—Ach, das meinst du! Manspreading.
—Manspreading?
—Ja. Manspreading.
Einmal wollte sich die Lehrerin Reingard Söllner, nachdem sie einen ganzen Unterrichtstag in dem denkmalgeschützten Schulhaus verbracht hatte, in der Straßenbahn auf einen vermeintlich freien Sitzplatz setzen. Sie hatte nicht nur einfach einen ganzen Tag in der Schule verbracht, sondern einen ganzen Unterrichtstag, das ist ein Unterschied wie zwischen Michael Jackson und Prince oder Gotthold Ephraim Lessing und Doris Lessing oder Nescafé Classic und Nescafé Gold, Cap Colombie. Eine ganzen Unterrichtstag lang hatte sie gleichzeitig, hintereinander und übereinander 77.000 Schüler gehabt, die alle zusammen nichts von ihr wollten. Tapfer brachte sie den bereits im Dämmerlicht liegenden Fußweg bis zur Straßenbahnstation hinter sich, tapfer wartete sie zwölf Minuten auf den nächsten Zug, tapfer erklomm sie den Triebwagen und erspähte in einer letzten Kraftanstrengung ihrer müden Augen den letzten noch freien Sitzplatz. Doch als sie sich setzen wollte, war da dieses rechte Bein eines links am Fenster sitzenden Mannes, weit abgegrätscht, starr und steif, und es bewegte sich um keinen Millimeter nach links, als Reingard Söllner Platz nahm. Das war an diesem Abend zu viel für sie. „Sind Sie Zwilling?“, begann Reingard Söllner und tastete nach der Glock in ihrem Rucksack (Magazin in den Griff stecken). Der Mann reagierte nicht (Schlittenfang nach vorn: Klick).
—Ich habe Sie gefragt, ob Sie Zwilling sind, weil Sie zwei Sitzplätze brauchen? (Lauf auf das Ziel richten) Oder haben Sie Fahrscheine für zwei Sitzplätze gekauft, einen Fahrschein für sich und einen Fahrschein für Ihr rechtes Bein? (Zeigefinger an den Abzug)
Der Mann drehte sich langsam zu ihr. Er trug ein Hitlerbärtchen über der schmalen Oberlippe und ein Che-Guevara-T-Shirt über dem dicken Bauch.
—Hast du was gesagt, Mama?
Schuss!
Da sich die Sitzhaltung des nun toten männlichen Fahrgasts mit dem Hitlerbärtchen über der schmalen Oberlippe und dem Che-Guevara-T-Shirt über dem dicken Bauch von der des vormals gelebt habenden nicht unterschied – Kopf an die Fensterscheibe gelehnt, rechtes Bein abgegrätscht und tief in den Raum vor den Nachbarsitz gestellt –, blieb das Verbrechen Ewigkeiten unbemerkt. Der attraktive Streifenpolizist aus dem fernen Bundesland, der aufgrund akuten Personalmangels bei der Polizei abwechselnd Streife ging, Straßenbahnen, Botschaften und Prostituierte kontrollierte, Parkraumüberwachung betrieb und Cyberkriminalität bekämpfte, wurde erst alarmiert, nachdem der Zug 13277 der Linie 37 bei Betriebsschluss in die Remise gefahren worden war und alle Passagiere ausgestiegen waren, bis auf einen Mann mit einem Hitlerbärtchen und weit gegrätschten Beinen.
„Müssen wir dieses Verbrechen aufklären?“, fragte der Streifenpolizist in sein Handy, nachdem er das Opfer beschrieben hatte. „Hitlerbärtchen?“, kam es zurück.
—Ja. Und ein T-Shirt mit, ich glaube, Castro.
—Fidel Castro?
—Genau.
—Also rechtsnationalistische Wiederbetätigung und Linksterrorismus?
—Vermutlich.
Wenn Sie das sagen.
—Dann nicht aufklären. Meldung an die CIA.
—CIA in Amerika?
—Dallas.
—Sofort?
—Umgehend. Aber berücksichtigen Sie die Zeitverschiebung, roger?
—Wer?
Leider kam Reingard Söllner auch durch ihre Verzweiflungstat nicht an ihr selbstgestecktes Ziel, einen vermeintlich freien Sitzplatz leibhaftig benutzen zu können. Erschöpft hing sie Berlin–Krakau an den Haltegriffen und versuchte, in einem lindgrünen Liegebett im Thermenhotel Niederpullenkirchen bedürftigen Menschen beim Kommen und Gehen auf ihren Wegen seelischen Beistand zu leisten. Vergeblich. Soll nie wieder einer behaupten, dachte sie, dass ein erfolgter Schusswaffengebrauch, und sei er noch so gut begründbar, für den Schützen ohne Wirkung bleibe.
Für Reingard Söllner begann ein Arbeitstag in der Regel bereits am Vortag, meistens zwischen 21:45 und 22:15 Uhr. Dann startete eine der inneren Stimmen ohne Rücksicht auf die Umstände mit der Logistik für den nächsten Morgen. Zum Beispiel so: Wecker um zehn nach sechs, nein, halt, morgen hast du die Mutter von Magomed für nullsiebendreißig in die Schule bestellt, also musst du Sami in die Frühaufsicht bringen, schon zum dritten Mal diese Woche, armer Sami! Und die Jause hat ihm heute auch nicht geschmeckt, du musst den Schinken auftauen, den musst du noch heute aus dem Gefrierfach nehmen. Wecker also besser fünf vor sechs. Wann hat Marie morgen Schule? Heute hätte sie verschlafen, wenn du sie nicht aus dem Bett geworfen hättest. – Lass sie doch verschlafen, meldete sich dann die andere innere Stimme zu Wort, Marie ist vierzehn, sie muss lernen, Verantwortung für sich zu übernehmen. – Papperlapapp! – Wieso Papperlapapp? – Ach, seid jetzt still, innere Stimme!
—Marie, bist das du?
Putzt du gerade die Zähne?
Kommst du bitte nach dem Zähneputzen noch zu mir? Wir müssen über dein Aufstehen sprechen. Du hörst in letzter Zeit deinen Wecker nicht.
—Was hast du gesagt?
Wo bist du überhaupt?
—Im Bett.
—Jetzt schon?
—Was heißt jetzt schon? Es ist fünf vor zehn.
—Fünf vor zehn ist doch keine Zeit, um zu Bett zu gehen. Um fünf vor zehn ist nicht einmal die Schachtel zu Bett gegangen.
Schachtel war eine Verkürzung für „die alte Schachtel“. Gemeint war damit die Mutter von Reingard Söllner, Maria Söllner, 93. Reingard Söllner hatte sie für einige Zeit bei sich untergebracht, ehe sie ihre Freundin, die diplomierte Krankenschwester, bat, sich nach einem Heimplatz für sie zu erkundigen. Man fand schließlich ein Zwei-Bett-Zimmer in einem, wie es hieß, besonders guten Haus, wenn auch nicht in jenem, in dem die beste Freundin von Reingard Söllner, die diplomierte Krankenschwester, arbeitete. In der großen Stadt gab es 7777 Pensionistenwohnheime, jedes mit 777 Stockwerken, in jedem Stockwerk 7777 Betten, davon 770 Betten in Seniorenwohnungen und 7007 Betten in den Bettenstationen.
Genau genommen wohnte Maria Söllner dort, wo sie lebte, weniger, als sie dort lag. Reingard Söllner besuchte ihre Mutter inzwischen nur noch einmal im Monat. Ein Besuch lief so ab.
—Hallo Mami.
—Hallo. Wer bist du?
—Ich bin es. Reingard, deine Tochter.
Wie geht’s dir, Mami?
—Was sagst du?
Maria Söllner war nahezu taub, also begann Reingard Söllner bei ihren Besuchen früher oder später zu schreien.
—WIE GEHT ES DIR?
—Liebst du mich?
—Ja, Mami, ich liebe dich.
—Ich liebe dich auch.
Komm, gib mir deine Hand.
—---
—---
—MARIE UND SAMI SIND IN DER SCHULE, SIE LASSEN DICH GANZ LIEB GRÜSSEN.
—Wie alt bin ich?
—Dreiundneunzig.
—Wie alt?
—Dreiundneunzig!
—Schon neunzig?
—---
—---
—---
—---
—---
—Liebst du mich?
Sehr viel mehr an Gespräch kam nicht mehr zustande. Wenn Reingard Söllner das Zimmer ihrer Mutter wieder verließ, war sie leer und wollte am liebsten sterben.
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