Am Abend sah die Lehrerin Reingard Söllner, 48, in den lokalen TV-Nachrichten einen Bericht über den tragischen Tod eines Teenagers, der in einer U-Bahn-Station beim Versuch, einen Ball wieder einzufangen, der ihm aus der Hand gefallen war, über die Bahnsteigrampe stolperte, just als ein Zug der Linie U7 dort einfuhr. Der Zug erfasste den 14-Jährigen, jede Hilfe kam zu spät. Der Fahrbetrieb der U7, sagte die Nachrichtensprecherin, sei Richtung Hubmannplatz mehr als zwei Stunden gestört gewesen.
„Habe ich mit Michi damals eigentlich geschlafen?“, fragte Reingard Söllner am nächsten Tag ihre beste Freundin, die diplomierte Krankenschwester, in ihr Handy.
—Welcher Michi?
—Der mit den großen Ohren.
—Einen Michi mit großen Ohren kenne ich nicht.
—Kennst du nicht?
—Nein, kenne ich nicht. Wann soll das gewesen sein?
—Vor zirka fünfunddreißig Jahren.
—Wir kennen uns erst seit fünfzehn Jahren.
—Wirklich?
—Wirklich.
Natürlich hast du mit ihm geschlafen, sagte die innere Stimme. – Hast du, bestätigte die andere innere Stimme, dann wechselten sie das Thema.
Die beste Freundin der Lehrerin Reingard Söllner, 48, war nicht Lehrerin, sondern diplomierte Krankenschwester in einem Pensionistenwohnheim. Einmal stellte Reingard Söllner ihrer Freundin, der Krankenschwester, die rhetorische Frage, ob sie wisse, welche Krankheit all die Männer zwischen ihren Beinen hätten: „Kannst du mir sagen, welche Krankheit die ganzen Männer zwischen ihren Beinen haben?“, fragte Reingard Söllner, als sie mit ihrer Freundin am südöstlichen Rand der großen Stadt auf einer städtischen Grünfläche Bärlauch pflücken war. „Meinst du die Männer auf meiner Station?“, fragte die diplomierte Krankenschwester, die die Rhetorik nicht auf Anhieb verstand, zurück.
—Nein, ich meine alle Männer. Alte und junge, Inländer, Ausländer, Lehrer – alle Männer.
—Krank zwischen den Beinen?
—Ja, haben die da etwas, das ich nicht kenne? Ich meine, abgesehen von du weißt schon?
Da kam ein attraktiver Streifenpolizist und unterbrach das einseitig rhetorisch geführte Gespräch, indem er die zwei Frauen grüßte und dann ansatzlos und ganz und gar nicht rhetorisch fragte, was sie hier täten.
„Guten Tag. Was tun Sie da in der Wiese?“, fragte der attraktive Streifenpolizist, er war aus einem fernen Bundesland, man verstand ihn kaum.
—Bärlauch pflücken.
—Was?
—Wie bitte, heißt das.
—Sie pflücken wie bitte?
—Nein, Bärlauch. Es heißt nur wie bitte und nicht was.
—Das Gras, das Sie da in der Hand haben?
—Ja, das ist Bärlauch. Man kann ihn essen. Zum Beispiel kann man Dumplings damit füllen, also Teigtaschen.
—Was für Taschen?
—Welche Taschen, heißt das.
—Sind Sie Lehrerin?
—Ja.
—Deutsch?
—Nein Mathematik und Physik.
Warum fragen Sie? Weil wir Bärlauch pflücken?
So ging das Gespräch noch eine Weile hin und her, dann gab sich der attraktive Streifenpolizist aus dem fernen Bundesland einen Ruck und sprach eine Ermahnung aus: Bei der Grünfläche handle es sich um eine städtische Grünfläche, deren Betretung verboten sei, infolgedessen es auch zu keiner Pflückung von Gras kommen dürfe, welchen Ursprungs und Namens auch immer. Ausnahmsweise belasse er es das eine Mal noch bei einer Verwarnung und sehe er von einer Konfiszierung des … ab.
„Wissen Sie, dass wir hier in meiner Kindheit Rettich aus dem Boden gegraben haben und dass es hier sogar Himbeerstauden gab?“, schrie die frisch verwarnte Lehrerin Reingard Söllner. Sie war traurig und ihr war zum Schreien überhaupt nicht zumute, aber sie musste den attraktiven Streifenpolizisten aus dem fernen Bundesland anschreien, sonst hätte er sie nicht gehört, denn eben rasten links zwei Gigaliner brüllend an der städtischen Grünfläche vorbei, jeder 25 Meter lang, jeder 16 Räder, jeder 157 m 3Ladevolumen, einer rot, einer blau. Sie sei nämlich hier aufgewachsen, schrie sie, damals sei das, wo sie jetzt stünden, noch eine ruhige G’stättn gewesen, hier hätten sie als Kinder in den Büschen Verstecken gespielt, sie und die zwei Söhne des berühmten Schauspielers G., Aaron und Nikolaus. Das konnte der attraktive Streifenpolizist jetzt bei bestem Willen nicht mehr verstehen, denn auf der Fahrbahn rechts neben ihm brach plötzlich mit Riesengebrüll ein selbstfahrender EuroCombi aus der Kolonne, 60 Tonnen Lebendgewicht, 25,25 Meter lang, mit 7 Meter langen Stoßzähnen. Ein Auto nach dem anderen kippte er damit von der Straße, manche hob er auch einfach aus der Fahrt und wirbelte sie in die feinstaub- und CO 2-belasteten Lüfte, vermutlich, um schneller vorwärtszukommen, vielleicht auch nur aus Rache oder Langeweile. Wild flogen jetzt überall Autos durch die Luft, gelbe Skodas und blaue BMWs, ein roter VW Golf krachte keine fünf Meter neben ihnen zu Boden. Zum Glück stieg die junge Fahrerin unverletzt aus dem Wrack. Schnell machte sie ein Selfie, ehe sie ihren Weg zu Fuß fortsetzte, sie schaffte jedoch nur ein paar Schritte, dann sank sie in den grün sprießenden Bärlauch. Bald war kein Auto mehr auf den sechsspurigen Fahrbahnen rund um die städtische Grünfläche, und das Gebrüll des selbstfahrenden EuroCombis und der Gigaliner verebbte in der Ferne.
—Jetzt kann ich Sie wieder gut verstehen, Frau Mathematiklehrerin, was haben Sie vorhin gesagt?
—Ich habe gesagt, dass wir hier früher Verstecken gespielt haben, und im Winter sind wir über den Hügel gerodelt, der früher einmal hier war. Den haben sie weggebaggert, weil sich die Bewohner des neuen Hochhauses dort – sie deutete auf das neue Hochhaus dort – von dem Lachen und Quietschen der rodelnden Kinder gestört gefühlt haben.
—Gerodelt? Das kenne ich. Wir sind als Kinder auch gerodelt.
—Dort, wo Sie eigentlich herkommen?
—Ja, dort, wo ich eigentlich herkomme.
—Gibt es das Dort, wo Sie eigentlich herkommen, auch nicht mehr?
—Nein, gibt es nicht mehr. Den ganzen Ort gibt es dort nicht mehr. Angefangen hat es mit dem Verschwinden des Ortskerns. Nach und nach ist alles verschwunden. Jetzt gibt es dort nur noch Schneekanonen und achtspurige Sesselliftanlagen mit automatischer Sitzheizung und Hotels mit Gratis-WLAN oder mit Code.
—Aber immerhin keine Gigaliner.
—Doch, die auch. Sie fahren geradewegs durch das Nachbardorf, in der Nacht fast ununterbrochen, man hört sie kilometerweit. Niemand kann dort mehr schlafen. Jetzt hat der Bürgermeister das alte Kohlebergwerk wieder aufsperren lassen. Jetzt wird nachts wieder Kohle abgebaut, untertag, und obertag schlafen die Leut’ tagsüber, weil weniger Verkehr ist.
Also wie gesagt. Keine Pflückung von …
—Bärlauch.
—Ja, das. Ich muss unser Gespräch jetzt leider abbrechen. Ich muss mich um den gesetzwidrig auf dem Rücken parkenden roten VW Golf hier kümmern. Das Parken und Halten auf städtischen Grünflächen ist nämlich für Pkws ohne Ausnahme verboten.
—Ich verstehe. Auf Wiedersehen.
—Auf Wiedersehen, Frau Lehrerin.
Als der attraktive Streifenpolizist gegangen war, wandte sich Reingard Söllner wieder ihrer Freundin, der diplomierten Krankenschwester, zu: „Wo waren wir stehen geblieben?“ Und schnell fügte sie hinzu: „Habe ich jetzt stehen geblieben gesagt? Lustig. Das ist genau das Stichwort. Stehen bleiben. Wenn die Männer in den Öffis nur öfter stehen blieben! Aber sie setzen sich, wenn sie können.“
—Und?
—Und dann bricht spontan ihre Krankheit aus, sie kriegen ihre Beine und Füße nicht zusammen. Als würden ihnen unsichtbare Kniesperren wachsen, sobald sie sich setzen. Sie sitzen mit breit gegrätschten Beinen da und scheren sich einen Dreck darum, dass sie damit gleich zwei Sitzplätze brauchen, was sage ich: missbrauchen. Sitzplatzmissbrauch. Gibt es dagegen kein Gesetz?
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