„Hmm, wir werden Ihre Aussage überprüfen müssen, Frau Grünspan“, sagte Kommissar Höflich ernsten Gesichtes und schickte seinen Assistenten Rosenkranz zur genannten Adresse, um sich das Alibi der Köchin bestätigen zu lassen.
„Wenn Sie das müssen …“, seufzte Ludmila Grünspan und sah ihn mit ihren blauen Augen an, dass sich Höflich wünschte, ihr in einer anderen Situation begegnet zu sein.
„Reine Routine …“, entschuldigte er sich. Ihm wurde plötzlich bewusst, dass er mit ihr allein war. „Leben Sie allein?“ Spontan war ihm diese Frage über die Lippen gekommen? Gleich darauf spürte er, dass er rot wurde und wandte sich ab. Er hatte gar nicht weiter nachgedacht. Jetzt hätte er sich dafür ohrfeigen können, so taktlos zu sein.
Doch Ludmila Grünspan schien es gar nicht zu bemerken.
„Ja. Vor einem Jahr ist meine Mutter gestorben. Seitdem lebe ich allein.“
„Oh“, machte Höflich nur und versuchte wieder einen klaren Kopf zu bekommen.
„Was sollten Sie heute für den Verstorbenen erledigen? Denn er erwartete ja Gäste. Richtig?“
„Ja, richtig. Er wollte gern, dass ich ein Abendessen mit drei Gängen für zwei Personen vorbereite sowie ein Kindermenü.“ Als der Kommissar sie immer noch abwartend ansah, fuhr sie fort: „Pastanester mit Garnelen, gefüllte Gurkenhäppchen mit Räucherlachssalat, Kalbskotelett mit Steinpilzen und Herzoginkartoffeln und als Nachtisch Créme brûlée. Für den späteren Abend war eine Feuerzangenbowle geplant.“
„Ehm, verstehe, danke.“ Offenbar war sie eine ausgezeichnete Köchin. Höflich lief das Wasser im Mund zusammen. Ein Grund mehr ….nun ja.
Doch er runzelte die Stirn. Jetzt musste Klartext gesprochen werden: „Und wann soll es die Weihnachtsgans geben?“
„Die Weihnachtsgans?“ Die Köchin wirkte erstaunt. „Na, die gibt es doch morgen. Ehm, das heißt, es hätte sie morgen gegeben“, verbesserte sie sich.
„Herr Maus hatte sich für den Weihnachtstag ein typisch deutsches Gericht, eine Weihnachtsgans gewünscht.“
„Das hätte er sich nicht wünschen sollen, denn nun hat er sie schon heute bekommen“, meinte Höflich lakonisch.
„Wie bitte?“
„Wie ich es bereits sagte. Er hat sie schon heute bekommen.“ Höflich beobachtete die Köchin gespannt. „Ich verstehe nicht.“ Ludmila Grünspan schien völlig verwirrt.
„Wie könnte Herr Maus sie heute schon bekommen haben, denn sie ist doch noch tief gefroren!“ Sie sah ihn kopfschüttelnd an.
„Richtig, Frau Grünspan!“ Höflich erhob sich und ebenfalls seine Stimme. Private Befindlichkeiten hatten hier keinen Platz.
„Sie ist noch tief gefroren! Schockgefrostet! So heißt es wohl richtig. Bei Minus 10 Grad oder so.“ Höflich hatte seine Hände auf dem Rücken verschränkt und lief dozierend durch den Raum. Dann machte er vor Ludmila Grünspan Halt, die ihn verständnislos ansah, und starrte auf sie herab.
„Sie, Frau Grünspan, waren die einzige, die um die gefrostete Gans wussten.“ Dann machte er eine wohl berechnete Pause, in der sich die Angesprochene immer unbehaglicher fühlte.
Schließlich sprach er langsam weiter, indem er jedes Wort einzeln betonte: „Und Sie waren es auch, die diesen Vogel dem Frostfach entnahm und damit so lange auf den Kopf Ihres Opfers einschlugen, bis dieses aus seinem Sessel fiel und unter seinem eigenen Weihnachtsbaum verstarb!“ Höflich war sehr laut geworden. Nun musste er erst einmal Luft holen.
„NEIN!“, rief da Ludmila Grünspan und wich zurück. „NEIN! Ich kenne Herrn Maus fast mein ganzes Leben. Nie könnte ich ihm so etwas antun.“ Dann bedeckte sie ihr Gesicht mit den Händen.
„Aber Sie wussten um die Gans!“ Höflich ließ nicht locker.
„Die Küche und auch der Gefrierschrank sind für jeden zugänglich!“ Wehrte sich schluchzend die Köchin.
„Und wenn wir schon dabei sind, im Gefrierschrank befinden sich auch noch ein gefrostetes Kaninchen, sowie die Lende einer Ziege. Weshalb also die Gans!“ Sie konnte ihrerseits auch aufbrausend sein.
„Weil keines dieser Viecher über fünf Kilo wiegt! Deshalb!!“ Höflich hatte es geschrien.
„Naja“, jetzt wurde er ruhiger, „vielleicht wird das nächste Opfer ja mit einer Ziege erschlagen. Wer weiß das schon in diesem Irrenhaus.“
Im nächsten Moment ging die Tür auf und herein kam Rosenkranz, der von seiner Zeugenbefragung zurückgekehrt war. Seine Mitteilung für den Kommissar lautete: Frau Grünspan arbeitete tatsächlich als Köchin in der Villa „Agatha“ in der Nummer 45. Und sie hatte den ganzen Vormittag dort gearbeitet, um das Menü für den Abend vorzubereiten. Die Familie kann es bezeugen.
Damit hatte die Dame ein Alibi.
„Nichts für ungut Madame.“ Höflich deutete eine leichte Verbeugung an. Er war etwas erschöpft.
Nun ja. Auch Hercule Poiroit, der, mit Hilfe seiner grauen Zellen, jeden seiner Mordfälle aufzuklären imstande war, traf nicht gleich beim ersten Versuch ins Schwarze.
Dazu muss gesagt werden, dass Höflich ein heimliches Vorbild verehrte, und das war niemand Geringerer als der berühmte Detektiv aus den Werken der Kriminalautorin Agatha Christie.
Lulu war noch immer betroffen. Doch allmählich begriff sie, dass sie nun des Verdachtes ledig war. „Ich, ehm ich …“ Höflich setzte sich ihr gegenüber. „Ich war wohl etwas grob. Ich …“
„Nein. Ich verstehe das“, sprach sie mit einem koketten Augenaufschlag. „Sie müssen sicherlich so vorgehen. Ich glaube, Sie sind ein sehr guter Polizist.“
„Oh …“ Höflich fühlte sich geschmeichelt und glättete sich etwas verlegen die Frisur, in der Hoffnung, dass die kahle Stelle nicht zu sehen war.
„Danke. Gestatten Sie mir daher noch einige wenige Fragen.“ Er wurde wieder ernst und nickte seinem Assistenten wohlwollend zu.
Dieser hätte beinahe nicht begriffen, was sein Chef von ihm wollte. So sehr war er von dem Bild, das die beiden boten, gefesselt. Oho, dachte er.
Dann fiel es ihm noch rechtzeitig ein, und er zückte sein Notizbuch.
„Wie kamen Sie mit Herrn Maus, als Ihrem Chef, aus? Gab es auch mal Ärger?“
„Oh, eher selten. Wir kamen meist gut miteinander aus. Er hat gesagt was er wollte, und ich habe es getan.“
„Er war Inhaber eines Gourmetrestaurants. Als ein Kenner der guten Küche hatte er da nicht hin und wieder etwas auszusetzen?“
„Kleinigkeiten. Ansonsten hat er immer gern gegessen, was ich gekocht habe. Ich kann ziemlich gut kochen, wissen Sie.“
„Das glaube ich gern“, sagte Höflich und lächelte, während er sich wünschte, auch einmal in diesen Genuss zu kommen.
„Doch sagen Sie, warum ist Frau Maus ausgezogen?“
„Oh, naja, ich denke, ihre Ehe war am Ende. Herr Maus war viel geschäftlich unterwegs. Ninuschka kümmerte sich sehr gut um die Kinder und das Haus und alles.“
„Sie meinen Frau Maus?“
„Ja.“
„Gab es Streit?“
„Ja, natürlich!“
„Wieso natürlich?“
„Nun frage ich Sie: Ist es etwa richtig, dass ein Ehemann und Familienvater sich kaum um Heim und Familie kümmert, weil er viel zu beschäftigt damit ist, den Frauen zu gefallen, ausgenommen der einen, mit der er verheiratet ist?“
„Wollen Sie damit sagen, Frau Grünspan, dass der Verstorbene seine Frau betrogen und seine Familie vernachlässigt hatte?“
„Ja. Das hatte er. Doch weiter möchte ich dazu nichts mehr sagen.“
„Aha. So. Verstehe.“ Das warf ein neues Licht auf den Fall. Höflich musste sich vorerst damit zufrieden geben. „Eine andere Frage: Wissen Sie etwas darüber, ob Herr Maus Feinde hatte? Ich meine Personen, die ihn nicht mochten.“
„Möglich, dass es sie gibt. Doch Genaues weiß ich nicht.“
Langsam wurde die Köchin ungeduldig. Das konnte Höflich spüren. Es drängte sie wieder danach, etwas Handfestes zu tun.
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