Inzwischen war es Winter geworden.
Besonders befreundete ich mich mit Jeremias. Im Gegensatz zu mir empfand er den Ruf, Priester zu sein, nicht vornehmlich als Erfüllung, sondern als Herausforderung. Oft plagten ihn Zweifel und er fragte sich, ob das, was er hier tat, das war, was Gott von ihm wollte. Was, wenn das Ganze ein gewaltiger Irrtum war?
Einmal, als wir von einem unserer langen Spaziergänge zurückkehrten, waberte ein kaltblauer Himmel über dem Domhügel.
»Hast du eigentlich nie Zweifel?« fragte er mich.
»Ganz selten«, antwortete ich. »Ich wollte immer Priester werden, schon als Kind … wenn man das so sagen kann.«
»Ist nicht dein Ernst!«
»Doch! Ich habe schon als Kind das Segnen geliebt. Die Priester haben mich sehr beeindruckt, wie sie den Segen vom Himmel auf die Erde brachten. Für mich drückten diese schönen und würdevollen Handbewegungen wirklich etwas aus und waren keine Attitüde. Umso größer aber mein Erschrecken, als unser Pfarrer in einer Predigt sagte, ein Mangel an Segen wirke auf den Menschen wie ein Mangel an Sonne und an Liebe, ja sogar an Vitaminen!«
»Das hat er gesagt? Mit den Vitaminen?«
»Ja, das verstand doch jeder – sogar ich als Kind. Denn Vitamine stecken in Orangen und wenn ich die nicht esse, würde ich krank werden, so hatte ich es ja schon im Kindergarten gelernt.«
»Bestechend.«
»Ja, nicht wahr? Außerdem hatte ich gelernt, dass der Segen, quasi wie die Orangen, Gutes tun oder Wunder bewirken soll, für die Menschen und für die ganze Schöpfung. Also musste hier gehandelt werden!«
Wir lachten.
»Hey, es war eine Kinderpredigt! Also, ich bin vollkommen ernsthaft durch die Straßen gezogen und habe alles gesegnet, was mir unter die Augen, beziehungsweise Finger gekommen ist. Nichts und niemand war vor mir sicher, weder Mensch noch Tier.«
»Und was haben die Leute gesagt?«
»Einige waren ganz freundlich, sogar gerührt, aber einige waren auch richtig böse. ‚Scheiß-Katholen‘, haben sie mir hinterher gerufen. Selbstverständlich ließ ich mich nicht beirren! Und die Alten und die Tiere schienen auf geheimnisvolle Weise zu verstehen.«
Jeremias blieb stehen und zündete sich eine Zigarette an.
»Und der Zölibat?«, fragte er unvermittelt.
Über dieses Thema hatten wir noch nie gesprochen, auch im Seminar wurde es - bis zu diesem Zeitpunkt – überaus selten angeschnitten, allenfalls in dezenten Witzen oder in Worten wie »Mysterium«, »Erhabenheit« und »Geschenk«.
»Ja, du meine Güte«, sagte ich, »in jeder Kultur gibt es Zölibatäre, bei den Urvölkern, bei den Buddhisten … Nur hierzulande wird darum so ein Brimborium gemacht.«
»Das ist sicher richtig. Aber wie gehst du persönlich damit um? Ich meine, der Regens behauptet, sogar Selbstbefriedigung sei sündhaft. Doch, das hat er mir gesagt, ich habe ihn gefragt. Und früher, wenn ‚es‘ ihn gejuckt hat, hat er immer einen Apfel gegessen oder eine kalte Dusche genommen!«
»Dann müssten sie ja eine Obstplantage im Innenhof anlegen! Scherz beiseite, das ist doch ein etwas vorkonziliares Priesterbild. Mir fehlt einfach nichts. Ich will den Zölibat nicht nur akzeptieren, sondern ihn wirklich wollen.«
»Hast du es schon einmal getan?«
»Logo ...«
Es war mir, für mich überraschend, nun doch etwas peinlich, so direkt gefragt zu werden. Einst hatte ich eine Freundin gehabt, wenn auch nur für ein oder zwei Jahre. Wir hatten geknutscht und uns gestreichelt und so weiter und ich hatte alles ganz nett gefunden, es aber nicht wahnsinnig nötig gehabt ... ich weiß nicht, wie ich das anders ausdrücken soll.
Jeremias drückte die Zigarette aus und wir gingen ins Seminar zurück.
»Wir können über alles reden. Aber das weißt du ja«, sagte er.
Ich nickte.
Auch Jeremias würde zu Deiner Segnung kommen. Wir hatten immer noch Kontakt und sahen uns hin und wieder – soweit der Terminplan eines Priesters dies eben zulässt. So wie ich war auch er Priester geworden, geriet aber mit dem Zölibat zuweilen in kleinere Konflikte; sie hatten sich im Laufe der Jahre nicht verringert. Früher hätte ich es nicht für möglich gehalten, aber in den Gemeinden gibt es durchaus Frauen, die es darauf anlegen, einen Priester zu knacken - und sitzt ein Priester erst einmal in seiner Gemeinde fest, ist er diesen Frauen ausgeliefert wie Benedikt XVI. der linksliberalen Presse.
Zum Glück gab es neben dem Regens Kotulla auch andere Lehrer im Seminar. Unser Spiritual hieß Pater Seliger – es hätte keinen treffenderen Namen für ihn geben können. Er war für mich der lebende Beweis dafür, wie der priesterliche Weg zur menschlichen Vervollkommnung führen und wie ein vom Priestertum durchwirktes Leben gelebt werden kann. Aufmerksam und wohlgesonnen behielt er einen jeden von uns im Auge, drängte seine Hilfe aber nicht auf.
Er riet mir, mich nicht zu sehr in den Büchern zu vergraben, nicht zu ehrgeizig zu sein, meine Erfahrungen nicht nur aus dem Gelesenen zu gewinnen, also aus dem, was andere erkannt und aufgeschrieben haben, sondern auch mein eigenes Er-Leben zu beachten. Unsere Religion sei keine Buchreligion, uns gebe der revolutionäre Glaube Zuversicht, dass Gott mit uns Kontakt aufnehmen will und sich nach uns sehnt – aber wir müssten, könnten und dürften ihm auch die Chance geben, uns anzusprechen, denn seine Stimme sei leise, und es sei eine Lebenskunst, ihr in Geist und Herz zu lauschen.
»Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen« - Ich habe dieses Zitat des Philosophen Wittgenstein oft beherzigt, gerade wenn es um eigene Glaubenserlebnisse ging und geht. Sie sind oft zu groß, um in Worte gefasst zu werden, zu tief, zu erschütternd oder zu leise; die hochentwickelte menschliche Sprache scheint zu profan, das menschliche Vorstellungsvermögen zu eindimensional, um dieser Schönheit einen angemessenen Ausdruck verleihen zu können.
Ich selber fühle mich manchmal unangenehm berührt, wenn gar zu schwärmerisch von spirituellen Einsichten geschwärmt wird. Gott wird so oft als angebliche Begründung für Attentate, Spott, Krieg, Diskriminierung und Unterdrückung missbraucht. Nicht das Gesprochene, sondern die Taten zählen.
Allerdings stehen dem Wittgenstein-Zitat die Worte der Apostel Petrus und Johannes in der Apostelgeschichte entgegen: »Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben!«
Es gilt also abzuwägen.
Im Burggrafer Dom liebte ich besonders die Sakramentskapelle. Unbeschadet hatte sie die Bombardierungen im zweiten Weltkrieg überstanden, ihre Kuppel hatte etwas Sphärisches, die Fresken etwas Zauberhaftes: Einst übertüncht waren sie nach all den Jahren wieder freigelegt worden, auf Augenhöhe zwar fast vollkommen verblasst, tönten jedoch zum Scheitelpunkt der Kuppel hin in immer kräftigeren Farben, all die Heiligen und Engel in die Lichtherrlichkeit schauend. Geduldig hatten sie jahrhundertelang unter all der barocken Tünche ausgeharrt.
Sonnenkranzartig umgaben Goldfiligran und Edelsteine die Monstranz, das Allerheiligste und Unbegreiflichste.
Ein sich selbst gebender Gott. Der mein Herz erfüllte, mein ganzes Sein bewegte, der rief, mich rief: Komm! Ja, genau DICH meine ich!
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