Ankunft am Nordkap, im Norden Norwegens
2. Juli 2016
Auf den letzten 600 der insgesamt rund 5000 Kilometer von daheim aus bis ans Nordkap lebe ich auf meinem Fahrrad völlig azyklisch. Die Nächte werden zu meinen Tagen, die Tage zu meinen Nächten. Dafür gibt es einen Grund: Nur eine Straße führt zum Nordkap, die E6, die später zur E69 wird. Auf ihr sind unzählige Trucks, Wohnmobile, Motorräder und Reisebusse unterwegs, denen ich ausweiche, indem ich nachts radle und am Tag ruhe. Wobei mir die Nächte hier eher wie eine ewig lange Dämmerung erscheinen. Es ist, als reise die Sonne endlos um einen herum und tauche nur für ein paar Stunden am Horizont unter, bevor sie sich wieder zeigt. So wird auch die Nacht zum Tag. Die Menschen hier haben trotzdem ihren Rhythmus, dem ich mich aber, wie gesagt, bewusst entziehe. Die Stille der Polarnächte, wenn die Menschen schlafen, ist einfach nur schön. Ich beobachte Rentiere, wie sie aus ihren Verstecken kommen und im satten Grün weiden. Vögel, die auf der Suche nach Nahrung sind, um ihre Brut zu füttern. Elche, die gut getarnt hinter einem Baum hervorlugen. Und zum Meer hin sehe ich Robben wie auftauchende U-Boote durch die Wasseroberfläche pflügen, was die Möwen aufschreckt, die kreischend miteinander kommunizieren. Beobachtend fühle ich mich als Teil dieser Tierwelt und spüre eine tiefe innere Ruhe.
Kurz vor dem Ziel erreiche ich das Land der Samen. Die Samen sind ein indigenes Volk, dessen Siedlungsgebiet sich von der schwedischen Gemeinde Idre im Süden über die nördlichen Teile Schwedens, Norwegens, Finnlands und bis zu den Küsten des Weißen Meeres und der Barentssee im Norden Russlands erstreckt. Sie leben hauptsächlich vom Fischen und von der Robbenjagd. Ich bin Alpinistin, und zum Meer habe ich nicht denselben Zugang wie zu den Bergen. Doch die große Empfindsamkeit der Samen gegenüber der Natur beeindruckt mich zutiefst. Auch wenn sie von der sogenannt zivilisierten Welt gern als unsensibel und rau empfunden werden, sind sie für mich vielmehr mit einer Urkraft verbunden, die Sensibilität mit einschließt. Einer Kraft, die, da bin ich mir sicher, in jedem von uns schlummert. Sie macht das wahre Wesen von uns Menschen aus, und das seit Jahrtausenden. Sie ist aber eine Kraft, die in unserer zivilisierten Welt mehr und mehr verkümmert. Viele spüren sie nur noch als diffuse Sehnsucht, die sie nicht wirklich beschreiben und schon gar nicht deuten können. Wohl auch deshalb boomen die vielen Angebote für uns Westler, für viel Geld über Feuer zu laufen oder im Wald übernachten zu dürfen, um uns selber wieder ein Stück näherzukommen.
Die letzten 150 Kilometer meiner ersten Etappe zum Nordpol nehme ich um Mitternacht in Angriff. Meine Beine sind müde und schmerzen, habe ich doch in den vergangenen zwei Wochen jeden Tag mindestens zehn, manchmal auch vierzehn Stunden im Sattel gesessen. Dies bei Regen, Wind und Sturm und nur wenigen, kurzen sonnigen Phasen. Doch heute scheint die Natur das Durchhalten zu belohnen. Die Winde haben von Nord auf Süd gedreht und bescheren mir bald einen unglaublich warmen und sonnigen Tag mit Rückenwind. Ein Geschenk des Himmels. Nach 42 Tagen und rund 5000 gefahrenen Kilometern auf meinem Tourenvelo erreiche ich am 2. Juli das Nordkap. Ich atme die klare Luft ein, den kräftigen Geruch des Meeres und den herben Duft einer wilden, kargen Graslandschaft. Gleichzeitig merke ich, wie sehr ich mich an die Einfachheit des Unterwegsseins, das stundenlange, tagelange, wochenlange monotone Treten auf dem Fahrrad gewöhnt habe. Schon lange freue ich mich auf das Nordkap, aber jetzt, jetzt möchte ich am liebsten nicht ankommen.
Ich kenne das. Mit jedem Ziel, das ich mir in den Kopf setze und unbedingt erreichen möchte, gehe ich vorher mehrere Monate, manchmal auch jahrelang schwanger. Das bedeutet, dass ich durch eine lange Planungs- und Identifizierungsphase gehe, bevor ich die Idee umsetze. Habe ich mich einmal zu hundert Prozent auf ein Ziel eingestimmt, bin ich enorm gut darin, meinen Fokus ganz auf diese eine und einzige Sache zu richten und mich dieser einen und einzigen Aufgabe vollkommen hinzugeben. Das Erreichen des Nordkaps mit dem Tourenvelo ist zwar erst das erste Zwischenziel auf dem Weg zum Nordpol. Aber – als eine sich von den anderen Etappen abgrenzende Disziplin – doch ein eigenständiges Unternehmen.
Jetzt muss ich mir keine Sorgen mehr darüber machen, ob mein Schlafsack trocken ist oder nass. Ich muss mich nicht mehr darum kümmern, ob ich genug zu essen habe. Es braucht mich nicht mehr zu belasten, ob sich die Entzündung an meinen Fußballen verschlimmern wird. Ich bin am Ziel. Das Ankommen bedeutet gleichzeitig auch ein Loslassen. Die Leitplanken, die mir mein Ziel vorgegeben und nach denen sich mein Alltag in den vergangenen Monaten ausgerichtet hat, sind weg.
Aber genug sinniert. Jetzt genieße ich den Augenblick. Morgen – nachdem ich die Nacht nach 22 Stunden ohne Schlaf in meinem Zelt unweit des Nordkaps an einem kleinen See verbracht haben werde – lasse ich dieses Zwischenziel los. Dann geht es mit dem Fahrrad zum nächsten Hafen und von dort per Schiff und Flugzeug nach Hause.
Morgen. Für heute ist es getan. Ich habe es geschafft.
ETAPPE 2 | Tasiilaq >> Umivik Bay >> Nansen-Route >> Nuuk (Grönland) | Luftdistanz 450 km – Laufdistanz 600 km
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