Er sah hinauf zum Himmel, sah die Klarheit des Sternenlichtes, die Milchstraße und, ein winziger leuchtender Punkt nur, der unbeirrt von Süd nach Nord durch das Sternengewirr marschierte, einen Satelliten, vielleicht war es aber auch die vielgerühmte internationale Raumstation. Vor drei Tagen erst war von Baikonur aus eine Trägerrakete mit zwei Russen, einem Franzosen und einem Nigerianer zu den drei Langzeitastronauten der ISS gestartet.
Faust sah das kleine Licht und hob die Hand zum Gruß. »Arme Schweine.« Dann kletterte er mit offenem Hosenstall zurück in seinen Pick-up und öffnete die nächste Flasche.
»Prost!«
22:52 Uhr, Wellendingen, Gasthaus Krone
Bubi Faust war einer der etwa einhundert Menschen, die noch bis spät in die Nacht im Gasthaus Krone zusammensaßen. Unter der Decke des niedrigen Raumes hingen dicke Rauchschwaden. Der Wirt hatte die Fenster geöffnet. Das Leeren der Aschenbecher hatte er aufgegeben. Berthold Winterhalder hatte genug damit zu tun, flüssigen Nachschub aus dem Keller zu holen. Er machte den Umsatz seines Lebens, einzig sein Vorrat an Kerzen war viel zu gering. Die Frauen und Männer saßen dicht gedrängt und diskutierten die Vorkommnisse dieses Tages. Viele Familien hatten, in der Hoffnung auf eine (warme?) Mahlzeit, den Weg in die Wirtschaft gefunden und viele waren gekommen, nur um nicht allein zu sein. Aber allen gemeinsam war der Wunsch nach Gesprächen mit Freunden und Bekannten, nach den Meinungen der anderen zu diesem Tag. Sie suchten reflektorisch die Gemeinschaft und verließen die gepflegte Einsamkeit ihrer Einfamilienhäuser und Wohnungen.
»Eines ist sicher«, sagte Martin Kiefer zu Bubi, »wenn der Laden morgen nicht wieder läuft, dann war das heute erst der Anfang.«
Der alte Georg Sattler, der neben ihnen saß, starrte trotz seiner Zuckerkrankheit in ein Glas Cola. Vom Gespräch der anderen nahm er keine erkennbare Notiz.
»Wie meinst du das?«, fragte Bubi.
»Na, der Anfang eben. Wenn wir nicht aufpassen, haben wir bald das totale Chaos. Wird lustig, wenn jeder macht was er will. Keine Aufpasser mehr, keine Polizei, kein Militär. Nur noch der Mensch, sein Wille und seine Kraft.«
»Du bist doch besoffen, Martin«, sagte der Wirt. Er stellte ein weiteres Bier vor Kiefer ab und fügte den Strichen auf seinem Bierdeckel einen weiteren Strich hinzu. »Solchen Schwachsinn zu erzählen. Bringt doch nichts, auch noch Öl ins Feuer zu gießen. Die Leute bekommen nur Panik.« Und schon kümmerte er sich um die Gäste am Nachbartisch.
»Der Mensch, sein Wille und …?«, fragte Bubi.
»Seine Kraft«, vollendete Kiefer und lächelte. »Kraft ist etwas Schönes. Wenn man sie richtig einsetzt, wird aus ihr Macht. Und Macht macht sexy.«
»Sexy. Du hast vielleicht Probleme.« Bubi nippte an seinem Wasser. »Ganz schöner Mist das Ganze.«
»Geht so.«
»Geht so?« Bubi verdrehte die Augen. »He, weißt du eigentlich, dass ich heute die Bilder meines Lebens geschossen habe? Und – kann ich was mit ihnen anfangen? Kann ich sie verkaufen, an irgendeinen gierigen Fernsehsender verkaufen? Morgen ist die ganze Arbeit wahrscheinlich wertlos! Morgen haben die bestimmt ihre eigenen Reporter überall hingeschickt, morgen ist mein ganzer Dreck nicht mehr aktuell – Schnee von gestern.«
»Gut möglich.«
»Soll ich dir mal was sagen, Martin? Ich dachte ein paar Stunden wirklich, das wäre meine Chance aus diesem Nest hier rauszukommen!« Bubi kratzte sich hinterm Ohr. »Weißt du, ich hab echt keinen Bock so zu enden wie mein Alter! Den ganzen Tag buckeln und dann, mit sechzig, wenn du Glück hast, machst du den Schirm zu und fertig. Das war’s.«
Kiefer lächelte und nickte.
Die Tür wurde aufgerissen und Christoph Eisele kam herein.
»Oh, unser Beerdigungsunternehmer kommt!« Uwe Sigg, der, seit sie den Bagger bei Wünsche abgeholt hatten, eine Zeitlang unauffindbar gewesen war, prostete Eisele zu. »Komm her, Mann, ich geb dir einen aus!«
»Eine Dusche wäre mir lieber! Läuft denn bei niemandem mehr Wasser?«
»Geh an den Bach. Der läuft noch!«
»Oder warte, bis es regnet.«
Bubi Faust, der von dem, was um ihn und Kiefer herum vorging, nichts wahrzunehmen schien, redete weiter: »Ich hab keine Lust mehr auf die vorwurfsvollen Sprüche meines Vaters und auf meine Mutter, die den ganzen langen Tag durch das Haus schleicht und irgendwo putzt, wo es nichts zu putzen gibt und aufräumt, wo alles aufgeräumt ist. Ständig ist sie mir auf den Fersen, weißt du. Und weißt du, was das wirklich Schreckliche dabei ist? Sie sagt, egal was ist, kein Wort. Sie meckert nicht, schimpft nicht, bittet nicht. Aber sie gibt einem das Gefühl, nichts richtig machen zu können!«
»Kenn ich«, sagte Kiefer ohne sichtliches Interesse.
»Und dann dieses dämliche Flugzeug heute. Ein Geschenk des Himmels – rums, genau vor meine Haustür geschmissen! Du kannst dir wirklich nicht vorstellen, was für geile Bilder ich heute gemacht habe! Jeder hätte mir die aus der Hand gerissen und ich hätte endlich mal richtig fett Kohle machen können! Und dann wär’ ich abgehauen, Mar tin, irgendwohin. ’ne tolle Hütte, Auto und Weiber ohne Ende …!«
»Wer sagt denn, dass die Chance vorbei ist?«, fragte Kiefer und lächelte. Wieder dieses unergründliche Lächeln, seltsam und ein wenig kalt.
»Wie meinst du das?«
Kiefer zuckte die Schultern. »Wer weiß.«
»Komm schon, mach hier nicht einen auf geheimnisvoll! Davon hab ich für heute echt genug, du! Los sag, was hast du eben gemeint?«
»Na ja«, zögerte Kiefer, obwohl ihm anzusehen war, dass er längst beschlossen hatte, mit Bubi über ein bestimmtes Thema zu sprechen.
»Stell dir vor Bubi, alles bleibt so, wie es seit heute früh ist.«
»Komm, lass den Scheiß!« Bubi Faust schien ehrlich entrüstet. »Wenn morgen früh mein Handy nicht geht, dreh ich durch!«
»Stell es dir einfach mal vor. Nur so. Nur als Hypothese. Was meinst du, wer …«
Mit einem lauten Knall stellte Sattler sein Glas vor sich auf den Tisch. Er hatte es kurzentschlossen in einem Zug leer getrunken.
»In ganz Bonndorf«, begann er heftig und hielt Kiefer dabei den Zeigefinger vor das Gesicht, »und bei keinem der sieben Ärzte dort war Insulin zu bekommen! Entweder war alles abgeschlossen oder eine Sprechstundenhilfe hat mich wieder rauskomplimentiert. ›Tut uns leid, aber Frau Doktor ist leider nicht Ihre Hausärztin‹ oder ›Nein, wir können Sie bedauerlicherweise nicht behandeln. Wissen Sie, unser Lesegerät für Ihre Versichertenkarte funktioniert gerade nicht. Kommen Sie doch morgen wieder!‹ Könnt ihr euch das vorstellen? Ich soll morgen wiederkommen! Und was ist, wenn ich morgen im Eimer bin? In der einen Apotheke haben die mir nichts gegeben, weil ich kein Rezept hatte und die andere Apotheke war geplündert.« Ihm schien ein Gedanke zu kommen, denn plötzlich blitzte so etwas wie Hoffnung in seinen Augen auf. »Könnt ihr nicht morgen früh mit mir nach Waldshut fahren? Oder nach Donaueschingen oder Neustadt? Ist egal wohin, Hauptsache in ein Krankenhaus. Die haben doch immer haufenweise Insulin rumliegen. Was meint ihr, wir können auch mein Auto nehmen!«
»Und warum fährst du nicht selbst?«, wollte Kiefer wissen.
»Weil meine Augen kaputt sind – vom Zucker.«
»Und was geht uns das an?«
Sattler schien mit dieser Frage nicht gerechnet zu haben. Sein Blick wanderte zwischen Kiefer und Bubi hin und her und Überraschung wandelte sich in Fassungslosigkeit. »Immerhin«, stotterte er, »immerhin Bubi, kenne ich dich, da hast du noch fröhlich in die Windeln gemacht und du, Martin, haben wir nicht letztes Jahr noch zusammen …«
»Schnee von gestern«, unterbrach ihn Kiefer. Dann, in völlig verändertem Ton: »Aber mal angenommen, einer von uns lässt sich zu einer Spazierfahrt breitschlagen, was springt dabei raus für uns? Schließlich scheint dir dein Insulin ja immens wichtig zu sein. Und so ein alter Junggeselle wie du«, Kiefers Lächeln wurde noch eine Spur breiter, »der hat doch sicher einiges auf der hohen Kante, oder? Was meinst du Bubi, hat er oder hat er nicht?«
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