Noch nervenaufreibender waren die ständigen Anrufe ihrer Mutter. Dieses flehentliche Drängen, hochkarätige Journalistenkollegen zu ihrer Ausstellung zu dirigieren, keinesfalls den Termin zu vergessen. Die Angst, die daraus sprach. Das fahrige, überspannte Gerede, das nur um das eigene Ego kreiste und von empörendem Desinteresse bezüglich ihrer Tochter geprägt war. Der Alkoholkonsum, der bei jedem Gespräch spürbar war. Manchmal war es Johanna, als würde ihr die Schnapsfahne schon aus dem Telefonhörer in die Nase steigen. Sie musste mit Grauen daran denken, dass die Vernissage von Tag zu Tag näherrückte.
Bisweilen beschlich sie das Gefühl, nur noch von den Schicksalen anderer angetrieben zu werden und gar kein eigenes Leben mehr zu führen. Immer wieder überlegte sie, ob es nicht das Beste sei, das morsche Hexenhaus zu verkaufen, Walsrode zu verlassen und in eine Großstadt zu ziehen. Eigentlich war sie doch nur wegen ihres Freundes hergekommen, und jetzt hielt sie hier allein die Stellung. Auf verlorenem Posten.
Andererseits fühlte sie sich nicht unwohl in der selbst ernannten Hermann-Löns-Stadt. Walsrode gefiel ihr. Das überschaubare Zentrum – die Eckernworth, dieser wunderbare Stadtwald mit den riesigen Buchen und Eichen, den Hügeln und Forellenteichen. Die netten Leute, und schließlich auch die Lage zwischen Hamburg, Bremen und Hannover. Man lebte im Grünen und war trotzdem binnen einer Stunde in jeder dieser drei Städte.
Die eher kleine Frau mit den dunkelbraunen, halblangen Haaren und der Vorliebe für Perlenketten war auch nicht in der Gefahr zu vereinsamen. Durch ihren Freund Jens hatte sie etliche Menschen kennengelernt, zu denen sie nach der Trennung weiter Kontakt hielt. Dazu zählte auch Sabine, eine frühere Arbeitskollegin ihres Verflossenen. Am Rande hatte sie schon vor längerer Zeit mitbekommen, dass deren Bruder im Gefängnis saß. Sie wusste von dem Wirbel, den der Mord an der Schülerin seinerzeit in Walsrode nach sich gezogen hatte. Immer wieder wenn sie über andere Kriminalfälle geschrieben hatte, war sie darauf hingewiesen worden – auch von ihrem früheren Partner.
Johanna verließ Walsrode in Richtung Fulde. Zur Linken lag das Eckernworth-Stadion, von dem am Wochenende oft das Schreien und Johlen der Fußballspieler und ihrer Fans zu hören war. An diesem Freitagmorgen war es still.
Sie hatte sich von ihrer Freundin ausführlich über den Fall berichten lassen, alle größeren Zeitungstexte, die Anklageschrift und die Urteilsbegründung gelesen. Sabine hatte ihr außerdem eine Aufstellung über Personen angefertigt, die mit dem Fall in Verbindung gestanden hatten. Das waren nicht wenige. Denn die Schülerin Annika hatte einen großen Bekanntenkreis, ebenso Mathias Mahnke, der in Walsrode aufgewachsen war und dort zuletzt mehrere Jahre unterrichtet hatte. Auf der Liste standen auch Männer, die aus Sabines Sicht theoretisch als Täter in Frage kamen – vor allem Mitschüler Annikas. Dazu zählte Heiko Hansen, ein Bauernsohn, der immer noch in Fulde leben sollte, mittlerweile offenbar den Hof seiner Eltern übernommen hatte. Der Hof lag unmittelbar am Weg zum Grundlosen See. Johanna nahm sich vor, einen Blick darauf zu werfen.
Schon von weitem hörte sie das wütende Brüllen der Motorsäge. Als sie näher kam, war sie sicher, dass es der Hof der Hansens war, auf dem gesägt wurde. Ein Mann in schmutzig grünem Overall war damit beschäftigt, eine Reihe von hoch aufgeschossenen Fichten umzulegen. Krachend schlug gerade einer der Nadelbäume zu Boden, sodass der Mann die Säge abstellte und eine kurze Verschnaufpause einlegte. Johanna vermutete, dass es sich um Heiko Hansen handelte. Sie beschloss, die Gunst des Zufalls zu nutzen.
Sie winkte dem Mann mit der Motorsäge zu, stieg vom Rad. »Entschuldigung, können Sie mir bitte sagen, wie ich zum Grundlosen See komme?«
»Kein Problem, immer geradeaus, bis der Asphaltweg in Kopfsteinpflaster übergeht und in den Wald führt. Dann geht es irgendwann rechts ab. Müsste aber auch irgendwo ’n Schild stehen.«
»Vielen Dank.«
»Nich’ dafür.«
Sie sah, dass dem Mann Schweißperlen auf der Stirn standen, das mittelblonde Haar war klitschnass.
»Na, wird einem mächtig warm beim Sägen, was?«
»Kann man wohl sagen.« Lächelnd wischte sich der Mann mit der freien Hand den Schweiß von der Stirn. In der anderen Hand hielt er weiter seine »Stihl«. »Das is’ so beim Holz, da wird einem gleich zweimal warm«, fuhr er in leicht schleppendem Ton fort. »Das erste Mal beim Sägen und das zweite Mal, wenn man vorm Ofen sitzt.«
Johanna war sicher, dass sie den Spruch schon mal gehört hatte. Trotzdem lachte sie, als sei sie gerade mit einem Geistesblitz beschenkt worden. »Das ist gut. Ist natürlich auch ideal, wenn die Bäume direkt vor der Haustür wachsen und wenn man noch einen Ofen hat, mit dem man Holz verbrennen kann.«
»Das ist wohl wahr. Bei den Öl- und Gaspreisen! Na ja, zum Glück läuft unsere ganze Heizung mit Holz. Was Besseres gibt’s gar nicht.«
»Ich habe auch einen Kaminofen in meinem Häuschen. Aber ich bin einfach zu faul, das Holz ins Haus zu schleppen und die Asche rauszubringen. Da stelle ich dann schon lieber die Gasheizung an.«
»Wo wohnen Sie denn?«
»Ach, in Benzen, bisschen außerhalb hinter dem großen Spargelhof am Waldrand.«
»Ah ja, die Ecke. Kenn ich.«
»Und Sie? Sie sind hier wahrscheinlich auf dem Hof geboren.«
Heiko Hansen legte die Säge auf einem Baumstumpf ab und wischte sich einen Marienkäfer vom Jackenärmel.
»Sie haben’s erraten. Das ist so bei uns Bauern. Wir bleiben da hängen, wo wir hingeboren werden.« Er räusperte sich kurz und streckte ihr seine rechte Hand hin. »Hansen, Heiko Hansen.«
»Johanna von Seewald.«
Als sie in Hamburg und Bremen gelebt hatte, wäre es ihr nicht im Traum eingefallen, sich mit dem Adelsprädikat vorzustellen, aber in Walsrode war es anders. Sie spürte, dass die Leute hier ihr mit einem »von« im Namen größeren Respekt entgegenbrachten.
Der Händedruck hatte nichts holzfällermäßig Hartes, sondern war eher weich. Die Hand fühlte sich warm und feucht an. Johanna sah, dass Hansen am Handrücken blutete. »Haben Sie sich verletzt?«
»Ach was, kein Ding. Bloß ’n Kratzer. So was kommt vor.«
»Müsste man nicht eigentlich Schutzhandschuhe tragen?«
Heiko nickte anerkennend. »Oh, Sie kennen sich aus. Ja, normalerweise müsste man Schutzhandschuhe tragen und so ’n komischen Helm auch, aber das ist mir alles zu unbequem.«
»Kann ich verstehen, aber passen se bloß auf. Mit so ’ner Motorsäge ist nicht zu spaßen.«
»Da haben Sie wohl recht.«
Johanna spürte, dass sich das Gespräch totzulaufen begann. Sie setzte einen Fuß aufs Fahrradpedal und deutete an, dass sie ihre Fahrt fortsetzen wolle.
»Na, dann will ich Sie mal nicht mehr länger von der Arbeit abhalten.«
»Ach, ’ne kleine Pause muss schon drin sein. In einem fort geht das hier sowieso nicht.« Damit griff er auch schon wieder nach seiner Säge. »Na, dann viel Spaß am Grundlosen See. Und verlaufen Sie sich nicht. Das Moor ist tückisch. Eh man sich versieht, ist man eingesunken.«
»Sprechen Sie aus Erfahrung?«
»Na zum Glück nicht. Aber Sie kennen doch sicher die Geschichte vom Knaben im Moor.,O schaurig ist’s übers Moor zu gehen, wenn es wimmelt vom Heiderausche …«
Johanna war überrascht, dass dieser Jungbauer plötzlich mit der Rezitation der berühmten Ballade begann. Das ermutigte sie, doch noch den Fall anzusprechen, der sie eigentlich zum Grundlosen See führte. »Hier soll es ja vor einigen Jahren wirklich mal schaurig im Moor zugegangen sein«, begann sie. »Ich habe gehört, dass hier ein Mädchen umgebracht worden ist.«
Die Miene ihres Gegenübers verfinsterte sich. »Ja, das war wohl so. Aber das ist lange her.«
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