In diesem Augenblick querte eine ältere Dame mit ihrem Rollator unseren Weg.
„Ach, ist der süß! So ein kleines Hundchen hatte ich auch! Leider …“
Wir blieben stehen. Flo begrüßte die Dame ausführlich schnuppernd, sprang vorsichtig an ihr hoch, um gestreichelt werden zu können.
Ich sah, wie sie einige Tränen wegfegte, ein wenig traurig-resigniert, mehr wütend.
Auf meine Nachfrage sprudelte es aus ihr heraus. Sie musste in eine Wohnung des Betreuten Wohnens ziehen. Ihren liebsten Begleiter, nach dem Tode ihres Mannes, durfte sie nicht mitnehmen.
„Wissen Sie“, empörte sie sich, „mein Stupsi sieht genauso aus wie ihr Flo, haart nicht, ist stubenrein, ruhig, versteht jedes Wort, bellt nicht unnötig, kurz ein ganz liebes Kerlchen. Ich vermisse ihn so!“ Verstohlen strich sie ihre Tränen aus den Augen. „Wo ist ihr Hundchen jetzt“, fragte ich anteilnehmend.
„Bei Bekannten. Am Wochenende kann ich ihn besuchen. Aber, das reicht einfach nicht! Der Vermieter müsste doch wissen, dass es mir viel besser ginge, wäre mein Hund bei mir! Aber, das ist dem egal. Vorschrift ist Vorschrift!“
Sie schob ihren Rollator weiter über das Kopfsteinpflaster, müde, weinend.
Lange dachte ich über unsere Gesellschaft nach, über die Lieblosigkeit, über mangelnde Flexibilität, über die Gewinnsucht und das Verhältnis der Menschen zueinander. Flo sprang an mir hoch, stupste mich, als wollte sie sagen: Ich bin bei dir!
Wieder kamen Aloys und seine Frau Simone zum Doppelkopf-Spielen zu uns. In Begleitung Emma und ihr Neuzugang, Pöffel, ein halbes Jahr jung, ebenfalls ein reinrassiges Zwergschnautzer-Mädchen.
Im Gegensatz zu Flo, die uns als Zwergschnautzer angeboten worden war, sich allerdings als Hybridhündin herausstellte. Ein ‚Schnoodle‘, eine Kreuzung zwischen zwei Rassehunden, Zwergschnautzer und Zwerg-Pudel, in den USA weit verbreitet, bei uns als Rassehund nicht anerkannt.
Emma schlich stiekum unsere Treppe zum Obergeschoß hinauf. Pöffel blieb unten, weil das Treppensteigen zu gewagt war. Als Emma wieder herunterkam, muss sie Flo gesagt haben, dass dort oben ein Geist sei, sie solle vorsichtig sein, bloß nicht allein hochgehen.
Was passierte?
Als wir uns am Spätabend nach oben begeben wollten, streikte Flo auf halber Treppe. Auf meinen Armen streckte sie alle Viere von sich und zitterte vor Angst. Als sie sich an den folgenden Tagen ebenfalls weigerte, versuchten wir, den Grund für ihre Angst zu erforschen. Wir fanden nichts und erklärten ihr, dass sie keine Angst zu haben brauche, Emma hätte sich wohl geirrt.
Was geschah?
Am nächsten Tag glaubte ich zu träumen, als ich sah, wie Flo sich auf der viertletzten Stufe umdrehte und rückwärts die vier Stufen nach oben stakste. Mit beiden Hinterläufen und dem Po zuerst, jede einzelne Stufe sich hochdrückend. Es sah so drollig aus!
Welche Denkleistung muss dahinter stecken, wurde mir bewusst, wenn Flo der Gefahr nicht ins Auge sehen will, sondern dem Feind den Hintern zeigt!
Dieses Verhalten demonstrierte sie auch unserem Tierarzt und anderen Freunden, die sich vor Lachen bogen und gleichzeitig überrascht von dieser Reaktion waren.
Mir als Jäger wird ganz schlecht, wenn ich darüber nachdenke, wie gleichgültig, oberflächlich, unwissend mein Verhältnis trotz aller angelesenen Kenntnisse zu Tieren war und ist.
Dieses kleine Wesen, auf meine Frau und mich gleichermaßen fixiert, ändert meine Sichtweise Tieren gegenüber grundlegend.
Der Gedanke erschreckt mich: Wenn meine Frau und ich mich trennen würden, bei wem soll Flo dann leben? Flo, die genau weiß, dass sie uns beiden die Gleiche Nähe zeigen muss, damit der eine nicht auf den anderen eifersüchtig ist.
Vielleicht spinne ich, mache ich mir etwas vor, aber, Flo würde verkümmern, hätte sie nur einen von uns beiden!
Und wenn das so ist, dann mag ich nicht darüber nachdenken, was ich mit meinen Scheidungen bei meinen Kindern angerichtet habe. Wie gnadenlos bin ich als Mensch.
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