Marie flirtet mit den Kollegen am Tisch, mit Kalle. Vor ein paar Wochen noch hat sie mit Bennet geflirtet, mit ihm zusammen gewohnt. Im dem Häuschen in Günthersdorf, das er von seiner Großmutter vererbt bekommen hat. Sie hatten Pläne zusammen gemacht, wollten heiraten, das Haus von Oma modernisieren, ein Kind zusammen haben, vielleicht auch zwei oder gar drei. Sie wollten seine Patentante Else zu sich nach Günthersdorf holen. Aber dann wurde es Marie zu eng in der kleinen Stadt, zu eng in der Beziehung mit Bennet. Und sie zog aus dem Haus mit dem großen Garten aus, in dem ihre Kinder hätten spielen sollen, obwohl die Anträge zur Förderung von Privatmaßnahmen in der Dorferneuerung schon gestellt waren.
Bennet starrt auf das Rührei auf seinem Teller, schiebt den Teller weit von sich. Seine Patentante wohnt immer noch in Grimma. Und Tante Else will auch nicht raus aus ihrem Haus.
Handyklingeltöne vermischen sich mit Kaffeelöffelklappern, Gläserklirren, Stimmengewirr. Wortfetzen streifen sein Ohr.
»Sie schicken wieder alle Leute nach Berlin zurück«, sagt Uli. Er schüttet Milch über die Cornflakes. »Sind noch im Hotel, komme raus.«
Der Einsatzleiter brüllt in sein Mobiltelefon, knallt seinen Schreibblock und den schwarzen Kugelschreiber auf den Tisch. »Ableitung des Verkehrs!«
Kalle schließt während des Telefonierens die Augen.
»Alles klar. Danke. Komme nach.«
Maries Hand streift wie zufällig über Kalles Oberschenkel.
»Es besteht die Möglichkeit hierzubleiben«, stottert Kalle. Marie lächelt, verzieht ihren Mund zu einer Schnute, sagt: »Jut.«
Uli steht auf, schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. »Ich melde mich, sobald wir in Grimma sind, Bennet.«
Bennet schielt nach Marie. Seine Blicke streifen über ihr schwarzes T-Shirt, den Gürtel mit den Waffen und Werkzeugen um ihre Hüften. Er ist mit ihr und Kalle in einer Gruppe zur Verkehrskontrolle eingeteilt.
»Wenn du den Job machen willst, musst du das ertragen«, sagt
Uli. Bennet schweigt.
»Die nächsten zwei Tage schlafen wir für alle Fälle noch mal im Hotel«, brüllt Uli durch den Frühstücksraum. »Euer Gepäck könnt ihr hierlassen, Leute.«
Er telefoniert mit Hotte. »Genau. Alles klar! Danke, Hotte. Grüße an Lutze. Bis dann.«
Der Saal leert sich. Bennet trinkt seinen Kaffee aus und begibt sich auf das Zimmer. Lange steht er am Fenster, sieht über die Dächer von Leipzig, schaut den Menschen hinterher, die aufgeregt wie eine Ameisenhorde umherwuseln, auf den orangefarbenen Riesenkran. Der Himmel ist katzengrau, es regnet aber nicht. Es kommt Hilfe aus der Partnerstadt Hamburg. 30 Fahrzeuge mit 170 Feuerwehrleuten aus der Hansestadt treffen in Dresden ein. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel besucht Pirna. In der Nacht zum 6. Juni wird am Pegel Schönau die Zehn-Meter-Marke überschritten. Marie und Kalle sind ein Paar.
»Hallo Röhre«, flötet Marie in die Sprechmuschel ihres roten Handys. »Wie geht es dir denn so?«
Sie erzählt von ihrem Einsatz in Grimma. »Lauter Bekloppte da unten. Sie wollen nicht raus aus ihren verdammten alten Häusern.«
Sie schimpft über das Frühstück im Ramadan Hotel.
»In dem Kasten gibt es noch nicht einmal frische Ananas, keine blauen Trauben, keinen Parmaschinken. Der Kaffee war wieder einmal viel zu schwach, lauwarm. Ich hasse lauwarmen Kaffee! Die haben noch nicht einmal …«
Marie steigt in den gläsernen Fahrstuhl. Sie hat Höhenangst, starrt während der Aufzugsfahrt konsequent auf den Boden. Einige der Polizisten unterhalten sich im Flüsterton miteinander. Sie sind sichtlich betroffen von den Ereignissen der letzten Stunden.
Der Aufzug hält. Marie drängt sich an ihren Kollegen vorbei. »Es ist ja so was von egal, egal wie alles andere, von dem man nicht betroffen ist«, sagt sie und steuert geradewegs dem Ausgang zu, zückt ihr Handy, wählt eine Nummer und flötet. Ich habe große Lust auf Party machen. Wir könnten uns heute Abend treffen, Kalle. Im großen Garten vielleicht?«
»Er ist überflutet, Marie.«
»Wie wäre es mit Kino gehen?«
»Kino?«
»Es läuft gerade die Titanic, Kalle.«
»Das ist aber nicht dein Ernst, Marie.«
Die Hausbesitzer müssen zusehen, wie ihre Keller volllaufen, ihre Autos absaufen. Bennet, Kalle und Marie fahren in einem Boot des technischen Hilfswerks in die Altstadt von Grimma, Bennet will seine Patentante dazu überreden vorübergehend in eine Notunterkunft
zu ziehen. 200 Menschen haben dort schon Zuflucht genommen. Er ist entsetzt, als er das Haus sieht in dem er aufgewachsen ist. Die Haustür steht unter Wasser. Bennet hat noch einige Kartons mit Bekleidung hier, Bücher, seine Briefmarkensammlung und andere Erinnerungsstücke. Demnächst wollte er die Sachen abholen. »Die Bilder meiner Eltern«, murmelt Bennett.
»Meine Umzugskartons stehen abholbereit im Untergeschoss.«
»Das kannste dir abknicken«, sagt Marie. »Mit Schadensbegrenzung ist hier nischt mehr!«
Im Nachbarhaus steht Torsten Bonkwald am offenen Fenster im ersten Stock. Er hält seine Hände in Brusthöhe. Sein Gesicht sieht wie in Stein gemeißelt aus, seine Augen starren ins Leere. Bennet ruft »Herr Bonkwald, Herr Bonkwald«, winkt ihm zu. Torsten Bonkwald reagiert nicht, starrt weiter Richtung Nirgendwo.
»Das Vieh wird abgesoffen sein«, sagt Marie.
Erst jetzt sieht Bennet den Kopf zwischen den Händen des alten Mannes hervorlugen, die halb geschlossenen Katzenaugen. »Minka.«
Während viele Einwohner mit den Aufräumarbeiten ihrer überschwemmten Wohnungen, den kaputten Möbeln beschäftigt sind und mit dem Schlamm kämpfen, gibt es Plünderungen.
»Man fasst es nicht, zu was Menschen fähig sind«, sagt Kalle erschüttert. Er sieht auf sein Elternhaus, reibt sich die Tränen aus den Augenwinkeln. Die Schaufenster der Bäckerei sind schon zur Hälfte überflutet. Bennet nimmt den Freund in die Arme, streichelt seinen Rücken. »Kalle, Kalle.«
Marie zerrt den Apfel aus der Hosentasche, den sie vom Frühstücksbüffet mitgenommen hat, beißt hinein.
»Kein bisschen süß.«
Sie wirft den Granny Smith in hohem Bogen in das Wasser, lacht. »In Weitwurf war ich immer besonders gut.«
Die Fahrt zurück ins Ramadan Hotel nach Leipzig verläuft schweigend. Kalle und Bennet lauschen angespannt der Stimme von Radio Leipzig.
»Die Polizei in Dresden erlässt eine Verordnung, wonach Hochwassergaffern ein Bußgeld bis zu 1000 Euro droht.«
Marie sitzt auf der Rückbank und hackt auf ihrem Handy herum.
»Eine Gruppe der Freiwilligen Feuerwehr aus Rüdesheim unterstützt uns derzeit in Grimma. Sie werden das Rathaus vom Wasser befreien.
Es wurde eine Soforthilfe für Hochwassergeschädigte eingerichtet. Die Betroffenen können das Handgeld in ihrer Gemeinde beantragen. Pro Erwachsenem gibt es 400 Euro.«
»Dann mach das mal, Bennet«, sagt Marie. »400 Euro für den alten Plunder deiner Eltern zu bekommen ist reine Glückssache. Die Gelegenheit kriegste auch nicht alle Tage.«
Marie telefoniert mit Hotte. »Ich habe Lust auf Party machen.«
»Heute?«
»Heute!«
»Nach diesem Tag, Marie?«
»Jetzt stell dir mal nischt so an, Hotte.«
»Ein anderes Mal, Marie.«
»No second chance, Hotte!”
Marie telefoniert mit Lutze. »Ich habe Lust auf Party machen, Lutze.«
»Party machen?«
»Jups.«
»Hast du Geburtstag oder was?« Marie lacht. »Nee.«
»Was gibt es zu feiern, Marie?«
»Das Leben«, sagt Marie.
»Heute?«
»Jups«, sagt Marie. »Heute! Und du kriegst keine zweite Gelegenheit, Lutze.«
»Wo treffen wir uns, Marie?«
»Vor dem Hoteleingang, Lutze.«
»Vor neun Uhr schaffe ich es aber nicht, Marie.«
»Jut«, sagt Marie. »Dann bis um neun Uhr vor dem Hoteleingang, Lutze.«
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