»Nun und«, sagte er, »hat es Sie dazu gebracht, dass Sie mehr sehen wollen? Werden Sie bald eine von uns sein?«
Er hatte seine Zigaretten aus der Tasche gezogen, während er sprach, und sie streckte ihre Hand nach dem Etui aus.
»Oh, bitte, geben Sie mir eine – ich habe seit Tagen nicht geraucht!«
»Warum diese unnatürliche Abstinenzhaltung? Auf Bellomont raucht doch jeder.«
»Ja – aber es gilt nicht als schicklich für une jeune fille à marier 10; und das bin ich im Moment, une jeune fille à marier .«
»Ah, dann fürchte ich, können wir Ihnen keinen Zutritt zu unserer Republik gewähren.«
»Warum nicht? Handelt es sich dabei um eine zölibatäre Vereinigung?«
»Nicht im Geringsten, obwohl ich leider sagen muss, dass es dort nicht sehr viele verheiratete Leute gibt. Aber Sie werden jemanden heiraten, der sehr reich ist, und für Reiche ist der Zugang ebenso schwierig wie der zum himmlischen Königreich.«
»Das ist ungerecht, finde ich, denn, wenn ich richtig verstanden habe, ist doch eine Bedingung, um die Staatsangehörigkeit zu erwerben, sich nicht zu viele Gedanken über Geld zu machen, und die einzige Möglichkeit, nicht mehr an Geld denken zu müssen, ist es, eine schöne große Menge davon zu haben.«
»Sie könnten mit dem gleichen Recht sagen, die einzige Möglichkeit, nicht an die Luft denken zu müssen, ist es, genug zum Atmen zu haben. Das stimmt zwar in gewissem Sinne, aber Ihre Lungen denken an die Luft, wenn Sie es nicht tun. Und genau so ist es mit Ihren reichen Leuten – sie mögen zwar nicht an Geld denken, aber sie atmen es ständig ein. Versetzen Sie sie in ein anderes Element, und Sie werden sehen, wie sie sich winden und nach Luft schnappen!«
Lily blickte geistesabwesend durch die blauen Ringe ihres Zigarettenrauchs.
»Es scheint mir aber«, sagte sie schließlich, »dass Sie einen beachtlichen Teil Ihrer Zeit in dem Element zubringen, das Sie so sehr ablehnen.«
Selden nahm diesen Vorwurf ungerührt hin. »Ja, aber ich habe versucht, ein Amphibienwesen zu bleiben; es macht nichts, solange die Lungen noch in anderer Luft atmen können. Die wahre Alchemie besteht darin, Gold wieder in etwas anderes zu verwandeln, und das ist das Geheimnis, das die meisten Ihrer Freunde verloren haben.«
Lily dachte nach. »Meinen Sie nicht«, gab sie einen Augenblick später zurück, »dass die Leute, die an der Gesellschaft etwas auszusetzen haben, zu sehr dazu neigen, sie als Selbstzweck anzusehen statt als ein Mittel zu etwas anderem, genauso wie die Leute, die Geld verachten, darüber sprechen, als wäre es nur dazu da, in Säcken aufbewahrt zu werden, damit man sich daran ergötzen kann? Ist es nicht gerechter, beides als Chance anzusehen, die man entweder dumm vertun oder klug nutzen kann, je nachdem, wie begabt derjenige ist, dem diese Chance gegeben wurde?«
»Das ist sicher ein vernünftiger Standpunkt, aber das Sonderbare an der Gesellschaft ist, dass die Leute, die sie als Selbstzweck ansehen, auch diejenigen sind, die dazugehören, und nicht die Kritiker am Zaun. Mit den meisten Schauspielen ist es genau andersherum – die Zuschauer mögen sich der Illusion hingeben, aber die Schauspieler wissen, dass das wirkliche Leben sich auf der anderen Seite der Rampenlichter abspielt. Die Leute, welche die Gesellschaft als Gelegenheit ansehen, sich nach der Arbeit zu unterhalten, haben die richtige Einstellung dazu, aber wenn die Gesellschaft zu dem wird, wofür man arbeitet, werden die Verhältnisse im Leben völlig verdreht.« Selden richtete sich auf und stützte sich auf seinen Ellbogen.
»Du lieber Himmel!«, erklärte er weiter. »Ich unterschätze die dekorative Seite des Lebens durchaus nicht. Mir scheint sich der Sinn für Pracht und Luxus durch das zu rechtfertigen, was mit seiner Hilfe entstanden ist. Das Schlimme ist nur, dass so viel menschliche Natur in diesem Prozess verbraucht wird. Wenn wir alle das Rohmaterial für kosmische Effekte sind, wäre man doch lieber das Feuer, das ein Schwert härtet, als der Fisch, der dazu dient, einen Purpurmantel einzufärben. Und eine Gesellschaft wie die unsere verschwendet so gutes Material, um ihr kleines Fleckchen Purpur herzustellen! Sehen Sie sich einen Jungen wie Ned Silverton an – er ist wirklich zu schade, um dazu gebraucht zu werden, die gesellschaftliche Fadenscheinigkeit anderer Leute wieder aufzufrischen. Da ist einmal ein Bursche, der sich auf den Weg gemacht hat, das Universum zu entdecken: Ist es nicht traurig, dass die Sache damit endet, dass er glaubt, es in Mrs. Fishers Salon gefunden zu haben?«
»Ned ist ein lieber Junge, und ich hoffe, er wird sich seine Illusionen lang genug bewahren, um ein paar hübsche Gedichte darüber zu schreiben, aber glauben Sie denn, dass nur in der Gesellschaft die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass er sie bald verliert?«
Selden antwortete ihr mit Achselzucken. »Warum nennen wir all unsere hochherzigen Ideen Illusionen und die niedrigen Wahrheiten. Reicht es nicht schon aus, die Gesellschaft zu verdammen, wenn man merkt, dass man eine solche Ausdrucksweise übernimmt? Ich hätte diese Art zu reden in Ned Silvertons Alter beinahe angenommen, und ich weiß, wie Bezeichnungen Meinungen eine andere Färbung geben können.«
Sie hatte ihn noch niemals zuvor mit solcher Bestimmtheit sprechen hören. Für gewöhnlich gab er sich als Eklektiker, der die Dinge mit leichter Hand hin- und herdreht und vergleicht, und der Blick in die Werkstatt, in der seine Überzeugungen geformt wurden, rührte sie.
»Ach, Sie sind genauso schlimm wie andere Sektierer«, rief sie aus. »Warum nennen Sie Ihre Republik eine Republik? Sie ist eine geschlossene Vereinigung, und Sie erheben willkürliche Einwände, nur um andere draußen zu halten.«
»Es ist nicht meine Republik; wenn sie es wäre, würde ich einen Staatsstreich inszenieren und Sie auf den Thron setzen.«
»Während Sie glauben, dass ich in Wirklichkeit nicht auch nur einen Fuß über die Schwelle brächte. Sie verachten meine Ambitionen, Sie meinen, sie seien meiner nicht würdig!«
Selden lächelte, aber ohne Ironie. »Na ja, ist das nicht ein Kompliment? Ich halte solche Ambitionen durchaus der meisten Leute für würdig, die sich von ihnen ihr Leben bestimmen lassen.«
Sie wandte sich um und betrachtete ihn ernst. »Aber kann es nicht sein, dass ich, wenn ich die Möglichkeiten dieser Leute hätte, diese besser nutzen würde? Geld steht für alles Erdenkbare, was man damit erreichen kann, es beschränkt sich nicht auf Diamanten und Automobile.«
»Nein, nicht im Geringsten; Sie könnten Ihre Freude an diesen Dingen dadurch wiedergutmachen, dass Sie ein Krankenhaus gründen.«
»Aber wenn Sie glauben, dass es diese Dinge sind, an denen ich wirklich Freude habe, müssen Sie meine Ambitionen ja für gut genug für mich halten.«
Selden nahm diesen flehentlichen Einwand mit einem Lachen entgegen. »Ach, meine liebe Miss Bart, ich bin nicht die göttliche Vorsehung, die Ihnen garantieren kann, dass Sie an den Dingen Freude haben werden, die Sie zu bekommen versuchen!«
»Dann ist alles, was Sie mir sagen können, dass ich, nachdem ich mich mit aller Kraft bemüht habe, sie zu bekommen, sie wahrscheinlich nicht besonders mögen werde.« Sie atmete tief ein. »Was für eine elende Zukunft Sie mir vorhersagen!«
»Nun – haben Sie das nicht schon selbst alles so gesehen?«
Langsam röteten sich ihre Wangen, es war kein Erröten, das aus der Aufregung erwuchs, es kam vielmehr aus den tiefsten Tiefen ihres Fühlens; es war, als hätte ihr geistiges Bemühen es hervorgebracht.
»Schon oft, so oft«, sagte sie. »Aber die Zukunft wirkt so viel düsterer, wenn Sie sie mir zeigen!«
Er antwortete nicht auf ihren Ausruf, und eine Zeit lang saßen sie schweigend da, und etwas schwang zwischen ihnen in der weiten Ruhe der Luft. Aber plötzlich wandte sie sich ihm schon geradezu heftig zu.
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