Warum noch nach Hause? Ich hatte Zeit, sehr viel Zeit. Es wartete niemand auf mich. Das war gut so, unproblematisch. Keiner, der meine Wege störte. Weiber. Schrien nur rum, kommandierten ihre Männer wie Hunde. Ich fragte mich, warum die das erduldeten. Das Unaussprechliche zwischen den Schenkeln ihrer Dompteurinnen konnte doch nicht so viel Macht haben, dass sie ihre Freiheit dafür opferten. Arrogante Zicken. Irgendjemand hatte mal erzählt, dass man früher dachte, dass die Frau aus der Rippe eines Mannes entstanden sei. Schön blöd.
Mein Nachbar stieß mich erneut mit dem Block an. Ich überflog die Zeilen nachlässig, bis ich schließlich an ein paar Sätzen hängen blieb.
»… mehr sein, als Sie sind. Ich kenne das gut, ich war genauso. In uns schlummert ein Gott. Ein zorniger, gefallener Gott, vertrieben aus dem Paradies, der nur darauf wartet, sich die Welt untertan zu machen. Wir sind lediglich Werkzeuge für ihn. Wir selbst zählen keinen Deut. Haben Sie sich gefragt, warum ich schreibe, statt zu sprechen? Ich zeige es Ihnen.«
Er rüttelte an meinen Arm, da ich noch immer gebannt auf das Papier sah. Als ich den Kopf hob, öffnete er den Mund. Dort wo die Zunge sitzen sollte, gähnte eine rotschwarze Höhle, in deren Tiefe sich ein verquollener Fleischstummel in krankhaften Zuckungen wand. Ein Schauer rann mir durchs Mark. Ich blickte angeekelt weg.
»Ich habe den Kampf gewonnen. Ich musste dafür bezahlen, aber ich habe gewonnen. Meine Zunge konnte nicht mehr verkünden, was ER wollte. Ich hätte mir sogar das Herz herausgerissen, wenn es mir möglich gewesen wäre. Aber lebend bin ich für die Welt, in der wir leben, eine größere Hilfe. Und wir wollen doch leben, nicht wahr? Sie wollen doch auch morgen noch aufstehen, hinausgehen, arbeiten und sich mit Freunden treffen. Oder nicht?«
Ich schwieg. Er tippte nachdrücklich mit seinem Zeigefinger auf den letzten Satz.
»ODER NICHT?«
Etwas in mir zerbrach. Scherben dunkler, weggeschobener Träume fielen klirrend in mir zu Boden. Sie rissen mit ihren salzscharfen Kanten Löcher in mein Fleisch. Ätzende Säure pulste durch meine Adern, und ehe ich es mich versah, lagen meine Hände um seinen dürren Hals. Er zitterte leicht. Trotzdem schrieb er, ohne hinzusehen, weiter.
»Wir sind nicht allein. DU kannst uns nicht stoppen.«
Mein Griff verstärkte sich. Ich spürte den Widerstand seines Kehlkopfes und ich wusste, dass er bald brechen würde. Nur noch etwas mehr, dann würde er nicht einmal mehr schreiben können. Hatte er sich nicht ohnehin in seinem Wahn verstümmelt? Ich würde nur zu Ende bringen, was er nicht geschafft hatte, der dreckige Verlierer. Denn ich war nicht wie er!
»Hast du noch eine Kippe über?« Ruckartig drehte ich meinen Kopf zu der bittenden, verhuschten Stimme. Das Mädchen hatte sich wieder zurück geschlichen, doch jetzt war keine Unterwürfigkeit in ihrem Blick. Sie trat blitzschnell in meine Kniekehlen. Während ich wegknickte, folgte ein harter Schlag in den Nacken. Dann wurde es dunkel um mich.
Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich in einem weiß getünchten Raum wieder. Ich saß in aufrechter Stellung in einem Sessel und sah mich in einem großen Wandspiegel. Ich versuchte, Arme und Beine zu bewegen, doch mein gespiegeltes Ebenbild log nicht: Ich war gefesselt. Ich begann zu zittern. Ein Winseln brach sich an den kalkweißen Wänden, das ich nur allzu gut kannte. Es war das angstvolle Fiepen, das mich in den letzten Jahren immer wieder aus dem Schlaf gerissen hatte und das mir umso mehr Angst einjagte, als ich feststellen musste, dass es aus meiner Kehle drang. Ich wandte den Blick ab. Ich wollte das Wrack nicht sehen, das mir von der Wand entgegenblickte. Das war ich nicht, das war nicht ich, das war ich nicht! Ich verbiss mich in dem groben weißen Stoff, in den man mich gekleidet hatte, und verharrte so, blind, taub, abwesend. Die Augen waren gegen jenen Wahn fest verschlossen. Das Hirn: leergespült. Nur nicht nachdenken! Bald würde ich aus diesem Traum aufwachen. Ich würde aufstehen, duschen, mich ankleiden und in die Sicherheit des Stahls fliehen. Bald schon …
Ich verlor jegliches Zeitgefühl. Da gab es kein tickendes Maß mehr, nur das eckige Schaukeln meines Körpers und das Knarren der breiten Lederriemen, die Arme und Beine fixiert hielten.
Irgendwann hörte ich das leise Zischen einer hydraulischen Tür, dem das Klacken flacher Absätze folgte. Sie stoppten in meiner Nähe, aber ich biss nur noch fester in den Stoff. Noch immer blind – aber nicht länger taub.
»Gute Arbeit, Kröger. Nicht jeder kann einen kontrollierten Ausbruch so gekonnt provozieren, wie Sie.« Die Stimme klang tief, fest und souverän. »Wie haben Sie es diesmal geschafft?«
Papier raschelte, ein Stift kratzte. Die erste Stimme lachte dröhnend auf.
»Die alte Masche also, gut, gut. Dabei sollte man meinen, dass in unserer aufgeklärten Zeit niemand mehr an den Teufel glaubt. Grüßen Sie mir Ihre Partnerin. Einen besseren Katalysator kann man sich nicht wünschen. – Na, dann wollen wir mal.«
Die Schritte näherten sich mir. Ich hörte ein behäbiges Schnaufen. Dumpfer Atem strich kurz über mein Gesicht. Übelkeit winkte fröhlich vom Rand meiner Befindlichkeit herüber. Ich presste die Augen noch fester zusammen, sodass ein grellrotes Feuerwerk in meinem Hirn explodierte. Dann zwangen grobe Finger meine Lider auseinander. Ich starrte in zwei blaugraue Augen, von tiefen Augenringen umwuchert.
»Sie können sich entspannen, Freund. Wir werden Ihnen helfen. Alles wird gut.«
Er richtete sich wieder auf. »Erinnern Sie sich an den letzten Vorfall?« Nachlässig schob er einen Stuhl heran und ließ sich schwer hineinfallen. Dann verschränkte er abwartend die Arme. Ich starrte ihn stumm an, unfähig zu sprechen, geschweige denn zu denken. Dann drehte ich langsam den Kopf und sah den anderen, den schmierigen Propheten aus dem Lokal. Kröger hieß er also. Das musste ich mir merken.
»Erinnern Sie sich an den Kampf? Sie haben die Kontrolle verloren, mein Freund.«
Ich war nicht sein Freund. Er war auch nicht meiner.
»Das ist nicht gut, müssen Sie wissen. Das ist gar nicht gut. Sie sind gemeingefährlich.«
Ich verzerrte mein Gesicht zu einem irren Grinsen. »Buh.«
Er zeigte sich nicht beeindruckt.
»Stellen Sie sich vor, was alles hätte geschehen können, wenn wir nicht gewesen wären. Sie hätten jederzeit explodieren können. Und was dann? Dann wäre das Geschrei groß gewesen. Und das zu recht. Es gibt immerhin so etwas wie eine staatliche Aufsichtspflicht.«
Er rieb sich selbstzufrieden das Kinn. »Vielen Dank, Kröger.«
Der zungenlose Lockvogel nickte und wandte sich zum Gehen. Sein skeptischer Blick streifte mich. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, das konnte ich sehen.
»Man wird sich um Sie kümmern.« Mit einem resignierten Ächzen erhob sich der Kerl.
Ich ahnte, dass jetzt die Weichen gestellt wurden – in welche Richtung auch immer. Daher zwang ich mich zu einer Reaktion.
»Wie?«
Er sah auf mich herunter und ich konnte förmlich sehen, wie er die Für und Wider abwog, es doch mit mir zu versuchen – was »es« auch immer sei.
»Wollen Sie wieder nach Hause?«
Ich nickte.
»Dann haben Sie Vertrauen. Wir werden Ihnen ein Implantat einsetzen. Es befindet sich noch in der Testphase, aber es wird Sie soweit stabilisieren, dass Ihre Aggressionen auf das Mindestmaß reduziert werden. Das einzige Messer, das Sie zielgerichtet in die Hand nehmen werden, wird das Buttermesser sein. Nichts und niemand wird Sie je wieder so provozieren können, dass Sie Gewalt anwenden werden – weder körperlich noch geistig. Na, wie klingt das?«
Ich hörte zu, dachte nach. Es klang alles verlockend. Keine Träume, keine Einflüsterungen in einsamen Nächten – alles würde wieder in seine rechte Ordnung fallen. Mein kleines, durchgeplantes Leben zwinkerte mir, dem Rädchen aller Rädchen, zu. Doch eine Frage blieb:
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