Ken Zhang und Drogen? Wie absurd. Es wäre übertrieben gewesen zu behaupten, sie hätte den chinesischen Assistenten gut gekannt, aber Leo hatte ihn nie anders als sehr nüchtern |35|und intelligent erlebt; ein höflicher, ehrgeiziger junger Geschäftsmann, der es zu etwas bringen wollte.
Irgendetwas war faul an der ganzen Geschichte.
Und das Smartphone! Sie hatte es völlig vergessen. Leo tastete nach der Innentasche ihrer Jacke, in die sie das rätselhafte schicke Ding gesteckt hatte. Jetzt würde es keine Gelegenheit mehr geben, es Zhang zurückzugeben. Wenn es überhaupt ihm gehörte. Aber wem sonst?
Sie sah noch einmal die gestrige Szene vor sich, wie Kong seinen Assistenten heruntergeputzt hatte und wie nervös der schon vorher die ganze Zeit gewesen war. Er hatte Angst gehabt.
Vor Mister Kong konnte man sich auch fürchten. Vielleicht gab es so etwas wie ein Fieser-Chef-Gen. Falls ja, besaß Irene Sorghut es ebenfalls.
Leo war gerade fertig mit den Konferenzräumen, als sie auftauchte.
»Frau Heller. Wie kommen Sie dazu, sich einfach über alle Anweisungen hinwegzusetzen?«
Wieso alle, dachte Leo. Es war doch nur eine?
»Der Lieferwagen hat abends wieder auf dem Hof der Gärtnerei zu stehen, verstanden! Und die Sackkarre ist auch verschwunden, wie ich gehört habe. Glauben Sie, ich habe eine kleine Fabrik im Keller, um die Dinger auf Vorrat zu produzieren? Die Kosten für eine neue werde ich Ihnen selbstverständlich vom Lohn abziehen.«
Oh. Na ja, das konnte ja hoffentlich nicht so viel sein.
»Und jetzt die Autoschlüssel, wenn ich bitten dürfte.«
Leo suchte noch nach einer einigermaßen passenden Antwort, als Irene Sorghut ihren letzten Schuss abfeuerte. »Im |36|Übrigen brauchen Sie morgen nicht wieder zum Dienst zu erscheinen.«
Kommentarlos ließ Leo die Schlüssel in die ausgestreckte Hand fallen und blickte Irene Sorghut mit einer Mischung aus Schreck, Wut und Erleichterung hinterher. Sie versuchte sich damit zu trösten, dass eine diplomierte Gartenarchitektin reichlich überqualifiziert für diesen Job war. Aber immerhin war es Arbeit gewesen.
Hoffentlich war der Lieferwagen vom Parkplatz verschwunden, bevor sie in Versuchung kam, einen der Reifen zu zerstechen.
Leo brachte es nicht fertig, einfach zu verschwinden. Der Lotus konnte nichts dafür, dass er in der Gärtnerei dieses Giftzahns herangezüchtet worden war, er musste aus der Wanne raus und endlich ins Wasser. Sie ging zurück in Halle 24, um die Lage am Stand zu peilen. Das Absperrband war verschwunden, offenbar hatte die Kommissarin doch ein Einsehen gehabt. Und irgendwer hatte Leos Arbeit bereits erledigt, die Lotusblüten trieben im Wasser und sahen hübsch aus. Überhaupt hatte sich der ganze Stand wie durch Zauberei in eine durchdachte Anlage verwandelt, die ihre Wirkung nicht verfehlte. Der asiatische Miniaturgarten zog jedenfalls sofort die Aufmerksamkeit auf sich, ebenso das riesige Banner mit den drei Affen und dem Schriftzug Black Ape One. Kong Solutions , das in der Zwischenzeit über die gesamte Rückwand des Standes ausgebreitet worden war.
Black Ape? Schwarzer Affe? Klang wie etwas, das man rauchen konnte. Und das einem anschließend üble Halluzinationen bescherte.
|37|Leo starrte es an. Das gleiche Logo wie auf dem Smartphone in ihrer Tasche.
Zwei Mitarbeiter Kongs, die sie vorher noch nicht gesehen hatte, waren eifrig damit beschäftigt, letzte Stäubchen von den glänzenden Oberflächen zu wischen und etwaige Fingerabdrücke von den ausgestellten Handys wegzupolieren, alle mit diesem auffälligen Affen-Logo.
Eine nervöse Spannung lag in der Luft, das Gerücht, dass die Kanzlerin und ihr Wirtschaftsminister bereits eingetroffen seien, flog von Stand zu Stand. Mister Kong war nirgends zu sehen, aber vermutlich würde er jeden Moment hier aufkreuzen. Zeit zu verschwinden. Leo warf einen letzten Blick auf das Banner und tastete nachdenklich nach Ken Zhangs Handy in ihrer Tasche.
Draußen vor der Messehalle blieb sie einen Moment unschlüssig stehen. Ein Polizeihubschrauber flog über dem Messeschnellweg, kam näher und begann, dröhnend über dem Messegelände zu kreisen. Leo bog in die Europaallee ein.
In der Polizeistation hatte die neue Schicht begonnen. Eine junge Frau mit rot gefärbtem Stoppelhaar saß hinter einem Computer, ein älterer Mann telefonierte.
Der rote Igel sah vom Bildschirm auf. »Ja bitte?«
»Ich hab nur eine Frage, wegen des Toten in Halle 24 … wegen Ken Zhang.«
Die Polizistin blickte freundlich, aber wachsam.
»Weiß man inzwischen schon, ob er … ich meine, wie er …« Plötzlich konnte Leo die einfache Frage nicht mehr formulieren.
»Die Todesursache?«
Leo nickte.
|38|»Warum interessiert Sie das?«
»Er war ein Kollege«, behauptete Leo. Es gelang ihr, einen selbstverständlichen Tonfall zu treffen. »Und zwar ein sehr netter«, fügte sie vorsichtshalber noch hinzu.
Der Beamte hatte sein Telefonat inzwischen beendet und wandte sich um. »Wie ist Ihr Name?«
»Leonore Heller.«
Er durchblätterte einen Papierstoß.
»Wir können Ihnen keine …« setzte seine Kollegin erneut an, doch offenbar hatte die Prüfung der Unterlagen ein interessantes Ergebnis; möglicherweise stand auch nur Leos Name auf irgendeiner verdächtigen Liste.
»Wie war denn die Party?«, fragte der Polizist.
»Was für eine Party?«
»Nun kommen Sie schon. Haben Sie als nette Arbeitskollegin nicht mal den einen oder anderen Joint mit Herrn Zhang geraucht? Vielleicht auch letzte Nacht? Natürlich ohne die zugegeben vage Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass jemand ertrinken könnte, weil er völlig zugekifft ist. Leider ist genau das passiert.« Der Blick, den er Leo zuwarf, war rasiermesserscharf.
»Zugekifft?«, echote Leo dümmlich, während ihre Gedanken rasten.
»Zugekifft. Stoned. Der Zustand, den man nach intensivem Genuss von Haschisch erreicht«, fiel die Rothaarige ein. »Oder von anderen Drogen. In diesem Fall ein mordsmäßiger Joint. Solche Formen der Freizeitgestaltung sind Ihnen natürlich völlig unbekannt, nehme ich an.«
Falls das eine sarkastische Bemerkung sein sollte, war sie an Leo verschwendet.
|39|»Es gab keine Party, jedenfalls nicht mit mir. Und außerdem bevorzuge ich Rum«, sagte sie mechanisch und ließ einen irritierten Igel und dessen kopfschüttelnden Kollegen zurück.
Bei Wang Li herrschte an diesem Abend Hochbetrieb. Als Leo ihr Rad am Imbiss vorbei in den Hof schob, wurde schon die Küchentür aufgerissen:
»Leo, kannst du helfen?« Su Jings rundes Gesicht war gerötet von Aufregung und Küchenhitze. Leo spähte an ihr vorbei in die Küche. Eine der alten Frauen saß am Tisch und zerlegte mit zittrigen Händen ein Hühnchen, während Wang Li am Herd stand. Dem sehnigen kleinen Mann mit dem zerfurchten Gesicht fehlten die rechte Daumenkuppe und das erste Glied des linken kleinen Fingers, was ihn aber nicht hinderte, akrobatisch mit schweren Eisenpfannen und brodelnden Töpfen zu hantieren. Andeutungsweise hatte Leo von früheren Problemen mit der chinesischen Mafia gehört, aber niemand sprach darüber und sie hütete sich, nachzufragen. Chinesische Kochmesser waren jedenfalls höllisch scharf, und Leo nahm sie nur mit äußerstem Respekt in die Hand.
Su Jing wirkte völlig aufgelöst.
»Die andere Tante ist bei Jian, er hat Zahnweh, und der ehrenwerte Onkel braucht dringend jemanden für das Gemüse, und ich muss bedienen!«
Im Handumdrehen fand sich Leo mit Schürze und Messer vor einem Berg Möhren, Paprika, Chinakohl, Pak-Choi-Salat und Pilzen wieder. Die Frau fürs Gemüse. Irgendwie ganz passend.
Wang Li lächelte, dass sein Silberzahn aufblinkte, und auch die alte Frau bedachte Leo mit einem freundlichen Nicken, |41|aber die seltsame Spannung zwischen ihnen und Su Jing war fast mit Händen zu greifen. Keiner sah den anderen an, und geredet wurde auch nicht. Eigenartig. Ob sie sich gestritten hatten?
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