der Person, ihren Sorgen, Nöten, Problemen und Ängsten. Das aber ist in der schnelllebigen Mediengesellschaft und dem „Bildzeitungsjournalismus“ uninteressant. Da ist die Bildüberschrift „Am Computer übten sie das Töten“ (http://www.bildblog.de/tag/Computerspiele) doch mediengerechter.
„Was macht Sozialisation aus?“ und „Wie vollzieht sich Sozialisation?“ sind Fragen, die für das Verständnis des Aufwachsens von Kindern in einer durch Medien geprägten Welt maßgeblich sind. Sind unsere Kinder der Medien-Sozialisation nun hilflos ausgeliefert? Und wenn nicht, wie und welche „Selbstheilungskräfte“ verbergen sich in den Kindern?
Dass es einen sozialen Wandel in den vergangenen 40 Jahren gab, der einschneidend alle Lebensbereiche erfasst und verändert hat, ist offensichtlich. Ulrich Beck hat diesen Wandel in seinem Buch „Risikogesellschaft“ mit Individualisierung und Enttraditionalisierung beschrieben. Er meint damit, dass die traditionellen Formen von Orientierung und Bindung nachlassen, Normen und Werte sich verändern und auf die Sozialisationsinstanzen Familie, Schule, Nachbarschaft auswirken. Auf der einen Seite, so Beck, eröffnen sich für das Individuum neue Möglichkeiten und Perspektiven, es kann selbst (individuell) entscheiden, was und wann es etwas macht, wo es sich engagiert, wie es sein Leben führen möchte. Andererseits hat diese „neue Freiheit“ auch ihren Preis, weil es den geschützten Raum der Familie verlässt, Sicherheiten verliert, sich entscheiden und wählen muss, wie es das Leben gestaltet.
Der Begriff der „Selbstsozialisation“ bringt es auf den Punkt, allerdings zeigt sich auch, dass nicht alle Heranwachsenden in gleicher Weise über diese Form der Selbstsozialisation verfügen, nicht alle sich selbst steuern können und z. T. die neu gewonnene Freiheit ihnen mehr Probleme bereitet als Vorteile bietet. Sie sind überfordert und es gelingt ihnen nicht, mit der gewonnenen Freiheit verantwortungsvoll umzugehen. Für Kinder der Mediengesellschaft hat dies gravierende Folgen: Die Kindheit ist kein geschützter Raum, wie manche glauben, und die Anpassungsfähigkeit von Kindern wird nicht selten überstrapaziert.
Die Wohnsituation vieler Heranwachsender ist beengt, es gibt zu wenig geeignete Spielplätze, sie haben zu wenig Bewegung und ihre Ernährung ist nicht ausgewogen. Aufgrund der Berufstätigkeit der Eltern und die fehlende Betreuung sind sie nicht selten bis abends sich selbst überlassen, eine mögliche Betreuung durch die Großeltern ist durch weite räumliche Entfernungen nicht möglich. Das alles sind Faktoren, die sich negativ auf die Sozialisation der Kinder auswirken können.
Gleichzeitig verfügen Kinder und Jugendliche über hohe materielle Ressourcen, sind längst im Blickpunkt der Werbung als wichtige Zielgruppe erkannt, werden mit Kaufanreizen auf allen Sendern, im Radio und Internet überschüttet. Die Shell-Studie beschreibt die heutige Jugend als „Generation unter Druck“ (vgl. Shell-Studie, 2006). Die eigene Identität muss individuell ausgestaltet, der Alltag nicht gelebt, sondern „inszeniert“ werden, selbst der Geburtstag wird hier zum „Event“. Die Normalbiografie wird zur Bastelbiografie als quasi lebenslanger Prozess.
Eine Lebensplanung mit Ausbildung/Studium, sicherem Arbeitsplatz und der Familiengründung wird unter diesen Vorzeichen immer unwahrscheinlicher, die Realität sind mehrere Berufswechsel und Umzüge, die Karriere verläuft in Wellen, Arbeitslosigkeit trifft auch Hochqualifizierte und die Familienphase beginnt – wenn überhaupt – nach dem dreißigsten Lebensjahr.
Der „flexible Mensch“ stellt das neue Leitbild dar, so der amerikanische Soziologe Richard Sennet. Im flexiblen Kapitalismus sind nur anpassungsfähige und reaktionsschnelle Menschen erfolgreich. Diese Form des neo-liberalen Kapitalismus bringt massive Nachteile für alle, die sich nicht so schnell wandeln können, und verstärkt die bereits bestehenden Ungleichheiten in der Gesellschaft.
Schon heute sind die Folgen für die Gesellschaft nicht nur für alle Menschen sichtbar, sondern führen bei den Heranwachsenden zu Verunsicherungen. Sie stehen unter Druck, den ständig wechselnden Bildungsanforderungen gerecht werden zu müssen, die von Staat und Wirtschaft gesetzt werden und sich bereits in den Sozialisationsinstanzen Kindergarten und Schule massiv auswirken. Die Einführung einer Fremdsprache in der Grundschule, die Verkürzung der Gymnasialzeit auf 8 Jahre und die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor/Master-Abschlüsse sind mehr als nur Indizien für die Veränderungen. Dass dabei den Medien, vor allem dem Internet, eine besondere Rolle zugedacht wird, zeigen die Entwicklungen von Lernumgebungen im Internet.
Zusammenhänge schnell erfassen, Ideen formulieren, Methoden entwickeln, um Probleme zu lösen, und das in einer kurzen Zeit und als Teamleistung, sind einige der Kompetenzen, die unter Einbeziehung von PC und das Internet gefördert werden sollen.
Die Übergänge von der Kindheit zur Jugendzeit und zum Erwachsenensein sind fließend. Weil diese Grenzen heute nicht eindeutig definiert werden können, wird es zunehmend schwieriger, den genauen Übergang von der Kindheit in das Jugendalter festzusetzen. In diesem Sinne hat Neil Postman durchaus Recht, wenn er vom „Verschwinden der Kindheit“ spricht. Hinzu kommt, dass die Kinder durch die Medien mit Themen konfrontiert werden, die typisch für das Erwachsenensein (z. B. Sexualität) sind. Es wird damit für die Eltern immer schwieriger, ihre Kinder langsam auf diese Themen vorzubereiten.
Kinder wachsen in einer Mediengesellschaft auf. Was so lapidar klingt, vermittelt eine harte Botschaft, sich mehr oder weniger bedingungslos den Anforderungen der Leistungsgesellschaft stellen zu müssen. Die Familie wird in diesem Sinne zum „Erfüllungsgehilfen“ der technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Zu ihrem Nachteil gereicht es, dass sie die Rahmenbedingungen nicht steuern, sondern höchstens die Folgen abmildern kann.
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