»Da wären wir.«
Sören war wie betäubt, als Sabine vor ihrer Garage parkte. Kaum war er ausgestiegen, sah er auch schon den Mann, der aus der Haustür trat – den gleichen Typen, den er zuletzt auf dem Sportplatz gesehen hatte. Der hagere Mann mit den grauen Haaren und wachen Augen ging schweigend auf Sören zu, nahm ihn in die Arme und drückte ihn. Drückte ihn fest, ganz fest. Schließlich ließ Mahnke seinen Sohn leicht beschämt aus der Umklammerung frei.
»Entschuldige, dass ich dich so überfalle, Sören. Herzlich willkommen, schön, dass du da bist.«
»Hallo.«
Das Wort »Papa« lag ihm auf der Zunge. Doch er brachte es nicht über die Lippen. Bei all der Nähe, die hier plötzlich aufkam, war ihm dieser Mann, der gerade aus dem Gefängnis entlassen worden war, immer noch fremd.
Im Wintergarten war der Kaffeetisch gedeckt. Zerbrechlich dünne Tassen und Teller aus feinem Porzellan mit blauen Blumenornamenten erwarteten die Kaffeegesellschaft, Meißener Porzellan. Fast schienen Sören diese Gedecke, die Vase mit den Astern und die weiße Damastdecke ein wenig zu festlich für die Zusammenkunft. Aber das war nur ein flüchtiger Gedanke. Kaum hatte er Platz genommen, servierte Sabine auch schon ihren Käsekuchen. Ohne zu fragen, legte sie ihm ein großes Stück auf.
»Selbst gebacken, ich hoffe, er schmeckt dir.«
»Wenn er so gut schmeckt, wie er aussieht, bestimmt.«
Höflichkeitsfloskeln. Sören empfand die Atmosphäre als ziemlich steif in dieser schicken, aufgeräumten Wohnung mit den glänzenden Holzdielen, dem Kamin mit Stuckaufsatz, der Ledergarnitur im Wohnzimmer und den wahrscheinlich kostbaren Gemälden im Wintergarten. Die vielen großen Fenster vermittelten das Gefühl, in dem dahinterliegenden Garten zu sitzen, in dem Astern, Dahlien und Rosen in verschiedenen Farben blühten; Schilfohr umrahmte einen kleinen Teich mit Seerosen.
Sabine folgte Sörens Blick. »Wir hätten uns eigentlich auch nach draußen setzen können, bei dem schönen Wetter.«
»Schon okay, wir können ja nachher noch einen Spaziergang oder so machen, wie du gesagt hast«, erwiderte Sören.
»Auf jeden Fall. Wir gehen durch die Eckernworth, ist gleich nebenan, wunderschön, vor allem jetzt im Spätsommer.«
Dann wandte Mathias Mahnke sich wieder seinem Sohn zu: »Hättest du nicht heute Fußballtraining gehabt?«
»Eigentlich schon, aber ich hab abgesagt – auch das Spiel am Sonntag.«
»Da sind deine Mannschaftskameraden wahrscheinlich ziemlich traurig.« Mit einem Blick auf seine Schwester fügte Mahnke an: »Sören ist nämlich ein Super-Fußballer. Ich hab ihn beobachtet, der hat wirklich Talent – und einen Mordsschuss.«
Etliche Fragen schlossen sich an. Fragen, die um das Thema Fußball kreisten. Schließlich baute sein Vater eine Brücke, um zu einem ernsteren Thema überzuleiten. »Ich hätte dir ja gern noch öfter beim Training und bei den Spielen zugesehen. Aber deine Mutter ist leider nicht so begeistert davon, wie du weißt.«
Sören sah verlegen nach draußen, Sabine schob ihre Brille hoch. Eine Wespe ließ sich auf dem Käsekuchen nieder, man ließ sie gewähren.
»Man muss sie verstehen«, fuhr Mahnke fort. »Das ist natürlich nicht so leicht, wenn der Mann ins Gefängnis kommt und man das Kind eines verurteilten Mörders großziehen muss.« Er bemerkte, dass Sören erschreckt auffuhr und seine Schwester ihm einen strafenden Blick zuwarf. »Entschuldigung, aber man muss der Realität schon auch ins Auge sehen. Und das Wichtigste, was ich dir heute begreiflich machen möchte, ist ja eben, dass du nicht der Sohn eines Mörders bist. Ich hätte dir das gern alles erspart und lieber mit dir über Fußball und deine Schule gesprochen, aber es führt leider kein Weg daran vorbei.«
Sören nickte, Sabine richtete wieder ihre Brille. Mathias Mahnke strich sich mit dem Mittel- und Zeigefinger der rechten Hand über die Stirn und lenkte den Blick zurück auf die Ereignisse vor siebzehn Jahren – auf die Zeit, als er noch Gymnasiallehrer in Walsrode gewesen und gerade Vater eines kleinen Jungen geworden war.
Sören hörte gebannt zu, fragte nach, hielt den Atem an. Im gleichen Maße wie er Verständnis und Mitgefühl für seinen Vater entwickelte, wuchs der Zorn auf seine Mutter.
Sein Vater hielt inne, musterte ihn und seufzte. »Mein Gott, Sören, ich rede und rede und denke überhaupt nicht mehr darüber nach, was ich dir hier zumute. Aber das übermannt einen einfach immer wieder. Ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst?«
Er wartete die Antwort nicht ab. »Es ist mir einfach unheimlich wichtig, dir zu sagen, dass ich nicht dieses Scheusal bin, zu dem sie mich gemacht haben, verstehst du?«
»Klar verstehe ich das. Und ich glaub dir, Papa.«
Unwillkürlich legte Sören seine Hand auf die Hand seines Vaters. Mathias Mahnke warf den Kopf zurück und atmete tief durch, um die Rührung zu unterdrücken, die ihn überkam. »Danke, Sören. Danke, dass du mir vertraust, und danke, dass du mich Papa genannt hast.« Er räusperte sich. »Aber dass du mich richtig verstehst: Ich will dich nicht vereinnahmen, ich will mich nicht in dein Leben drängen. Du sollst frei entscheiden, verstehst du?«
»Schon klar.«
Sabine hatte die ganze Zeit über geschwiegen. Jetzt durchbrach sie die aufkommende Beklemmung, indem sie sich Sören mit einer harmlosen Frage zuwandte: »Noch ein Stück Käsekuchen?«
Kurze Zeit später ließ Sören sich von den beiden durch die Eckernworth führen. Die Blätter begannen sich schon zu färben. Erste Gelb- und Rottöne mischten sich in das Grün der Buchen, Birken und Eichen. Strahlen der Abendsonne brachen durch das dichte Laubwerk und warfen zitternde Lichtflecke auf den Waldboden. Das Gehölz war schmal, zog sich aber oberhalb des Fuldetals über zwei, drei Kilometer wie ein Hügelkamm durch eine urwüchsig anmutende Waldlandschaft. Durch das Geäst der Laubbäume schimmerte das Wasser der tiefer liegenden Fischteiche. Während die drei über den hochgelegenen Waldweg spazierten, flog ein großer grauer Vogel von dem Wasser im Tal auf.
»Ein Graureiher, auch Fischreiher genannt«, erläuterte Sabine. »Hat sich wahrscheinlich gerade bedient.«
»Schöner Anblick«, kommentierte ihr Bruder.
»Wahrscheinlich nicht für den Teichwirt«, erwiderte Sabine.
Mathias Mahnke nickte lächelnd. »Das alte Spiel. Aber auch sonst ist hier in der Eckernworth zum Glück alles beim Alten geblieben. Da sieht es in der Stadt schon anders aus. So manches Geschäft ist verschwunden, und nicht überall, wo ein alter Kaufmann ausgezogen ist, ist ein neuer wieder reingegangen.«
»Nur die Billigläden und Discounter werden immer mehr, ansonsten sieht es hier ziemlich düster aus«, ergänzte Sabine.
Eine Joggerin mit rotem Stirnband schnaufte vorbei.
»Eine Fitnessjüngerin im Lönswald«, spöttelte Mahnke. »Diese Jogger sieht man jetzt überall, das hat scheinbar enorm zugenommen.«
»Irgendwas muss man ja auch tun, wenn man den ganzen Tag rumsitzt«, sagte Sabine und wandte sich Sören zu: »Joggst du auch oder reicht dir dein Fußballtraining?«
»Laufen gehört zum Training, das reicht mir.«
Als sie gerade den »Jungbrunnen« passierten, das sandige Auffangbecken eines kleinen Wildbachs, arbeiteten sich zwei Frauen mit Kunststoffstöcken und verbissenem Gesichtsausdruck an ihnen vorbei.
Mahnke machte aus seiner Verwunderung kein Hehl. »Was ist das denn? Üben die für Ski-Langlauf?«
»Das ist Nordic Walking«, erläuterte Sabine. »Man merkt, dass du lange Zeit weg warst.«
»Sieht ziemlich verkrampft aus.«
»Wird aber von Ärzten empfohlen, weil es angeblich die Schultermuskulatur lockert.«
»Na super! Die Freizeitindustrie jubelt wahrscheinlich. Endlich hat man den Leuten das unprofitable Spazierengehen ausgetrieben und ihnen eingeredet, dass sie sich nur noch mit Stöcken vorwärtsbewegen können.«
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