„Der Gärtner. Kennen Sie ihn näher?“ Höflich sah ihr in die Augen.
„Igor? Er arbeitet genau wie ich nur nach Bedarf hier.“ Lulu runzelte die Stirn. „Doch wenn Sie ihn befragen, seien Sie nachsichtig mit ihm.“
„Warum?“ Höflich verlor sich in dem Blau ihrer Augen.
„Nun, er ist … ein scheuer Mensch.“ Beide sahen sich sekundenlang an. Schließlich räusperte sich Höflich. „Ehm, danke. Das war vorerst alles.“
Er beobachtete, wie sie, froh es überstanden zu haben, dem Ausgang zu strebte. Als sie an der Tür angekommen war, fiel ihm ein, was er sie schon die ganze Zeit über fragen wollte.
„Hat Herr Maus auch einmal selbst gekocht?“ Sie drehte sich zu ihm um und lächelte.
„Nein. Er hat nie etwas selbst getan. Das taten immer andere für ihn.“ Dann ging sie mit wogenden Hüften hinaus.
Höflich starrte lange auf die geschlossene Tür. Ihm schien es so, als hätte sich an dieser Stelle ein seltenes Feenwesen entmaterialisiert und wurde durch den umgekehrten Vorgang wieder zurückerwartet. Wirklich. Sie war ihm eine Augenweide.
„Hm, Hm …“ Rosenkranz räusperte sich leise. „Eine attraktive Frau?“
„Oh ja … Ehm, wie bitte?“ Kommissar Höflich sah seinen Assistenten an, als wundere er sich, dass dieser immer noch da war.
„Sagten Sie etwas?“ Er tat plötzlich sehr geschäftig. „Es gibt noch viel zu tun. Also halten Sie mich nicht auf.“
„Ehm, ich sagte nur …“
„Wirklich Rosenkranz“, unterbrach er seinen Assistenten, „ich kann mich vor Arbeit kaum retten. Stehen Sie nicht hier herum. Sehen Sie nach, wo der Gärtner steckt und bringen Sie ihn in die Bibliothek!“
Er selbst begab sich auf die Suche nach Kirschkern. Er durchquerte die Eingangshalle und trat durch eine Glastür in den Garten.
Die Fundstelle der Tatwaffe war markiert und abgesperrt worden. Die Tatwaffe selbst, die gefrorene Weihnachtsgans, befand sich auf dem Weg ins Labor. Im Garten war niemand mehr.
Kommissar Höflich hörte Stimmen, doch das Team der Spurensicherung hatte sich offenbar wieder ins Haus zurückgezogen.
Nachdenklich ließ er seinen Blick über die verschneite Gartenlandschaft schweifen. Links und rechts des Weges, hinter den Hecken standen Rosenstöcke, die, als Schutz gegen die Kälte, je nach Empfindlichkeit der Sorte, eingepackt waren.
Die Hecken sowie einzelne Bäume waren beschnitten worden und zeugten ebenfalls von der pflegenden Hand eines Gärtners.
Obstbäume zogen sich linker Hand über die verschneite Fläche. Dazwischen stand auf einem Stamm ein selbstgezimmertes Vogelhäuschen.
Zwei Nebelkrähen verscheuchten eine Schar gieriger Spatzen, um die Reste der Mahlzeit unter sich aufzuteilen. Höflich zollte ihnen widerwillig Respekt. Kopfschüttelnd wandte er sich ab.
Etwas weiter entfernt ging der Garten in eine Parklandschaft mit üppigen Stauden und hohen alten Bäumen über.
Höflich fiel auf, dass es dort, im Gegensatz zu den Vorgärten, keine Zäune gab. Man konnte praktisch von einem Grundstück auf das andere gelangen. In diesen Kreisen kannte man sich offenbar gut genug und respektierte auch so die Grenzen.
Hinter dem Park stieg die Ebene zu einem Hügel an. Am Fuße des Hügels befanden sich einige Häuser. Vermutlich handelte es ich um einen Bauernhof. Wenn es hier überhaupt keine Begrenzung gab, konnte es da nicht sein, dass aus dieser Richtung der Mörder gekommen war?
Das würde auch erklären, warum den Nachbarn nichts Verdächtiges aufgefallen war. Das hatte zumindest eine Befragung seiner Kollegen ergeben.
Vielleicht war es ein Pächter in Geldnöten gewesen? Er erinnerte sich wage. Die Stadt war nicht groß. Es hatte sich herumgesprochen. Außerdem hatte es im „Heumarkt“, dem hiesigen Provinzblatt gestanden. Das Land war aufgekauft worden, von keinem Geringeren, als Anatol Maus.
Höflich blinzelte, denn der Schnee blendete ein wenig, und auch die späte Wintersonne, die gerade hinter den Bäumen stand, schickte ihren sanften goldenen Glanz zwischen ihnen hindurch.
Dieser Glanz erwärmte sein Herz, und ihm fiel wieder ein, dass morgen Weihnachten war.
Höflich war nicht verheiratet, und er hatte auch keine Kinder. Das und die Tatsache, dass auch sonst niemand auf ihn wartete, außer vielleicht seine betagte Tante, ließen ihm die Freiheit, seinen Urlaub so zu gestalten, wie es seinen Vorlieben entsprach.
Er bevorzugte gute, besondere Hotels mit nostalgischem Ambiente. In so einem Hotel hätte er gern seine Weihnachtsferien verbracht.
Brauchte er jemand anderen dazu?
Nein. Er wollte wie sein großes Vorbild, Hercule Poiroit, vor einem ausgesuchten Mittagessen in einem schönen alten Hotel sitzend an seinem Sherry nippen und seinen grauen Zellen eine Ruhepause gönnen.
In aller Entspanntheit wollte er dann, wie er es gern in den seltenen Fällen von Ausgeglichenheit tat, die anderen Gäste beobachten und ihnen Geschichten andichten, wobei er ihnen, um dem Ganzen eine besondere Würze zu geben, dunkle Geheimnisse unterzuschieben gedachte.
Wie in einer heimlichen Übereinstimmung begannen in diesem Moment die Glocken zu läuten, als Einladung zur Christvesper. Er wäre gern in eine Kirche gegangen.
Stattdessen steckte er in einem Mordfall, der ihm Rätsel aufgab. Das war nicht bei allen Fällen so. Bei einigen war es klar ersichtlich, wer der Täter war. Oftmals stellte sich dieser selbst. Ihm blieb dann in der Hauptsache die Aufgabe, die Aussagen zu überprüfen und Berichte für den Staatsanwalt anzufertigen. Überhaupt war sehr viel Verwaltungsarbeit erforderlich.
Doch hier lag der Fall anders. Es musste ermittelt, geprüft und überlegt werden. Hier war kriminalistischer Spürsinn erforderlich. Jawohl.
Dieser Fall forderte ihn heraus. Seufzend wandte er sich wieder dem Eingang zu. Er musste mit Kirschkern sprechen. Das Hotel musste warten.
Rosenkranz, der der Anweisung seines Vorgesetzten gefolgt war, hatte, nachdem er die Notizen über die Vernehmung der Köchin auf Vollständigkeit überprüft hatte, die Villa verlassen und sich auf die Suche nach dem Gärtner begeben.
Der hatte, nachdem er gebeten worden war, das Gelände nicht zu verlassen, alle Wege und Zufahrten vom Schnee befreit und befand sich nun, wie ihm einer der Kollegen verriet, in einem der abseits gelegenen ehemaligen Wirtschaftsgebäude.
Rosenkranz begab sich in den verschneiten Park und wanderte den vom Schnee befreiten Weg entlang, der einen leichten Hügel hinauf, direkt zur Vorderseite der Gebäude führte.
Er rüttelte an Türen. Sie waren verschlossen.
Wieder vernahm er, dieses Mal ganz aus der Nähe, das Bellen eines eher kleinen Hundes, das in ein Winseln endete. Nach einer Weile erklang erneutes Bellen. Bereits vor einiger Zeit hatte ein ähnliches Bellen seine Aufmerksamkeit erregt.
Sicher war der Gärtner nicht weit. Er ging um die Gebäude herum.
Die bereits im Westen stehende Sonne strahlte von einem noch immer blauen Himmel. Doch die Luft war eisig kalt. Zwölf Grad unter Null hatte der Wetterbericht vorausgesagt. Die Kälte brannte in seinem Gesicht. Mit zusammengekniffenen Augen und einem leisen Seufzer des Bedauerns sah er über die schöne Winterlandschaft. Ideales Wetter zum Skifahren. Ursprünglich wollte er mit zwei Freunden über die Feiertage in die Berge fahren. Das war, bevor er erfahren hatte, dass er sich zum Dienst bereit halten sollte.
Seit einem Jahr arbeitete in der Mordkommission, und er hatte es keinen Tag bereut.
Für die Zukunft hatte er ehrgeizige Pläne. Gegen seinen Chef, dem er vor sechs Monaten zugeteilt worden war, hatte er nichts. Auch wenn man ihn einstimmig vor den Kommissar gewarnt hatte.
Denn Kommissar Höflich war, wegen seiner vielen Grillen und aufgrund seiner unorthodoxen Methoden, denen er sich bediente, nicht gerade beliebt. Doch Rosenkranz hatte sich arrangiert und bewunderte seinen Chef sogar ein wenig.
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