»Aber ich bin doch nicht mit Mr. Selden verabredet! Ich war verabredet zur Kirche zu gehen, aber ich fürchte, der Pferdewagen ist ohne mich abgefahren. Ist er schon abgefahren, wissen Sie das?«
Sie wandte sich an Selden, der erwiderte, er habe ihn vor einiger Zeit abfahren hören.
»Ah, dann werde ich wohl laufen müssen; ich habe Hilda und Muriel versprochen, mit ihnen zur Kirche zu gehen. Was, Sie meinen, es sei zu spät, um zu Fuß dorthin zu gehen? Na ja, man soll mir zumindest den Versuch zugute halten können – und noch besser ist ja, dass ich auf diese Weise einem Gutteil des Gottesdienstes entrinne. So brauche ich mir doch nicht mehr so sehr selbst leidzutun!«
Und mit einem strahlenden Kopfnicken für das Paar, das sie gestört hatte, schlenderte Miss Bart durch die Glastüren und trug ihre raschelnde Grazie die lange Flucht des Gartenweges entlang.
Sie nahm den Weg in Richtung Kirche, aber nicht mit sehr schnellen Schritten, eine Tatsache, die einem ihrer Beobachter nicht entging, der in der Tür stand und ihr mit verwundertem Amüsement nachsah. In Wahrheit empfand sie einen schmerzlichen Schock der Enttäuschung. All ihre Pläne für den Tag waren von der Annahme ausgegangen, dass Selden nach Bellomont gekommen sei, um sie zu sehen. Sie hatte, als sie herunterkam, erwartet, ihn dabei anzutreffen, wie er Ausschau nach ihr hielt, stattdessen hatte sie ihn in einer Situation vorgefunden, die durchaus darauf hinzuweisen schien, dass er Ausschau nach einer ganz anderen Dame gehalten hatte. War es vielleicht doch möglich, dass er wegen Bertha Dorset gekommen war? Bertha schien immerhin so weit von dieser Annahme auszugehen, dass sie zu einer Stunde erschienen war, zu der sie sich gewöhnlichen Sterblichen sonst nie zeigte, und Lily sah im Augenblick keine Möglichkeit, Bertha einen Irrtum nachzuweisen. Ihr kam nicht der Gedanke, Selden könnte einfach dem Bedürfnis gefolgt sein, einen Sonntag außerhalb der Stadt zu verbringen: Frauen lernen nie, in ihrer Beurteilung der Männer ohne gefühlsbedingte Motive auszukommen. Aber Lily war nicht so leicht aus der Fassung zu bringen; Wettbewerb war für sie eher ein Anreiz zum Kampf, und sie überlegte, dass Seldens Kommen – wenn es nicht bedeutete, dass er sich noch in Mrs. Dorsets Fängen befand – ihn so vollkommen unabhängig von ihr zeigte, dass er nicht einmal ihre Nähe fürchten musste.
Diese Gedanken beschäftigten sie derartig, dass sie in ein Schritttempo verfiel, bei dem es kaum wahrscheinlich war, dass sie die Kirche noch vor der Predigt erreichen würde, und schließlich, nachdem sie die Gärten verlassen und den Waldweg eingeschlagen hatte, vergaß sie ihr Vorhaben völlig und ließ sich auf einer ländlichen Bank an einer Wegbiegung nieder. Der Ort war überaus reizvoll und Lily war nicht unempfindlich für seinen Zauber, ebenso wenig wie für die Tatsache, dass ihre Gegenwart diesen noch steigerte, aber sie war es nicht gewöhnt, die Freuden der Einsamkeit zu genießen, außer in Gesellschaft, und die Verbindung eines hübschen Mädchens und einer romantischen Szenerie schien ihr zu gelungen, als dass man sie so verschwenden durfte. Es erschien jedoch niemand, um die Gelegenheit wahrzunehmen, und nach einer halben Stunde fruchtlosen Wartens stand sie auf und ging weiter. Sie fühlte langsam das Gefühl von Müdigkeit aufsteigen; der Funke, der sie belebt hatte, war erloschen, und der Geschmack des Lebens wurde schal auf ihren Lippen. Sie wusste kaum, was sie denn gesucht hatte, und warum das Misslingen ihrer Suche so sehr das Licht an ihrem Himmel ausgelöscht hatte; sie war sich nur des vagen Gefühls bewusst, versagt zu haben, und einer inneren Isolation, die tiefer ging als die Einsamkeit um sie herum.
Ihre Schritte erlahmten, sie hielt an und starrte teilnahmslos vor sich hin, wobei sie mit der Spitze ihres Sonnenschirms in den farnbewachsenen Wegrand stach. Bei dieser Beschäftigung hörte sie Schritte hinter sich und fand Selden an ihrer Seite.
»Wie schnell Sie gehen!«, bemerkte er. »Ich dachte, ich würde Sie nie einholen.«
Sie antwortete fröhlich: »Sie müssen ja völlig außer Atem sein! Ich sitze seit einer Stunde unter dem Baum dort.«
»Und warten auf mich, hoffe ich«, gab er zurück, und sie sagte mit einem unbestimmten Lächeln:
»Nun ja – ich habe gewartet, um zu sehen, ob Sie wohl kommen würden.«
»Ich verstehe Ihre Unterscheidung, aber sie macht mir nichts aus, denn das eine ist mit dem anderen verbunden. Aber waren Sie nicht sicher, dass ich kommen würde?«
»Wenn ich lange genug gewartet hätte – aber sehen Sie, ich hatte nur begrenzte Zeit für das Experiment zur Verfügung.«
»Wieso begrenzt? Begrenzt wegen des Mittagessens?«
»Nein, wegen meiner anderen Verabredung.«
»Ihrer Verabredung, mit Muriel und Hilda zur Kirche zu gehen?«
»Nein, aber mit jemand anderem nach dem Gottesdienst heimzukommen.«
»Ah, ich verstehe, ich hätte mir denken können, dass Sie über genügend Alternativen verfügen. Und der andere Jemand kommt auf diesem Weg heim?«
Lily lachte wieder. »Das ist genau das, was ich nicht weiß, und um es herauszufinden, ist es meine Aufgabe, die Kirche zu erreichen, bevor der Gottesdienst vorüber ist.«
»Genau, und meine Aufgabe ist es, Sie daran zu hindern, in welchem Fall der andere Jemand über ihre Abwesenheit verstimmt den verzweifelten Entschluss fassen wird, im Pferdewagen zurückzufahren.«
Lily nahm das mit wiedererwachender Empfänglichkeit auf; seine Albereien erschienen ihr wie das Ubersprudeln ihrer inneren Verfassung. »Ist es das, was Sie in solch einem Notfall täten?«, erkundigte sie sich.
Selden sah sie mit ernster Miene an. »Ich bin hier, Ihnen zu beweisen«, rief er aus, »zu was ich in einem Notfall fähig bin!«
»Eine Meile in der Stunde zu gehen – Sie müssen zugeben, dass der Pferdewagen da schneller wäre!«
»Ah, aber wird er Sie schließlich und endlich auch finden? Das allein ist der Beweis für den Erfolg.«
Sie sahen einander an und weideten sich an genau demselben Vergnügen, das sie empfunden hatten, als sie solche Absurditäten an seinem Teetisch ausgetauscht hatten. Aber plötzlich veränderte sich Lilys Gesichtsausdruck, und sie sagte: »Nun, wenn das so ist, hat er Erfolg gehabt.«
Selden folgte ihrem Blick und erkannte eine Gruppe von Leuten, die von einer entfernteren Windung des Weges auf sie zukamen. Lady Cressida hatte offensichtlich darauf bestanden, den Rückweg zu Fuß zu machen, und die übrigen Kirchgänger hatten es für ihre Pflicht gehalten, mit ihr zu gehen. Lilys Begleiter sah schnell von einem Mann der Gruppe zum anderen; Wetherall, der respektvoll an Lady Cressidas Seite ging mit seinem versteckten Blick nervöser Aufmerksamkeit und Percy Gryce, der mit Mrs. Wetherall und den Trenors die Nachhut bildete.
»Ah – jetzt verstehe ich, warum Sie Ihr Wissen über Amerikana auffrischen wollten!«, rief Selden im Ton ehrlichster Bewunderung, aber das Erröten, mit dem seine Neckerei beantwortet wurde, gebot jedweder Ausführung, die er noch hatte machen wollen, Einhalt.
Dass Lily Bart etwas dagegen haben könnte, wegen ihrer Verehrer aufgezogen zu werden, oder sogar nur wegen der Mittel, mit denen sie diese für sich einnahm, war Selden so neu, dass ihm blitzartig eine ganze Reihe überraschender Möglichkeiten aufging. Aber sie bemühte sich tapfer, ihre Verwirrung zu verbergen, und sagte, als die Ursache dafür näher kam: »Deswegen habe ich ja auf Sie gewartet – um Ihnen dafür zu danken, dass Sie mir so viele Hinweise gegeben haben!«
»Ah, diesem Thema können Sie in so kurzer Zeit kaum gerecht werden«, sagte Selden, als die Trenor-Mädchen Miss Bart entdeckt hatten, und während sie auf ihr stürmisches Grüßen hin ihnen zuwinkte, fügte er noch schnell hinzu: »Wollen Sie nicht Ihren Nachmittag dafür opfern? Sie wissen, dass ich morgen zurückfahren muss. Wir könnten spazieren gehen, und Sie könnten mir in aller Ruhe danken.«
Читать дальше