»Entstehen denn dadurch nicht noch mehr Konkurrenz und Missgunst? In diesem Business ist sich eh jeder selbst der Nächste. Zumindest die, die etwas erreichen wollen. Ich habe es erlebt. Diejenigen, die oben auf der Liste stehen, werden beim Verlassen des Aufenthaltsraums beinahe zerfleischt, weil sie einen unbestreitbaren Vorteil haben. Bereits eine halbe Stunde kann ausreichen, das Interview, oder zumindest Teile davon, zu veröffentlichen, während die Kollegen noch warten müssen.« Zusätzlich zum herausfordernden Tonfall hatte er eine Braue angehoben. »Wenn diese Vorgehensweise sich durchsetzt, wird dann nicht das Erkaufen der obersten Listenplätze gefördert? Irgendwann kommt es nur noch auf Kontakte und Vitamin B an. Ich denke, auf solche Auswüchse braucht man nicht allzu lange warten.«
Was sollte das? Heuchler! Tom nahm kein Blatt vor den Mund, dabei war er doch selbst Nutznießer und tat genau das, was er anprangerte. Widerwillen durchzuckte Jake nach dieser offenen Kritik und baute sich weiter auf. Dabei hatte Tom doch überhaupt keine Ahnung! Jake musste all seine Willenskraft aufbieten, jetzt nicht unüberlegt zu reagieren. Was war Toms Problem? Natürlich! Auch er war nur auf seinen Vorteil bedacht. Was für ein eingebildeter Fatzke! Jake hatte sich offensichtlich durch die hübsche Fassade täuschen lassen.
Wut bildete einen Klumpen in seiner Magengegend. In letzter Zeit war er durch den Stress ziemlich dünnhäutig geworden. So gern er es wollte, er konnte unmöglich alles stehen und liegen lassen, das Interview abbrechen und aus der Suite fliehen – Janine würde ihm gnadenlos die Hölle heiß machen. Und nicht nur Janine. Für die Presse wäre so ein Ausrutscher ein gefundenes Fressen.
Er musste nach einer anderen Möglichkeit suchen, sich eine Atempause und Zeit zu verschaffen, um den nächsten Zug planen beziehungsweise sich die nächste Antwort überlegen zu können. Gereizt biss Jake die Zähne aufeinander und wandte sich dem Fenster zu. Er wollte auf keinen Fall, dass Tom ihm die Emotionen ansehen konnte. Was sollte er sagen, was tun? Dieses Interview lief aus dem Ruder, ehe es überhaupt richtig begonnen hatte. Seine Kiefer begannen zu schmerzen und er beneidete Kisha, die in dem Moment einfach verschwand und Jake mit diesem Arsch allein ließ.
Die Zeit verstrich, der Druck, etwas auf Finleys Ausführungen zu erwidern, stieg. Schweigen würde ihn nicht retten. Es gab kein Räuspern und keinen respektvollen Übergang zum nächsten Thema. Dieser Journalist erwartete eindeutig eine Reaktion und wollte es offenbar partout aussitzen.
Ihm wurde heiß. Nach einem letzten Blick aus dem Fenster gab Jake sich einen Ruck, wappnete sich innerlich für die Konfrontation und drehte sich um. Es überraschte Jake, dass diese Situation ihn derart aufwühlte. Trotz regte sich in ihm. Wenn Tom Finley es unbedingt so haben wollte, dann sollte er seine Antwort bekommen!
Um das Zittern zu verbergen, trat er an den Sessel heran und stützte sich auf der Rückenlehne ab. Seine Fingerspitzen wurden weiß, so sehr krallte er sich in die Lehne. Das Blut rauschte unangenehm in seinen Ohren, während er den Blick aus den eisblauen Augen spöttisch erwiderte. Wenn schon nicht räumlich, so wollte Jake wenigstens Abstand schaffen, indem er eine distanziertere Formulierung wählte und zum ›Sie‹ wechselte.
»Ich bedaure, dass dies hier nicht Ihren Erwartungen entspricht. Eigentlich war ich der Meinung, dass meine aktuelle Kampagne im Mittelpunkt des Interviews stehen würde. Überraschenderweise liegt jetzt jedoch Ihr Hauptinteresse auf dem Wohlergehen der Journalisten.« Mit der Betonung des letzten Wortes hoffte Jake, seiner Geringschätzung noch mehr Ausdruck zu verleihen. Er schmeckte die Bitterkeit förmlich auf seiner Zunge. Zu oft schon hatte er indiskrete Fragen weglächeln müssen, das Verhalten oder unverschämte Berichterstattung ertragen müssen. Warum sollte er auf deren Befindlichkeiten auch noch Rücksicht nehmen? Sie wollten doch etwas von ihm!
Jake presste seine Lippen aufeinander. Sein Herz raste und seine Nasenflügel blähten sich, als hätte er eben erst eine Trainingseinheit mit Will beendet. Auch wenn es ihm schwerfiel sich zu beherrschen, schaffte er es, den Sessel zu umrunden und Platz zu nehmen. Es schien ein Vakuum zwischen ihnen zu entstehen, das das Atmen erschwerte.
Seine unverblümten Worte zeigten Wirkung. Auf Toms Gesicht erschien ein verblüffter Ausdruck. Beschwörend hob er eine Hand. »Ich wollte nicht … es schafft Atmosphäre, die Leser über solche Einzelheiten an das Interview heranzuführen«, versuchte er sich an einer Erklärung für seine Beharrlichkeit. »Sie wollen dabei sein, den Journalisten quasi auf dem Weg zu ihrem Star begleiten.«
Er schien das Interview retten zu wollen, nachdem er offensichtlich erkannte hatte, dass er den Einstieg ungeschickt gewählt und den Bogen überspannt hatte. Schuldbewusst rutschte er auf seinem Sessel hin und her. Trotzdem konnte Jake nicht über seinen Schatten springen. Auch auf die Gefahr hin, arrogant oder überheblich zu wirken, nahm er eine betont lässige Haltung ein. Es gab ihm in dieser Situation zumindest das Gefühl von Überlegenheit. So leicht wollte er ihn nicht davonkommen lassen. Dachte er wirklich, er brauchte nur einen harmlosen Dackelblick aufsetzen und alles war in Ordnung? Der Klumpen in seinem Hals schmerzte. Er wusste nicht, was ihn mehr ärgerte – die provokanten Fragen des Journalisten oder die Tatsache, dass er enttäuscht war, weil er ihn falsch eingeschätzt und anfangs sogar Sympathie empfunden hatte.
»Keine Angst. Nichts liegt mir ferner, als euch mit dieser Art von Interviews zu quälen oder euch dem Gerangel um die besten Listenplätze auszusetzten.« Obwohl es unter der Oberfläche brodelte, fixierte er Tom kühl und presste die Worte durch seine Zähne. »Es ist nur so … ich hasse es, in einem Raum voller Journalisten zu sein, die wie Aasgeier ständig auf jede noch so kleine Verfehlung warten, mich mit indiskreten Fragen löchern und anstarren, als wäre ich prämiertes Vieh auf einer Auktion!« Sein Ärger verpuffte mit einem Schlag und machte Panik Platz. Das, was er gerade getan hatte, war vergleichbar mit einem Ritter, der im Zweikampf sein Schild senkte und wider besseres Wissen das Visier hochklappte – sich völlig ohne Schutz präsentierte. Hätte Janine diese Antwort gehört, wäre sie höchstwahrscheinlich kollabiert – und er selbst war in diesem Moment vermutlich auch nicht weit davon entfernt. Was zum Teufel war nur in ihn gefahren? Himmel! Hatte er das wirklich laut gesagt? Offensichtlich, denn Tom starrte ihn entgeistert an und er vermutete, dass seine eigene Miene keinen Deut besser aussah.
Jakes Gedanken überschlugen sich, wirbelten wild durcheinander. Wie hatte das Gespräch derart entgleisen können? Er wusste nicht, wie oder ob er überhaupt noch etwas retten konnte. Einen Versuch musste er auf jeden Fall starten. Sehr viel schlimmer konnte der Artikel, der erscheinen würde, nun auch nicht mehr werden.
»Ich weiß nicht, warum ich das gesagt habe.« Das Pochen in seinem Schädel hatte schmerzhafte Ausmaße angenommen und ließ sich auch durch den Druck seiner Finger nicht lindern. »War wohl alles ein bisschen viel in letzter Zeit.« Genügte das als Entschuldigung für sein Verhalten? Jämmerlich! Journalisten erwarteten Professionalität und Perfektion.
Er hatte sich selbst ans Messer geliefert und Toms Redaktion genügend Material für einen großen Bericht beschert, in dem Platz für allerlei Spekulationen war, die breitgetreten werden konnten. Nervenzusammenbruch, Burnout, Liebeskummer, Starallüren – dies alles und noch viel mehr konnte in den nächsten Tagen in Form von Schlagzeilen auf ihn niederprasseln!
Den noch verbliebenen Teil der Fassade, eine erbärmliche Ruine, musste er um jeden Preis aufrechterhalten, was allerdings gar nicht so einfach war. Als hätte man bei einer vollen Badewanne den Stöpsel gezogen, floss alle Energie ungehindert aus ihm heraus. Der Wunsch, die Augen zu schließen, alles zu vergessen und zu schlafen, wurde übermächtig. Sein Magen krampfte sich zusammen. Wenn Janine mitbekäme, was er da ablieferte, würde sie ihn ganz sicher ungespitzt in den Boden rammen.
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