Versonnen strich sie mit dem Daumen über ihre Lippen. Es war erstaunlich gewesen. Sie hätte damals nicht gedacht, dass Sex so aufregend sein konnte. Was ihrem ersten Mann an Leidenschaft gefehlt hatte, machte Thomas gleich doppelt wett.
»Möchten Sie trotzdem einen weiteren Versuch starten?«
Sie schluckte. Irgendwann fing er an, sie anders anzufassen. Die vorsichtige Zärtlichkeit machte einer verhohlenen Grobheit Platz, die sie zunächst genoss. Doch als sie sich an die erste Ohrfeige erinnerte, die er ihr aus irgendeiner Nichtigkeit heraus verpasst hatte, prickelte ihre Wange, als ob ein Insekt seine ätzenden Exkremente darauf ablud. Ein Schauer durchfuhr sie. Warum tat sie das alles?
Mit zitternden Händen unterschrieb sie den Folgevertrag.
Van Fromm mit den grauen Mephisto-Augen schmunzelte. Die Katze war im Sack. »Wenn er so weiter macht, muss ich Ihnen bald Rabatt gewähren.«
Er widerte sie an. Patrizia war sich schon lange bewusst, dass er sich insgeheim über sie lustig machte, und jedes Mal, wenn sie die Schwelle zu seinem Büro überschritt, überlegte, welche Jacht er sich als nächste aussuchen würde. Aber letztlich war ihr das egal.
Mit einem höflich-professionellen Shakehands warf er sie aus seinem Büro, hinaus in das hochwertige Entree, in dem sie für einen Moment wie benommen stand. Dann ordnete sie ihren Mantel und klemmte die Tasche mit den Videos unter den Arm. Sie musste noch sehr viel üben. Doch für’s erste musste sie sich auf den Heimweg machen – und Brötchen besorgen.
»Ich will ihn nicht aufgeben«, hatte sie gesagt. Das traf es recht genau. Nach den ersten Schlägen hatte sie ihre Tasche gepackt und war zu einer Freundin gezogen. Doch er hatte sie dort aufgespürt, hatte sich tränenreich entschuldigt. Es sei der Stress gewesen, er könne es sich selbst nicht anders erklären. Er würde sie aufrichtig lieben. Niemals würde sich diese Situation wiederholen.
Sie war schwach geworden. War zurückgekommen. Bald waren die Schläge vergessen. Für die nächsten drei Jahre hatte alles geklappt. und die Welt war rosarot und watteweich und zeitlos. Sie liebte und wurde geliebt und wollte dieses Gefühl nicht mehr missen.
Dann verlor er seinen Job. Man hatte ihn wegrationalisiert, die Quoten stimmten nicht mehr. Er war frustriert. Sie wollte ihm helfen, übernahm in ihrem Job mehr Arbeit, blieb daher länger weg, verdiente den Lebensunterhalt für sie beide. Sie spürte seinen Zorn sehr deutlich, auch wenn er alles tat, um ihn vor ihr zu verstecken. Sie wusste um seine Angst. Daher war es nicht unerklärlich, als er sie eines Abends an der Haustür abfing und zusammenschlug.
Als sie wieder bei Besinnung war, versuchte sie, mit ihm zu sprechen. Sie schlug eine Therapie vor, versicherte ihm, dass sie ihn liebte und an ihn glauben würde. Und wachte erst im Krankenhaus wieder auf.
Sie tauchte erneut unter. Doch ihre Gedanken waren immer bei ihm. Seltsamerweise verspürte sie keinen Zorn. Stattdessen verlor sie sich in den Erinnerungen, träumte von ihm, idealisierte ihn und war über ihre eigene Hilflosigkeit wütend. Jeder sagte ihr, dass er ein Schwein sei, ein brutaler Schläger mit kleinem Ego, getrieben von Angst und Minderwertigkeitskomplexen, doch anstatt ihn endgültig zu verlassen, suchte sie nur umso intensiver nach einer Lösung. Diejenigen, die ihr davon abrieten, ließ sie im Regen stehen. Wer kritisierte, war nicht auf ihrer Seite, warum also Zeit auf die Zweifler verschwenden? Sie hatten doch keine Ahnung.
In dieser Zeit starb ihre Mutter, die sie jahrelang nicht mehr gesehen hatte. Sie hinterließ ein tiefes Loch in ihrer Seele und ein Erbe, von dessen Höhe Patrizia keine Ahnung gehabt hatte. Nachdem sie sich in diese neue Situation hineingefunden hatte, suchte sie verstärkt nach Möglichkeiten, ihm zu helfen. Schließlich las sie von Mephistos Horrorkabinett, wie sie die Firma bei sich nannte. Technical Humanoids for better Realities – Highclass avatars for enlarged joy. Sie musste nicht lange überlegen.
Verwirrt und mit dröhnendem Schädel wacht er aus einem komatösen Schlaf auf. Er weiß nicht sofort, wo er sich befindet oder welcher Tag es ist. So etwas ist ihm früher mal passiert, als er noch Student war. Damals hatte es keine Auswirkungen gehabt, aber jetzt? Er hat gerade erst wieder einen Job gefunden. Nicht die gut dotierte Stelle, aus der man ihn hinauskomplimentiert hat, aber besser als nichts. Noch ist seine Probezeit nicht vorbei, er sitzt auf einem wackligen Posten. Er kann nur hoffen, dass er wegen dieser Fehlzeit nicht hinausgeworfen wird. Langsam ist er zu alt für die Verzögerungstaktik der Arbeitsagentur.
»Liebling?« Sie ist wohl schon bei der Arbeit, nur ein Hauch ihres Parfums hängt wie ein leiser Gruß in der Luft. Mit einem Stoßseufzer vergräbt er das Gesicht in ihrem Kissen, saugt ihren Duft ein, warm und weich. So unendlich vertraut. Er hat geträumt, dass er sie getötet hätte. Allein die Erinnerung an diese Bilder lässt sein Herz krampfen und ihm die Luft knapp werden. Was hat er nur getan?
Doch als er aufsteht und im Badezimmer ihr Badetuch findet, sauber über die Stange des Duschvorhangs gehängt, noch feucht, als er in der Küche den letzten Tropfen Kaffee aus ihrem Becher leckt, sind die Trugbilder des Schlafes für den Moment vergessen. Ein Blick in die Fernsehzeitung versichert ihm, dass es Sonntag ist. Er hat also keinen Tag Arbeit versäumt, Glück gehabt. Entwarnung. Und Patty wird beim Bäcker um die Ecke sein und ganz bestimmt gleich nach Hause kommen. Fröhlich pfeifend setzt er einen frischen Kaffee an und geht ins Badezimmer.
»Schatz?« Patrizias Stimme tönt durch das Rauschen der Dusche.
Er stellt das Wasser ab und steckt den Kopf aus der Dusche. »Wieder zurück, Liebling?«
Sie lehnt sich entspannt lächelnd in die Badezimmertür. »Hast du gut geschlafen?«
»Ja, leidlich.« Mit einem jungenhaften Grinsen streckt er den Arm zu ihr aus. »Komm her zu mir.«
»Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, weißt du. Du wolltest gar nicht wieder aufwachen. Aber dann habe ich gedacht, dass du es wohl nötig hast, also habe ich dich gelassen.« Sie lächelt entschuldigend.
Er winkt ungeduldig ab. »Nun bin ich ja wach.« Dann lächelt und lockt er erneut: »Kommst du jetzt zu mir?«
»So wie ich bin?« Sie deutet lachend auf ihren Chiffonrock und die Seidenbluse. »Ich fürchte, ich muss das Angebot ausschlagen!«
»Bist du dir sicher?« Er schmollt.
Sie zwinkert ihm zu, dreht sich auf dem Absatz herum und schreit einen Moment später spitz auf, als ein Schwall Wasser ihren Rücken trifft.
»Na, jetzt solltest du aber schnell aus den nassen Klamotten heraus. Du holst dir ja sonst den Tod, Liebling.«
»Warum hast du nicht wenigstens warmes Wasser genommen?«, mault sie, als sie sich aus den eiskalten Fetzen schält. »Mir ist kalt!«
»Komm her, dann mach ich dir Feuer unterm Hintern«, murmelt er.
Als sie später durch den Park bummeln, merkt er, wie sie tief Luft holt, als ob sie sich für irgendetwas Mut machen müsste. »Rück damit raus, Liebling, was immer dir auch auf der Seele brennt.«
Ein schneller Blick von ihr, ein Umgebungsscan. Wie viele Menschen sind da? Wird jemand helfen können, wenn … Dann kuschelt sie sich wieder in seinen Arm und fragt leise: »Erinnerst du dich an irgendetwas vor dem Einschlafen?«
Er runzelt die Stirn. »Nicht richtig. Eigentlich gar nicht. Habe ich etwas gemacht? Auf dem Tisch getanzt und schmutzige Lieder gesungen?« Er lacht gezwungen. Der Morgen holt ihn wieder ein. Sein Magen windet sich in einem stählernen Griff. »Was ist passiert, Liebling? Haben wir uns … gestritten?«
Streiten, so nennt er das. Man streitet mit Fäusten, man diskutiert mit Worten. Immerhin ist er konsequent in seiner Begrifflichkeit.
Sie vergewissert sich noch einmal, ob es genügend potenzielle Zeugen gibt. Öffentlichkeit hält ihn in Schach, das hat sie schon vor Langem herausgefunden. Sie schluckt trocken, dann endlich flüstert sie erstickt: »Du hast mich umgebracht.«
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