Jedes der neun Muster umfasst eine große Bandbreite, die wir uns wie eine kontinuierliche Skala vorstellen können, die zwischen den Extrempolen „unreif“ und „gereift“ verläuft. Ein unreifer Mensch – gleichgültig, welchem der Muster er angehört – ist in sich selbst gefangen. Martin Luther sprach vom „homo incurvatus in se ipsum“, vom „in sich selbst verkrümmten Menschen“. Solche Personen nehmen sich selbst zu ernst und meinen, ihr Blickwinkel sei das Ganze. Die Sufis nannten das Enneagramm der Legende nach das „Antlitz Gottes“. Sie stellten sich den Erlösungsweg des Menschen so vor, dass er immer fähiger wird, den eigenen Standort zu verlassen, um das Leben von einer anderen Warte aus zu betrachten als von der antrainierten und fixierten eigenen Verengung. Der Schritt über den eigenen Standort hinaus lässt sich relativ leicht zu den „Flügeln“ oder Nachbarnummern hin vollziehen. Je weiter man sich aber von der eigenen Zahl entfernt, desto schwieriger wird es. Die Energien, die auf der anderen Seite des Kreises angesiedelt sind, erscheinen uns zunächst fremd und fern zu sein. Aber wie bereichernd könnte es sein, wenn wir innerlich dorthin gelangen könnten! Wenn wir fähig wären, uns alle neun Paar Schuhe anzuziehen und die Wirklichkeit von allen neun Seiten anzusehen, dann würden wir die Welt gleichsam mit den Augen Gottes betrachten. Die in sich selbst gefangene, unreife Person ist dazu nicht fähig.
Am anderen Ende des Spektrums finden wir die gereifte Persönlichkeit. Keiner von uns ist dort bereits angelangt. Wir alle befinden uns irgendwo zwischen den beiden Polen. Je älter und reifer wir werden und je näher wir Gott, dem Zentrum, kommen, desto mehr bewegen wir uns auf die erlöste Seite zu. Um das zu tun, braucht man übrigens nicht das Enneagramm zu kennen. Wir sind nicht die neuen Übermenschen, weil wir es haben. Das Enneagramm artikuliert etwas, was spirituell gereifte Menschen schon immer intuitiv erfasst und praktiziert haben.
Man spürt sofort, wenn man solch einem befreiten, ganzen Menschen begegnet. Wir alle sind fähig und berufen, diesen Weg zu gehen. Eine große Hilfe ist die Gemeinschaft. Ein Eigenbrödler wird selten wirklich bekehrt werden, denn er isoliert sich von jenen anderen Stimmen und Wahrheiten, die die eigene Wahrnehmung herausfordern und ergänzen.
Erlösung ist das Werk der Gnade Gottes, das sich ohne unser Zutun ereignet, wenn wir loslassen und uns einer größeren Wirklichkeit aussetzen, wenn wir uns ins Zentrum fallen lassen: in Gott. Wenn das geschehen ist, werden wir merken, dass selbst das Loslassen und Sich-Öffnen für Gott nicht unser Werk war, sondern Gottes Liebeswerben um uns zu verdanken ist.
Anders als andere Autoren verzichten wir darauf, den neun Typen zu den Zahlen auch noch festlegende Namen zu geben. Die Klassifizierung durch Nummern verdeutlicht, dass es nicht um Wertungen geht. Alle neun Typen sind „gefallene Menschen“ und bedürfen der Erlösung, um immer mehr die zu werden, die sie vor Gott bereits sind. Kein Typ ist besser oder schlechter als die anderen. Alle neun sind erlösungsbedürftig und alle neun haben einmalige Gaben, die nur sie auf diese Weise in die Gemeinschaft einbringen können.
Es wurde bereits gesagt, dass die Auseinandersetzung mit dem Enneagramm vor allem in den Jahren der Lebensmitte und danach sinnvoll ist. In dieser Zeit haben einige bereits so viel „innere Arbeit“ hinter sich, dass vieles von dem, was in den Typenbeschreibungen gesagt wird, nicht mehr im vollen Umfang auf sie zutrifft. In der Zeit um 20 herum leben wir in der Regel am unmittelbarsten aus unserer Hauptenergie. Deshalb ist es ratsam, sich bei der Lektüre der Beschreibungen ab und zu fragen: „Wie war ich, als ich 20 war?“
Jede der Beschreibungen ist in vier Abschnitte gegliedert: Nach einem ausführlichen Überblicküber den jeweiligen Typ stellen wir sein spezifisches Dilemmadar. Das umfasst die typenspezifische Versuchung, auf eine ganz bestimmte Weise mit den Konflikten des Lebens umzugehen; die jeweiligen Wurzelsünden (= Leidenschaften), Vermeidungenund Abwehrmechanismenwerden beschrieben. Erste Hinweise auf die Gabe oder Geistesfrucht, die ja die Kehrseite der Wurzelsünde darstellt, finden sich ebenfalls in diesem Teil. Schließlich wird die Falleoder Fixierung des jeweiligen Typs erläutert. Damit ist sein eingefahrenes Wahrnehmungs- und Handlungsmuster gemeint, das unbewusste Lebensprogramm. In einem dritten Schritt folgen Symbole(Tiere, Länder, Farben) und Beispieleaus Literatur, Geschichte und Bibel. Am Ende stehen Hinweise auf das, was zur jeweiligen Umkehrund Reifungbeitragen kann: die spezifische Berufung oder Einladungzur Veränderung, besondere Lebensaufgabenund Anregungen für den Umgang mit sich selbst. Die Darstellung eines oder einer Heiligen, das heißt einer Person, die – ohne ihren Typ zu verleugnen – ihre Gabe schöpferisch in den Dienst des Lebens gestellt hat, rundet diesen letzten Teil jeweils ab. Am Ende dieses Buches finden Sie auf vier Seiten alle Begriffe in einer Tabelle zusammengefasst. Sie können diese Seiten heraustrennen und – zu einem kleinen Merkheft gefaltet – als Hilfsmittel bei der Lektüre des Buches, aber auch bei Gesprächsgruppen zum Enneagramm verwenden.
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